Seit dem Frühjahr 2025 konnte Hendrik Holt die Justizvollzugsanstalt (JVA) im Süden von Berlin am Tag verlassen. Nun hat der wegen Betrugs verurteilte Unternehmer die Erleichterungen des offenen Vollzugs genutzt, um sich vermutlich ins Ausland abzusetzen. Wie die Staatsanwaltschaft Osnabrück auf Anfrage der F.A.Z. schriftlich bestätigte, kehrte Holt am 25. August, also vergangenen Dienstag, nicht von einem genehmigten, unbegleiteten Ausgang in die JVA zurück.„Mittlerweile liegen Tatsachen vor, aufgrund derer von einer Flucht auszugehen ist“, teilte ein Behördensprecher mit. Holt habe schriftlich per E-Mail gegenüber der JVA ausrichten lassen, dass er nicht zurückkehren werde. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück hat schon Fahndungsmaßnahmen eingeleitet.Zu langer Haftstrafe verurteiltDas Landgericht Osnabrück hatte Holt im Jahr 2022 wegen bandenmäßigen Betrugs, Bestechung und Urkundenfälschung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von mehr als acht Jahren verurteilt.Am Donnerstagnachmittag hat der Instagramaccount „hendrikrichardholt“ ein Bild und ein Video hochgeladen, die aus Moskau sein sollen. Der Account lädt seit November 2025 Bilder von Holt hoch, hat über 60.000 Follower und ist verifiziert. Beide Beiträge wurden als Story hochgeladen; sie verschwinden also nach einem Tag automatisch. Das Bild zeigt eine Straße bei Nacht, darüber steht „Liebesgrüße aus Moskau sehr schön hier der Kaviar ist fantastisch“. Der Bildausschnitt des Videos schwenkt von einem pinken Haus zu einem gelben.Screenshot aus dem Instagramvideo: Das rote Plakat auf dem gelben Haus wirbt für eine Oper.InstagramEiniges deutet darauf hin, dass dieses Video aus Moskau ist. Die F.A.Z. hat das Video mit Straßenansichten von Yandex Maps verglichen. Yandex Maps ist ein russischer Kartendienst. Demnach befindet sich das pinke Haus im Stadtteil Basmannyj im Nordosten Moskaus. Auf einer Straßenansicht aus dem Jahr 2025 sieht man an dem gelben Nachbarhaus ein rotes Plakat, das für eine Opernaufführung wirbt. Dieses Plakat ist auch in der Instagramstory erkennbar.Zweifel bleiben: Ist Holt wirklich am Ort?Auch das Wetter würde ins Bild passen: Laut dem Wetterdienst der World Meteorological Organization war es am Donnerstagnachmittag bewölkt, was dem Bild auf Instagram entspricht. Trotzdem ist unklar, ob Holt selbst zu diesem Zeitpunkt dort war. Denkbar ist auch, dass jemand anderes das Video aufgenommen hat, auch schon vor einer Weile. Insbesondere ist es leichter geworden, Videos mithilfe von Künstlicher Intelligenz zu verfälschen.Der heute 36 Jahre alte Holt galt einst als unternehmerisches Wunderkind aus dem Emsland. Der Unternehmer vermarktete mit anderen Beteiligten im großen Stil Windparks, die nur auf dem Papier existierten. Mehrere ausländische Energiekonzerne fielen auf diesen Schwindel und gefälschte Dokumente herein und schlossen Projektverträge mit Holts Unternehmensgruppe ab. Im Frühjahr 2020 erfolgte seine spektakuläre Festnahme im Berliner Nobelhotel Adlon. Die Ermittler beschlagnahmten mehrere Luxuslimousinen, Schmuck und Bargeld.Freiheiten im offenen Vollzug genutztEine Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Osnabrück verurteilte Holt im Jahr 2022 zunächst wegen des Betrugs zu einer Gefängnisstrafe von siebeneinhalb Jahren. Aufgrund anderer Urteile erhöhte sich diese Strafe später. 2023 zogen Holt und weitere Mitangeklagte ihre Revisionsanträge beim Bundesgerichtshof zurück. Damit waren die Entscheidungen rechtskräftig.Zunächst saß Holt in einem Gefängnis in Niedersachsen, wurde dann aber im Sommer 2023 auf seinen Antrag hin nach Berlin verlegt. Im Vergleich zu anderen Bundesländern nutzt die Berliner Strafjustiz den offenen Vollzug deutlich stärker als Maßnahme zur Vorbereitung auf die spätere Entlassung aus der Haft. Der Strafvollzug ist auf die schnelle Integration von verurteilten Straftätern in den Alltag geprägt. Das ist der Berliner Justiz nun im Fall von Holt zum Verhängnis geworden.