König Harald V. von Norwegen ist tot. Ein Nachruf auf einen Monarchen, der einem Land mit Witz und Bescheidenheit Halt gab – und unbequeme Wahrheiten aussprach.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenKurz nachdem er den Thron bestiegen hatte, fragte ihn einer seiner engsten Mitarbeiter gegen Mitternacht am Donnerstag, den 17. Januar 1991, wie es ihm gehe. „Ich habe große Angst“, antwortete der frischgebackene König Harald.Selbstzweifel gehörten wohl zu den Eigenschaften, die ihn ein Leben lang begleiteten. Doch der verängstigte Thronfolger wurde in den Jahrzehnten darauf zu einem echten König des Volkes. Er zeigte Ruhe und Würde, Lachen und Gefühle. Nun trauert ein ganzes Volk um seinen dritten König, seitdem das Land 1905 unabhängig wurde.Es war keineswegs ausgemacht, dass Prinz Harald einmal im Schloss Platz nehmen würde. Als die Deutschen Norwegen am 7. April 1940 überfielen und fünf Jahre lang besetzten, flohen König Haakon und Kronprinz Olav nach London. Haralds Mutter, Kronprinzessin Märtha, und seine beiden Schwestern wurden nach Stockholm geschickt. Im Sommer 1940 lief ein intensives politisches Ränkespiel zwischen den deutschen Besatzern und sogenannten „guten Norwegern“. Ziel war es, König und Kronprinz abzusetzen und den dreijährigen Prinzen Harald zum Kinderkönig eines von Deutschland besetzten Norwegens zu machen. Die Monarchie stand auf der Kippe.Das Präsidium des norwegischen Parlaments schrieb Adolf Hitler einen Brief und verwies auf diese Möglichkeit als eine mögliche Lösung. König Haakon war wütend und verzweifelt, konnte aber kaum etwas tun, außer sich kategorisch zu weigern, an dem teilzunehmen, was sein Biograf Tor Bomann-Larsen als einen „verfassungsrechtlichen Kinderraub“ bezeichnet hat.Der Kinderraub drohte den Verschwörern tatsächlich zu gelingen. Doch dann sagte Adolf Hitler schlicht: Nein. „Es ist merkwürdig, darüber nachzudenken, dass es solche Pläne gab. Wären sie verwirklicht worden, würde ich heute nicht hier sitzen“, fasste König Harald dieses historische Drama später selbst zusammen – ein Drama, in dessen Mittelpunkt er stand, ohne davon zu wissen.Der Bruch der Dynastie durch die NationalsozialistenStattdessen verbrachte er fünf Kriegsjahre im Exil auf Pook Hill außerhalb von Washington D.C. Dort lebte Prinz Harald beinahe wie ein ganz gewöhnlicher Junge aus einer ungewöhnlichen Familie. Nach fünf Jahren kehrte er in ein Norwegen zurück, an das er sich nicht mehr erinnerte. Er war ein Fremder und wusste nicht einmal, was es bedeutete, dass sein Großvater König von Norwegen war. Auch Skifahren konnte er nicht besonders gut. Aber er fügte sich schnell ein und wurde zu einem regelrechten Sport-Enthusiasten.Der Bruch in der Dynastie, an dem das Königshaus knapp vorbeischrammte, hätte das Aus für die Monarchie bedeuten können. Es ist leicht zu übersehen, wie jung das heutige norwegische Königshaus eigentlich ist. Als König Harald geboren wurde, waren erst 32 Jahre vergangen, seit der dänische Prinz Carl nach einer Volksabstimmung norwegischer König geworden war – unter dem Namen Haakon. 1905 lag nicht in ferner Vergangenheit, sondern war noch lebendige Geschichte. Die Geburt von Prinz Harald wurde zur großen Bestätigung dafür, dass diese Dynastie Bestand haben würde.Im Februar 1946 besuchte Prinz Harald die Smestad-Grundschule. Der achtjährige Prinz war damit der erste Thronfolger der Welt, der auf eine gewöhnliche öffentliche Schule ging und dort gemeinsam mit Gleichaltrigen lernte – und dort Freunde fürs Leben fand. Sein bester Freund hatte sogar einen Vater, der mit den Deutschen kollaboriert hatte. „Meine Güte, wir waren acht Jahre alt. Es war nicht die Schuld der Kinder“, kommentierte König Harald später.Als 17-Jähriger verlor er 1954 seine Mutter. Kronprinzessin Märtha war schon seit einiger Zeit krank gewesen, doch ihr Sohn bekam nie die Gelegenheit, richtig Abschied von ihr zu nehmen. Es gab auch niemanden, der dem Jugendlichen dabei half, seine Trauer über den Verlust seiner Mutter zu verarbeiten, der er sehr nahegestanden hatte. Erst gegen Ende seines Lebens sprach König Harald darüber, wie lang der Weg gewesen sei, den er damals gemeinsam mit seinem Vater hinter dem Sarg seiner Mutter vom Schloss zum Dom zurücklegen musste. Die Gesichter waren von Trauer gezeichnet, während die gesellschaftlichen Konventionen den Thronfolger dazu zwangen, sich dem Volk zu präsentieren.Diese Jahre prägten den jungen Thronfolger. Er war schüchtern und wurde unsicher. Später gaben ihm schwedische Zeitungen den Beinamen „Prinz Svårmod“, also „Prinz Schwermut“. Der Name stammt aus einer Zeit, in der es unmöglich schien, dass er die Frau heiraten konnte, in die er sich verliebt hatte.Haralds Kampf um seine Liebe mit einer BürgerlichenDoch 1959 lernte er Sonja Haraldsen bei einer Gesellschaft gemeinsamer Freunde kennen. Das Gespräch verlief leicht, und ihre Hände fanden zueinander. Kurz darauf lud der Kronprinz – diesen Titel trug er seit der Thronbesteigung seines Vaters im Jahr 1957 – sie zum Abschlussball der Militärakademie ein. Ein Foto wurde aufgenommen – und damit begann ein neun Jahre dauernder Kampf um ihre Liebe.Es war schlicht undenkbar, dass ein Thronfolger eine „Frau aus dem Volk“, wie man es damals nannte, heiraten könnte. Die Monarchisten lehnten den Gedanken entschieden ab. Dasselbe taten die Republikaner. Die Argumente waren unterschiedlich, doch in einem Punkt waren sie sich einig: ein entschiedenes Nein zu Sonja Haraldsen. Sein Vater weigerte sich, mit der Freundin seines Sohnes irgendetwas zu tun zu haben. Mehr noch: Er sprach mit dem Kronprinzen niemals über sie. Es war, als würde sie nicht existieren.Die beiden hielten trotzdem durch.Im Frühsommer 1967 machte Kronprinz Harald auf deutliche, aber diplomatische Weise klar, dass nun Schluss sein müsse. Wenn er seine Sonja nicht heiraten dürfe, werde er unverheiratet bleiben. Da kam, wie König Harald es später selbst beschrieb, „Bewegung in die Sache“. Die junge norwegische Dynastie erlebte ihre bis dahin größte Krise in Friedenszeiten, als Kronprinz Harald sich weigerte, seinen berechtigten Kampf gegen eine mehr oder weniger arrangierte Ehe mit einer sogenannten „Prinzessin von Geblüt“ aufzugeben.Im Herbst 1967 bat König Olav die Regierung um eine klare Stellungnahme. Doch genau dazu war der Ministerpräsident mit seinem Kabinett nicht in der Lage. Nach Monaten des Zweifelns und der Skepsis kam die Regierung schließlich zu dem Schluss, dass sie die Ehe „nicht ablehnen“ werde. Das reichte aus, damit König Olav eine bürgerliche Ehe für seinen Sohn – den Thronfolger – akzeptierte.Das Liebesbündnis zwischen Sonja Haraldsen und Kronprinz Harald erwies sich als Glücksfall für die norwegische Monarchie. Nicht nur, weil Kinder geboren wurden, die eine neue Generation für die junge Dynastie auf dem norwegischen Thron sicherstellten. Sondern auch, weil Kronprinz Harald seine Schwermut ablegte. Er wurde sicherer im Umgang mit seinen Landsleuten. Seine Rolle wurde klarer, weil er als Mensch glaubwürdiger und in sich geschlossener wurde. König Harald selbst konnte später sagen, dass Königin Sonja ihm alles bedeutet habe.Die Monarchisten hatten geglaubt, die bürgerliche Ehe des Kronprinzen würde das Ende der Monarchie bedeuten. Die historische Bilanz zeigt das Gegenteil: Sonja Haraldsens Eintritt in einen erstarrten und von Männern dominierten Hof rettete die Monarchie. Als Königspaar unterzeichneten die beiden gewissermaßen ein ebenso notwendiges wie zukunftsweisendes Modernisierungsprojekt für die Monarchie.„Durch seine unbeirrbare Hartnäckigkeit in all den Jahren, bevor er Sonja heiraten durfte, zeigte König Harald eine seiner besten Eigenschaften: eine außergewöhnliche Ausdauer und einen geduldigen Willen, auch lange Wege im Leben zu gehen“, schreibt der norwegische Journalist Harald Stanghelle in der Osloer Zeitung „Aftenposten“. Er gehört zu den besten Kennern des Königshauses und gab 2020 ein Buch über Unterhaltungen mit Harald heraus („Der König erzählt“).Haralds Lebensaufgabe, dem norwegischen Volk zu dienen Als er 1991 seinem Vater auf den Thron nachfolgte, kannte er das Königshandwerk in- und auswendig. Und nicht einen Augenblick lang hatte der frischgebackene König Harald daran gezweifelt, dass er den Wahlspruch seines Großvaters und seines Vaters übernehmen würde: „Alles für Norwegen.“ Für ihn war das kein Slogan, sondern, wie König Harald viele Jahre später formulierte, „eine Lebensregel, die in ihrer Kraft Nahrung aus Glauben und Überzeugung braucht“. Denn der neue Monarch wusste, welche Pflicht und Verantwortung in diesen drei einfachen Worten lagen.Sie waren ein allumfassender Vertrag mit dem norwegischen Volk. Er war vorbereitet, aber er hatte auch Angst. Vielleicht gerade deshalb, weil er wusste, welchen Erwartungen er gerecht werden musste. Kaum ein anderer König hat seine Angst vor der Aufgabe, die auf ihn wartete, so offen eingestanden. „Ich glaube, es kann gesund sein, in dieser Position solche Zweifel zu haben“, sagte König Harald wenige Jahre vor seinem Tod. Er hatte gerade davon gesprochen, dass die Angst mit der Zeit keineswegs verschwunden war. Sie begleitete ihn wie ein Schatten bei seiner Tätigkeit als König, warf aber niemals einen Schatten auf die Lebensaufgabe, die er all diese Jahre auf sich genommen hatte.“Eindringlich erinnerte König Harald an das, was seine Mutter, Kronprinzessin Märtha, ihm eingeprägt hatte: „Du musst du selbst sein, alles andere wird durchschaut.“ Das war letztlich der einzige Rat, den er nach einem langen Leben weiterzugeben hatte. Diese Haltung saß König Harald tief in den Knochen. Er zeigte sie seinem Volk. Und er verlieh einer Rolle, die eigentlich Distanz und Unerreichbarkeit ausstrahlt, menschliche Nähe. Darin liegt der Schlüssel zum Verständnis der großen Zuneigung, die König Harald im Volk erfahren hat. Und auch zum Verständnis der tiefen und echten Trauer über seinen Tod.König Harald teilte die Begeisterung seiner Landsleute für Sport – und Humor. Dort fanden König und Volk zueinander. Das galt auch dann, wenn König Harald mit seiner schnellen Schlagfertigkeit oder seiner entwaffnenden Selbstironie aufwartete. „Ich dachte, ich beginne die heutige Rede damit, den Teil der Thronrede vorzulesen, den ich bei der Eröffnung des Parlaments versehentlich übersprungen habe“, begann König Harald eine seiner Reden vor den Abgeordneten beim jährlichen Schlossdinner. Bei einem Besuch im nordnorwegischen Hadsel nach vielen Jahren Abwesenheit sagte er: „Sowohl ich als auch der Ort haben seit dem letzten Mal deutlich zugenommen.“ Eines der Markenzeichen König Haralds war eine schnelle Antwort, gefolgt von einem entwaffnenden Lachen. Er zeigte ungezwungene Selbsterkenntnis, wenn er scherzte, dass er zu Auslandsreisen mit Wirtschaftsvertretern wohl nur wegen des „Prestigeeffekts“ eingeladen werde. Bereitwillig bekannte er seine Angst vor Menschen ohne Humor und konnte selbst über sein Aussehen, eigene Versprecher und Fehler scherzen.Eine Rede, die Norwegens tiefe Wunden schließtEr mochte es nicht, Reden zu halten. Sein ganzes Leben lang war er von Schüchternheit geprägt. Trotzdem wagte er es, nationale Wunden anzusprechen und erhielt Anerkennung für den Mut, den er dabei zeigte. So etwa, als er sich mit der Verfolgung der mutigen Partisanen des Zweiten Weltkriegs während des Kalten Krieges auseinandersetzte: „Es kann schmerzhaft sein, die Geschichte in einem neuen Licht betrachten zu müssen. Ich empfinde dies besonders, wenn ich vor einem Teil der norwegischen Geschichte stehe, der teilweise totgeschwiegen wurde.“So begann König Harald seine Rede in Kiberg auf der Varangerhalbinsel in Finnmark am Montag, dem 3. August 1992. Dort sprach er am Denkmal für die Partisanen, die im Kampf gegen die deutsche Besatzungsmacht getötet worden waren. Sie hatten für Norwegen gekämpft, waren aber in der Sowjetunion ausgebildet worden. Viele von ihnen wurden getötet. Als der Frieden kam, wurden diejenigen, die überlebt hatten, jedoch von ihrem eigenen Vaterland nicht geehrt. Sie begegneten Misstrauen und Überwachung.Dieses Unrecht war der Grund, warum König Harald nach Kiberg gekommen war: Er wollte es korrigieren. Vor weinenden Veteranen trat er in seiner Admiralsuniform hervor und sprach eine neue Erkenntnis der norwegischen Gesellschaft aus: „Ich fürchte, dass wir einigen Menschen im Schatten des Kalten Krieges zu Unrecht große persönliche Belastungen auferlegt haben könnten.“Eine weitere historische Rede während seiner Zeit als Monarch war die Rede zum Thronjubiläum, durch die viele seiner Landsleute, die sich ausgeschlossen fühlten, in das große nationale „Wir“ aufgenommen wurden. Sie gilt als ein Markenzeichen seines gesamten Wirkens als König. Die Rede im Königinnenpark am 1. September 2016 markierte das 25-jährige Thronjubiläum von König Harald und Königin Sonja. Darin zeichnete der König ein Bild davon, was Norwegen ist – und was Norweger sind. „Einige Norweger haben großes Selbstvertrauen, während andere Schwierigkeiten haben, an sich selbst zu glauben“, stellte König Harald fest. „Norweger sind Mädchen, die Mädchen lieben, Jungen, die Jungen lieben, und Mädchen und Jungen, die einander lieben“, sagte er wenig später in der siebenminütigen Rede. „Norweger glauben an Gott, Allah, das Universum und an nichts“, stellte der König des Landes in seiner Würdigung der Vielfalt Norwegens fest.König Harald selbst definierte die Monarchie als „ein Bindemittel, das die Gesellschaft zusammenhält“. Deshalb war König Harald für die Norweger im besten und eigentlichen Sinne des Wortes: ein König des Volkes.
König Harald V. (†89): Ein schüchterner Mann, der zum König des Volkes wurde - WELT
König Harald V. von Norwegen ist tot. Ein Nachruf auf einen Monarchen, der einem Land mit Witz und Bescheidenheit Halt gab – und unbequeme Wahrheiten aussprach.













