Netflix angestellt, Werbung geguckt. Nanu! Und das, obwohl Netflix-Chef Reed Hastings einst im Brustton der Überzeugung, gewissermaßen für die Ewigkeit in Stein meißelte, seine Zuschauer „nicht mit Werbung ausbeuten“ zu wollen. Aber da der Hype, um ein gewisses Videospiel namens „Grand Theft Auto 6“ gerade keine Grenzen kennt, kann man diese Ausnahme sicher mal verschmerzen. Zumal die knapp 27-minütige Dauerwerbesendung mit Spielszenen (Gameplay) des sechsten Teils der GTA-Reihe aus dem Hause Rockstar Games dort exklusiv zu sehen war und man sich gedacht haben mag: Es gibt angesichts des Hypes immer genügend Leute, die nicht bis zum nächsten Tag warten können, bis die Spiele-Vorschau im Netz zu finden ist, und lieber rasch ein Netflix-Abo abschließen.Lohnt sich das? Nun ja, blickt man in die einschlägigen Foren im Netz, kann man schon mal mit Sicherheit sagen: Die einen sagen so, die anderen so. Die einen fielen vor Begeisterung fast vom Stühlchen: „Kann gar nicht abwarten, es zu spielen!“; „Guckt euch diese riesige Map an“; „Eines der besten Spiele unseres Lebens“; „Ich habe geweint“. Die anderen fanden es grafisch „stunning“, fragten sich aber in der Mehrheit, was das Spiel wohl inhaltlich von seinem irre erfolgreichen Vorgänger unterscheiden soll. Nichts von dem, was zu sehen war, von der erhöhten visuellen Genauigkeit („fidelity“) mal abgesehen, unterscheide den sechsten Teil vom fünften, so der Tenor.Wer sich diesen „Extended Look“ angesehen hat, der wird bestätigen, dass die visuelle Oberfläche des Spiels auf Hochglanz poliert ist – auch wenn viele die niedrige Bildrate des gezeigten Gameplays bemängelten (gezeigt wurde eine Version für die Playstation 5 mit 30 Bildern pro Sekunde). Licht und Schattendynamiken, das Panorama von „Vice City“ (angelehnt an das heutige Miami), Drogenküchen, rasante Verfolgungsjagden, dichter Stadtverkehr, Schießereien in Penthousewohnungen und alles was dazugehört, um diese Gangsterpärchengeschichte zu einem „immersiven“ Erlebnis zu machen. Nicht zu vergessen, ein kluger Soundtrack.Und nun? Zeit ist im weitesten Sinne wohl der wesentliche Faktor in der Wahrnehmung dieses Videospiels, das im November veröffentlicht werden soll: Die längst zum Meme gewordene Zeit, die es gebraucht hat, den sechsten Teil zu entwickeln. Die Zeit, die das Unternehmen hatte, den Hype zu füttern. Die Zeit vor der Veröffentlichung, in der sich auch Medien abseits der Fachpresse fragen müssen, wie vielen PR-Schnipseln sie noch hinterherjagen wollen, um einem Teil ihrer Leser gerecht zu werden. Die Zeit, die es überhaupt bräuchte, um qualifizierte Aussagen über dieses schon vorab mit Superlativen überhäufte Spiel zu machen. Die Zeit, die sich kaum einer nimmt, weil man der brutalen Netzlogik zufolge, doch gern der Erste sein würde. Die Zeit, die Menschen in diesem Spiel versenken werden, weil es genau dafür geschaffen ist, sich und den Überblick in ihm und seinen Details zu verlieren. Und: welche Zeiten wären besser als diese, für eine Welt, die sich per simplem Knopfdruck anschalten und kontrollieren lässt und den Spielern eine ausgiebige Auszeit von der tatsächlichen Welt verspricht?Immer wieder hört man den durch Rockstar-PR geschickt geprägten Satz: GTA sei „mehr als ein Videospiel“. Das stimmt vielleicht insofern, als hier nicht nur mehr als zehn Jahre lang ein Videospiel entwickelt wurde, sondern primär der sichere Erfolg eines Videospiels. Über die eigentliche Qualität als erzählendes Medium, dass sich – wie man bei Rockstar kaum müde wird zu betonen – vor keinem anderen Medium zu verstecken brauche (auch weil es sie längst allesamt in sich aufgenommen hat), lässt sich allerdings erst urteilen, wenn seine Zeit gekommen ist.
Hype um GTA 6: Mehr als nur ein Videospiel?
Fans außer Rand und Band, durch Hacker veröffentlichtes Spielmaterial und nun auch noch Werbung auf Netflix: Grand Theft Auto 6 und kein Entkommen! Einfach mal abwarten ist für viele keine Option mehr.












