KommentarKrämpfe bis zur Ohnmacht: Viele Frauen leiden unter Endometriose. Doch Forschung und Medizin kümmern sich kaum darumEs dauert Jahre bis zu einer Diagnose, die Behandlung ist selten erfolgreich, und die Schmerzen sind extrem stark. Trotzdem fliesst erbärmlich wenig Geld in Erforschung und Therapie der Endometriose.18.03.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenViele Frauen mit Endometriose berichten, schon mindestens einmal vor Schmerzen in Ohnmacht gefallen zu sein.Svetlana Karner / ImagoBei manchen Frauen hören die Schmerzen nie ganz auf. Und während der Menstruation sind sie unerträglich. Dazu kommen oft weitere Symptome wie starke Blutungen, Verdauungsprobleme, Unfruchtbarkeit. Bei einer Endometriose wuchert Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, an Orten, wo es nicht hingehört: im Bauchraum, an Blase oder Darm, in extremen Fällen sogar in der Lunge. Die Wucherungen können tief in andere Gewebe eindringen, Vernarbungen und Verklebungen auslösen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Endometriose ist beim besten Willen keine leichte Erkrankung. Trotzdem werden Frauen und Mädchen damit oft allein gelassen.Bis zu einer Diagnose vergehen im Schnitt sieben Jahre, bei vielen noch deutlich mehr. Und auch danach gibt es wenige gute Optionen. Normale Schmerzmittel helfen kaum. Hormone können zwar die Menstruation stoppen, gehen aber teilweise mit starken Nebenwirkungen einher. Und selbst nach Operationen, bei denen das wuchernde Gewebe entfernt wird, kommen die Schmerzen oft nach wenigen Monaten oder Jahren wieder. Bei vielen läuft die Behandlung so schlecht, dass sich die Schmerzen über Jahre hinweg stärker und stärker aufschaukeln.Unter der Krankheit leidet jede zehnte Frau im gebärfähigen Alter. Doch Forscher und Ärzte lassen diese Frauen im Stich: Sie werden medizinisch gar nicht oder nur ungenügend versorgt. Es liegt an einem medizinischen System, das Schmerzen von Frauen viel zu lange abgetan hat, statt sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Und das auch heute noch der Behandlung und Erforschung der Endometriose viel zu wenig Priorität einräumt.Besser heisst nicht gutErst seit ein paar Jahren fliesst etwas mehr Geld in die Erforschung der Krankheit. In Deutschland fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung seit 2024 die Endometrioseforschung mit rund 5 Millionen Euro pro Jahr. Das ist ein enormer Anstieg der Förderung, denn innerhalb der zwanzig Jahre vorher wurden nur insgesamt 500 000 Euro ausgegeben. Nicht pro Jahr – insgesamt. 500 000 Euro während zwanzig Jahren: Man kann sich vorstellen, wie viele Forscher, Labore und Studien damit finanziert werden konnten: praktisch nichts. Und auch die 5 Millionen Euro pro Jahr, die es jetzt gibt, sind noch wenig. Pro betroffene Frau in Deutschland sind es etwa 14 Euro im Jahr.In der Schweiz hat der Ständerat übrigens Ende 2023 eine dezidierte Förderung der Endometrioseforschung schlicht abgelehnt.Die geringen Investitionen in die Erforschung der Endometriose sind ein Anzeichen dafür, als wie wenig wichtig sie immer noch eingestuft wird. Diese niedrige Priorität erhält die Erkrankung nicht nur in der Forschung, sondern auch im klinischen Alltag. Die nötige komplexe Anamnese und langjährige Behandlung wird meist schlecht vergütet. Entsprechend gering ist der Anreiz für Ärzte, sich zu spezialisieren.Es braucht mehr als nur AufmerksamkeitJa, Endometriose hat in den vergangenen Jahren mehr Aufmerksamkeit bekommen. Das allein hat schon positive Folgen. So dürfen wir hoffen, dass heute weniger junge Mädchen mit starken Schmerzen zu hören bekommen: «Das ist ganz normal.» Oder: «Du bildest dir das nur ein.» Aber das allein löst das Problem nicht. Es ist tragisch, dass wir ihnen noch immer kaum eine Lösung anbieten können. Noch nicht einmal eine Erklärung für ihr Problem können wir ihnen bieten, schliesslich ist noch immer grösstenteils unverstanden, wie Endometriose überhaupt zustande kommt.Deshalb braucht es jetzt den nächsten Schritt: ernsthafte Investitionen in Lösungen. Dazu gehören zuverlässige Tests zur Früherkennung, ein stärkerer Fokus auf Endometriose in der Ausbildung und Fortbildung von Ärzten, mehr Geld für die Erforschung dessen, wie und warum sich eine Endometriose überhaupt entwickelt, ein System zur Langzeitnachverfolgung von Patientinnen, um die Erfolgsquoten verschiedener Therapien zu erfassen.Es braucht ein medizinisches System, das die Krankheit so ernst nimmt, wie sie ist.5 KommentareStephan Wilts 20.03.2026Ich kann verstehen, dass die NZZ vermehrt Frauen ansprechen möchte. Dazu muss man aber nicht uralte feministische Verschwörungsmythen aufwärmen. Ein wenig journalistische Qualität darf es schon sein. Die Autorin hätte vielleicht einmal mit Jemandem sprechen können, der sich mit der Krankheit auskennt. Dann wäre z. B. deutlich geworden, dass 90 % der Gynäkologen in Krankenhäusern und mehr als 2/3 der Gynäkologen in den Arztpraxen Frauen sind, die sich sicherlich nicht gegen ihre Patientinnen verschworen haben. Sie kennen alle das Krankheitsbild, können es diagnostizieren und brauchen dazu keine Nachhilfe. Mehr staatliche Fördergelder werden wie immer zu mehr Geldverschwendung führen. Die Behandlung der Endometriose ist schwierig. Es braucht neue Ideen, nicht mehr Geld. Übrigens hat das böse „medizinische System“ in den letzten Jahren mehrere Milliarden von Dollar in die Therapie des Brustkrebses gesteckt und die Behandlungserfolge sind dort drastisch besser geworden.Bernhard Piller 20.03.20261 EmpfehlungWenn keine Firma in diese Krankheit investiert, dann kann es nur zwei Gründe geben: Entweder es sind zu wenig Frauen davon betroffen, oder die Chancen auf ein wirksames Medikament werden als äusserst gering erachtet. Pharmafirmen diskriminieren kein Geschlecht,wie die Autorin unterstellt, sondern sie handeln nach wirtschaftlichen Prinzipien. Wenn sie Geld in andere Bereiche pumpen, dann weil er Erfolg vielversprechender ist und am Schluss mehr Leute von diesem Geld profitieren.Passend zum Artikel