Warum träumen wir?Sigmund Freud hielt Träume für „Wächter des Schlafes“: Unerfüllte Wünsche und andere innere Reize könnten uns aufwecken. Der Traum erfülle die Wünsche in veränderter Form und lasse uns weiterschlafen. Seither haben Forschende Freuds Theorie geprüft, kritisiert und neue Erklärungen entwickelt, Personen zu ihren Träumen befragt und in Laboren ihren Schlaf analysiert. Mehr als ein Jahrhundert nach Freud gilt vor allem eines als recht sicher: Unsere Träume spiegeln Erfahrungen aus dem Wachleben wider.Für Christian Roesler von der Katholischen Hochschule Freiburg stelle der Traum „zum Teil sehr drastisch dar, was im Unbewussten passiert“. Wenn wir jemanden nicht mögen, dann kann es sein, dass wir ihn im Traum ermorden. Der klinische Psychologe Reinhard Pietrowsky hingegen findet, die plausibelste Erklärung sei, „dass das Träumen eine Art Spielplatz ist, um auszuprobieren, wie wir mit Problemen umgehen können“. Sie dienten dazu, Lösungen zu finden.

Hat jeder Traum eine Bedeutung?Internetlexika bieten feste Deutungen an. Ausfallende Zähne sollen darauf hinweisen, dass jemand einen Übergang im Leben durchläuft. Experten halten von solchen allgemeingültigen Interpretationen wenig. Für Pietrowsky kann ein Traum von ausfallenden Zähnen schlicht damit zusammenhängen, dass jemand gerade eine Zahnbehandlung durchmacht. Bei Träumen, die länger im Gedächtnis bleiben oder aus denen man erschrocken aufwacht, könne es aber helfen, nach ihrer persönlichen Bedeutung zu fragen.Wie genau funktioniert die Traumdeutung in der Therapie?Es gibt bislang nur wenig belastbare Studien, wie wirksam verschiedene Methoden der Traumarbeit in der Psychotherapie sind. In vielen Ansätzen geht es nicht darum, jedem Traumsymbol eine feste Bedeutung zuzuschreiben. Stattdessen erkunden Therapeut und Patient gemeinsam, welche persönlichen Gedanken und Gefühle sich mit dem Traum verbinden. Pietrowsky erzählt von einem Patienten, der eigentlich wegen des Aufschiebens von Aufgaben in die Therapie kam. Er träumte, wie ein Showmaster aus den Achtziger- oder Neunzigerjahren eine immer engere Treppe hinaufzugehen und fast abzustürzen. Für ihn symbolisierte diese Treppe die Angst vor dem Versagen. Ein Motiv, mit dem Pietrowsky und der Patient weiterarbeiten konnten: woher die Angst und der Wunsch nach Publikum kommen und wie der Patient damit umgehen kann.Wie kann sich eine Bedeutung verändern?Einige Muster im Traum können widerspiegeln, wie handlungsfähig oder ohnmächtig sich Menschen erleben. Roesler analysierte 86 Fallberichte, die die Arbeit mit Träumen in der Psychotherapie beschrieben. Am Anfang der Therapie überwiegen demnach Träume, in denen man bedroht oder verfolgt wird. „Man flüchtet, versteckt sich, aber alles klappt nicht“, sagt Roesler. Am Ende der Therapie hingegen werde man „immer aktiver“. Es gelingt, Probleme zu bewältigen.Wie kann man Träume abseits der Therapie für sich nutzen?Roesler rät, die Träume gleich nach dem Aufwachen aufzuschreiben oder aufzunehmen. So könnten sie später als „Quelle der Selbsterkenntnis“ dienen und Anlass sein, mit vertrauten Menschen über persönliche Themen zu sprechen. Stecke hinter den Träumen ein psychisches Leiden, solle man professionelle Hilfe suchen. Pietrowsky betont die kreative Kraft: Im Traum könne man auf Gedanken kommen, „auf die man sonst nie gekommen wäre“.Für manche Therapeuten ist der Traum ein Tor zum Unbewussten, für andere einfach ein Mittel, um Probleme in der Realität zu lösen. Auf jeden Fall können sie eines sein: eine Inspiration, um sich auf eine neue Art mit seinen Themen zu beschäftigen.