Das Aushängeschild des fränkischen Weinbaus nach Westen ist der bayerische Untermain. Während im Norden bei Alzenau auf Glimmerschiefer weiße Trauben vorherrschen, sind es weiter südlich dank Buntsandsteins überwiegend rote. Um die Besonderheit der Bürgstädter Weine wusste man schon im 12. Jahrhundert, gefördert durch entsprechende Privilegien des Mainzer Erzstifts als Landesherr, wie etwa die Erlaubnis zum Ausweiten der Anbaufläche auf 200 Hektar.Zur heutigen Bekanntheit dürfte nicht zuletzt der 1990 ausgewiesene „Rotweinwanderweg“ beitragen. Über 80 Kilometer verbindet er Großostheim mit Bürgstadt, wo er zum Ausklang eine Schleife in der größten Einzellage, dem Centgrafenberg, beschreibt. Die häufig angeführte Zahl von 60 Hektar Fläche stimmt allerdings nicht mehr, da sieben Hektar jener Lage mitgezählt werden, die es in der Tat noch bis vor einigen Jahren nicht gab, obwohl dieser erstmals 1525 genannte „Hundsrück“ die weitaus älteste ist.Nur hochwertige Spätburgunder unter der Bezeichnung „Hundsrück“Dass der sonnenverwöhnte Steilhang bei der Neufassung des Weingesetzes 1971 dem Centgrafenberg zugeschlagen wurde, ließ betroffene Winzer nicht ruhen. „Nach jahrelangem Kampf“ gelang es, wie auf einer Schautafel nachzulesen ist, das Areal 2011 wieder zu lösen. Anschließend kamen sie überein, unter der Bezeichnung „Hundsrück“ nur hochwertige Spätburgunder auszubauen.Dieses erfolgreiche Ansinnen fügte sich in das allgemeine Umdenken, mit der Pflege qualitätvoller Erzeugnisse traditionelle Methoden wie die Anlage mörtellos gesetzter Terrassen wiederzubeleben, teilweise aber auch, wie früher üblich, um sie mit Obstbäumen zu besetzen. Was punktuell begann, wurde zum fünfhundertjährigen Jubiläum der Lage von der Gemeinde und verschiedenen Gebietskörperschaften auf deren Gesamtfläche ausgedehnt. Nicht nur hier zeigte sich, dass Querzeilen neben dem kulturellen Aspekt und der Bedeutung für den Boden- und Artenschutz eine Möglichkeit sind, den Steillagenanbau zu erhalten.Rekonstruktion eines sieben Meter hohen Sicherungstors: Auf der Hochebene gab es um 1000 vor Christus eine wallumwehrte, gut 40 Hektar großen Festung.Thomas KleinTrotz der laufenden Arbeiten bleibt die auf fünf Kilometern auch solo zu laufende Runde des Rotweinwegs davon unberührt. Noch reizvoller ist es, sie um den Gang über das Hochplateau von Bürgstadt und Wannenberg zu erweitern. Nach drei Seiten steil abfallend, zog es schon früh Menschen an, gipfelnd im Bau einer 40 Hektar großen, wallumwehrten Festung zur Urnenfelderzeit um 1000 vor Christus. Die Rekonstruktion eines ihrer sieben Meter hohen Sicherungstore demonstriert, wie durchdacht das System palisadengekrönter, über weite Strecken erhaltener Mauern angelegt war.Auch Bürgstadt lebt von sehenswerten Kontrasten wie dem des schönen Renaissance-Rathauses mit der äußerlich eher schlichten Martinskapelle. Umso überraschter steht man in ihrem Inneren zwischen einzigartigen, um 1600 flächenhaft angebrachten Ausmalungen. Die als Medaillons gefassten Fresken sollten biblische Kernaussagen vor Augen führen, gipfelnd in der drastischen Darstellung am Chorbogen. Wer dem Sündhaften nicht abschwört, wird vom weit aufgerissenen Feuerrachen der Hölle verschlungen. Dass eine Weinlage gegenüber von Bürgstadt „Mainhölle“ heißt, will nichts besagen.WegbeschreibungMit der Generalüberholung von Bürgstadt, inklusive farbigen Pflasters und eingeebneter Bürgersteige, entstand ein ausgedehnter Parkstreifen an der Staatsstraße zum Main mit Direktzugang in die Altstadt. Weiter geht es geradeaus mit der Haupt-, wechselnd zur Streckfußstraße durch ein Eigenheimquartier.Am nächsten Wechsel, nun Sankt-Urbanus-Straße, eröffnet der Parkplatz vor der historischen Tabakhalle eine verkürzte Startmöglichkeit. Spätestens jetzt gilt das Augenmerk dem Rotweinwanderweg. Sein Emblem, ein geneigtes Glas auf grün-weißem Grund, hält erst noch die Richtung bei, ehe es halb rechts in die bis unmittelbar an die Bebauung reichenden Rebzeilen führt. Zunächst verläuft er im unteren Teil des auch von weißen Trauben bestandenen Centgrafenbergs. Spitzwinklig um zwei, drei Ecken, wechselt dann die Szenerie. Auf Kastanien und Walnussbäume folgen mit Äpfeln, Birnen und Pflaumen besetzte Terrassen, denen sich im „Hundsrück“ rebenbestockte anschließen.Noch stehen nicht alle Mauern, aber das Bild erinnert an erhaltene wie auf der anderen Mainseite in Klingenberg. Fast schon am östlichen Rand, findet der Rotweinweg eine Etage höher zurück und erreicht schließlich das (neue) Herzstück der Gesamtanlage: aufwendige Schautafeln vor einem Unterstand mit dem Relief des Ortsheiligen Martin und wenige Meter weiter eine „Bodenstation“, um per Profilschnitt die Bedeutung entsprechender Erden für den Rebanbau zu veranschaulichen.Zum Gipfelkreuz auf den WannenbergKurz darauf verlässt man scharf nach rechts die Wingerte und läuft bei fortgesetzter Steigung dem Wald entgegen. Noch davor, bleibt der Rotweinweg zurück. Statt seiner treten mehrere gelbe Ziffern ins Bild. Da es unverändert geradeaus geht, genügt die Orientierung an der 6. Sie ist maßgeblich beim Eintritt in den Wald und der nachmaligen Gabelung, dort links. Im weiteren Verlauf erklärt sich der Weg quasi selbst – unter hohen Kiefern geht es faktisch nur bergan.Oben wechselt man die Großrichtung – links zu gelbem Quadrat und rotem N, die 6 begleitet noch ein Stück. Leicht bergauf führen sie auf den 482 Meter hohen Wannenberg. Diesen umstellen zwar Bäume, gleichwohl verfügt er über ein Gipfelkreuz samt „Gipfelbuch“. Langsam beginnt der Weg dann zu fallen und in steinigeres Terrain einzudringen. Beiderseitige Felsbrocken bilden die Vorhut des unvermittelt auftauchenden Torbaus aus der Zeit um 1000 vor Christus, der nach Grabungsbefunden 1987 errichtet wurde. Die dammartigen Wälle blieben unangetastet und damit beim Abwärtslaufen über rutschiges Geläuf gut sichtbar.„Heunefässer“: Im Mittelalter fertigten Steinmetze aus Sandstein Säulen für Kirchen, selbst Vorzeichnungen und Keillöcher sind noch zu erkennen.Thomas KleinUnwillkürlich verlangsamen die Schritte am Hinweis auf die „Heunefässer“. Die zwei halb fertigen Arbeiten einer mittelalterlichen Steinmetzwerkstatt liegen links leicht eingetieft, weitere, etwa die für rheinische Dome bestimmten, gleichsam transportbereit wirkenden „Heunesäulen“, einige Schritte rechts davon. Unwillkürlich stellt sich die Frage, wenn das Gefälle über ein holpriges Pfädchen noch zunimmt, wie kamen sie zu Tal?Erst bei Ankunft an der Centgrafenkapelle hat man wieder flachen Boden unter den Füßen – und das Panorama über Miltenberg vor Augen. Für die Kapelle in nachgotischer Manier hätte man 1629 keinen schöneren Platz wählen können, ohne zu ahnen, dass die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges den baldigen Abbruch der Arbeiten erzwangen. Sie wurden nie wieder aufgenommen.Anders die kleine Marienkapelle, auf die man schlussendlich beim Waldaustritt trifft. Sie wurde von Kriegsheimkehrern nach 1945 an gleichfalls aussichtsreicher Stelle oberhalb von Bürgstadt errichtet. Vom nahen Parkplatz übernimmt das gelbe Quadrat den finalen Part bis zur Tabakhalle, so man nicht rechts mit dem N um mehrere Ecken in die Altstadt läuft.AnfahrtÜber die A 3 bis zur Ausfahrt Aschaffenburg, weiter auf der B 469 in Richtung Miltenberg, noch davor über den Main gen Großheubach, dann an der Ausschilderung „Bürgstadt-Süd“ orientieren. Der Ort besitzt keine Bahnstation. Bei Anreise via Aschaffenburg ­besteht eine Busverbindung (Linien 80 und 977) von Miltenberg.SehenswertDas vom Wein geprägte Bürgstadt besitzt einige herausragende Bauwerke, so das zur Renaissance Ende des 16. Jahrhunderts erbaute Rathaus sowie die benachbarten Kirchen von St. Margareta und St. Martin. Erstere wurde mit Wehrturm um 1300 ­errichtet und nachgotisch ­vergrößert, wogegen die ­–Martinskapelle eher einfach ausfällt, im Inneren aber mit flächenhafter Ausmalung (um 1600) prunkt.Die als Medaillons gefassten 40 Fresken in der Martinskapelle sollten biblische Kernaussagen vor Augen führen.Thomas KleinDie außerhalb ­stehende ­Centgrafenkapelle wurde 1629 ­begonnen, aber nie vollendet. Ihr Standort am Höhenzug von Bürgstadt und Wannenberg bot durch Steillage und Lockergestein gute Voraussetzungen für ­prähistorische Festungen. Schon zur Jungsteinzeit besiedelt, wurde er um 1000 vor Christus von einer 40 Hektar großen Wallanlage ­umgeben. Eines der 1987 ­ergrabenen Tore ist rekonstruiert.ÖffnungszeitenStadtmuseum, Am Mühlgraben/Bürgerzentrum, Donnerstag bis Sonntag von 14 bis 18 Uhr.