Weltwährung Euro? Bislang hat die Gemeinschaftswährung nur einen Anteil von 20 Prozent an den globalen Devienreserven. Foto: IMAGO/imagebrokerJetzt hat es auch Michael Hüther getan. Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) regt im Interview mit dem „Handelsblatt“ die schrittweise Einführung sogenannter Eurobonds an, mithin eine Vergemeinschaftung von Staatsschulden. Der Ökonom entwirft das Modell einer „Investitionsunion“ für politisch festgelegte Projekte, etwa in den Bereichen Infrastruktur, Energie und Verteidigung.Zuvor war bereits Bundesbankpräsident Joachim Nagel umgeschwenkt. Auch der frühere EZB-Präsident Mario Draghi und die amtierende EZB-Präsidentin Christine Lagarde haben Sympathie für europäische „Safe Assets“ bekundet.Bei hochverschuldeten Euro-Staaten wie Italien und Frankreich dürften da die Sektkorken knallen. Sie fordern seit Langem gemeinsame Euro-Anleihen, die über den EU-Haushalt zurückgezahlt werden. Zu verlockend ist die Aussicht, sich billiger verschulden zu können, indem man Haftungsrisiken auf andere abwälzt. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron etwa schweben gemeinsame EU-Anleihen für Investitionen in Verteidigung, Technologie und Infrastruktur vor. Beim milliardenschweren EU-Programm „NextGenerationEU“ sind Eurobonds de facto bereits Realität geworden.Gemeinsame Schulden könnten teuer werdenDie Befürworter von Eurobonds haben durchaus ihre Argumente. Im globalen Wettkampf der Währungen ist der Dollar trotz des erodierenden Vertrauens der Märkte immer noch unangefochten. Der Anteil des Euro an den globalen Devisenreserven liegt bei nur 20 Prozent, Tendenz allenfalls leicht steigend. Das liegt in der Tat an einem zu kleinen und zu zersplitterten Finanzmarkt in Europa.Doch was wäre mit Eurobonds wirklich gewonnen? Die ökonomischen Kollateralschäden wären ungleich größer als der Nutzen eines global stärker nachgefragten Euro. Das Argument der „Weltwährung Euro“ droht vielmehr zum Trojanischen Pferd der europäischen Fiskalpolitik zu werden.Wir kennen das von der Debatte um die deutsche Schuldenbremse. Hier war es letztlich das (isoliert betrachtet richtige) Argument, der Staat müsse mehr in Infrastruktur, Klimaschutz und Militär investieren, das zum Aufweichen der Schuldenbremse und zur Einrichtung des Sondervermögens führte. Herausgekommen ist ein finanzpolitisches Desaster, wie sich immer stärker zeigt, gerade mit Blick auf die Zinsausgaben.Mit Eurobonds würde jedwede europäische Stabilitätspolitik sturmreif geschossen. Sie wären eine Kapitulation vor den Reformverweigerern in der EU. Unsolide Staaten müssten künftig nicht mehr die Disziplinierung der Märkte über steigende Risikoprämien fürchten. Stattdessen kämen sie in den Genuss niedrigerer Zinsen, bezahlt von solide wirtschaftenden Staaten. Nicht auszudenken, was passiert, wenn unter einem solchen Schuldenregime in Frankreich Marine Le Pen zur Präsidentin gewählt wird.Die Gefahren eines haushaltspolitischen Trittbrettfahrertums sehen die meisten Befürworter von Eurobonds durchaus. Ihr Vorschlag: Die Einführung von gemeinsamen Anleihen müsse mit Konsolidierungsauflagen in den Nationalstaaten einhergehen. Doch das ist in etwa so, wie einem Trinker erst eine Schnapsflasche zu schenken und ihn danach zu den Anonymen Alkoholikern zu schicken. Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte zeigt: Wenn Politiker in Europa die Chance auf mehr und günstigeren Kredit erhalten, dann nutzen sie diese auch. Am Ende ist die Politökonomie immer stärker als die Makroökonomie.