Bei Männerkleidung sind die Tendenzen zu mehr Vielfalt eher zaghaft – aber sie sind vorhanden! Neben den altbewährten, sportlichen Looks, den praktischen Outdoorkleidern und den eher uniform wirkenden Alltags- und Businesslooks aus Hose, Hemd, Jacke oder Sakko finden seit einiger Zeit immer mehr verspielte und phantasievolle Elemente ihren Weg in die Herrengarderobe.Dies wird etwa bei den grossen Modeketten deutlich. Die aktuelle Kollaboration von Zara mit dem amerikanischen Designer Aaron Levine umfasst Bootcut-Jeans mit Bügelfalten, Ledermokassins mit Schleife und Zopfstrickpullover. Bei Cos suchen Männer vergeblich nach eng geschnittener Kleidung. Sie finden stattdessen voluminöse Blousons aus feinem Leder, grosszügige Hosen aus Wollgemischen oder Jeansstoff. Auch Accessoires haben einen festen Platz in den Männerabteilungen eingenommen. Es gibt Handtaschen und Lederschuhe in allen Varianten.Es scheint, als läge eine lebhafte und vielseitige Saison für Männermode vor uns, in der Volumen, spannende Silhouetten und weich fliessende Schnitte den Ton angeben werden. Diese fünf noch eher unbekannten Männerlabels veranschaulichen diese Entwicklung besonders gut.Keine Angst vor Gefühlen: 3.Paradis aus ParisDie aktuelle Herbstkollektion von 3.Paradis gilt als die bisher persönlichste Arbeit von Emeric Tchatchoua. Sie trägt den Titel «Rest in paradis». In ihr findet sich eine Hommage an den verstorbenen Bruder des Designers sowie an die Sängerin Amy Winehouse. Tchatchoua verarbeitet darin die tiefgreifenden Themen Tod und Trauer.Grosszügig geschnittene Mäntel, Bikerjacken oder Anzüge aus Wollgemischen und Leder übernehmen die Funktion schützender Hüllen, in die man sich verkriechen kann. Porträts des Bruders oder der Sängerin auf Shirts, Jacken oder Broschen schaffen Erinnerung – mal subtil, mal laut.Eine Hommage an die britische Soul- und Jazz-Sängerin: Dicke Lederjacke mit schmückenden Applikationen und Amy-Winehouse-Print.PDGleichzeitig finden sich in der Kollektion auch Kleider, in denen sich das Leben wieder zelebrieren lässt. Dazu gehören grosszügig geschnittene Anzüge in kräftigen Farben oder leger-elegante Ensembles aus kaftanartigen, langen Hemden, die über weit geschnittene Hosen fallen und mit einem Blouson präsentiert wurden.Schwarze Anzüge für die Zeit der Trauer.PDEin lederner Zweiteiler – sportlich und doch raffiniert.PDEin Lagenlook sorgt für viel Bewegungsfreiheit.PDWie ein Lebenszyklus präsentiert sich diese Herbstkollektion als stimmig und rund. Es ist Tchatchouas grosse Stärke, Kreationen zu entwerfen, die dabei helfen, Stimmungen und Gefühle so auszudrücken, dass sie eine versöhnliche Resonanz in ihrer Umgebung erzeugen.Visionäre Mode zwischen britischer und japanischer Tradition: Setchu aus MailandDer japanische Designer Satoshi Kuwata gründete sein Label Setchu im Jahr 2020 in Mailand. Nachdem er seine Ausbildung am Central Saint Martins College in London absolviert hatte, durchlief er eine Schneiderlehre bei H. Huntsman & Sons an der Savile Row. Engagements bei Labels wie Givenchy und Golden Goose prägten seine Designbiografie. 2023 gewann Kuwata zudem den mit 400 000 Euro dotierten LVMH-Preis. Dieser fördert junge Designer.Kuwatas Kleidung zeichnet sich durch eine radikale und überraschende Funktionalität aus. Seine Kreationen behindern die natürlichen Bewegungen des Körpers nicht. Egal, ob man sich streckt, einen Tag lang sitzt oder geht – seine Kleider, sowohl für Männer als auch für Frauen, folgen den natürlichen Bewegungen des Körpers.Ensemble aus Arbeiterjacke und weiter Hose aus Kord.Getty ImagesSmoking mit Origami-Nieten an Revers und Seitenkante der Hose.Getty ImagesViele seiner Kleidungsstücke sind multifunktional: Taschen können als Röcke getragen werden, Mäntel werden zu Umhängen, und das elegante Trägerkleid aus Seide namens Origami Dress 1 kann auch als Langarmkleid verwendet werden. Speziell für die diesjährige Herbstkollektion liess sich Kuwata zudem von Grönlands Natur und der Handwerkskunst der Inuit inspirieren.Inspiriert von den Inuit und sicher auch multifunktional.Getty ImagesLeicht taillierter Kurzmantel, bei dem die Ärmel weiter vorn angebracht sind, kombiniert mit weiter Hose.Getty ImagesBei der Präsentation seiner Herbstkollektion in seinem Studio in Mailand zeigte sich der Designer zugänglich und führte an den Modellen vor, wie sich die Designs umwandeln lassen. Trotz der durchdachten Strenge und Sorgfalt bleibt bei Kuwata also Raum für Spiel und Experiment.Vertraut und doch ganz anders: Sonia CarrascoDas 2020 in Barcelona gegründete Label Sonia Carrasco präsentierte im Januar dieses Jahres erstmals während der Männermodewochen. Auf den ersten Blick wirkt die Kollektion für Männer und Frauen zurückhaltend, offenbart auf den zweiten Blick jedoch ein Gespür für handwerkliche Präzision und eine subtile Verspieltheit. Diese äussert sich in flatternden, dünnen Gürtelbändern, überlangen oder knielangen Hosenlängen und zahlreichen Materiallagen.Getty ImagesNichts ist, wie es scheint: Dekonstruierte Lagen aus Cashmere, Wolle, Strick und Cord.Die Designerin hat ein gutes Gespür für die Charakteristika von Schnitten, Materialien und Handwerk zwischen Tradition und Innovation. Wenn ein Material nicht franselt, gibt es auch keinen Saum. Konturierende Nähte macht sie am Revers oder an den Schultern nach aussen hin sichtbar. Oder sie kombiniert mehrere Lagen aus verschiedenen Materialien, die in Kombination miteinander ihre jeweiligen Qualitäten entfalten.Ihre Kollektionen wirken vertraut und doch überraschend anders. Da sie sich keinem Zeitgeist anbiedern, können sie über viele Saisons hinweg getragen werden. Carrascos Entwürfe zeigen, was es bedeutet, sich bei jeder Gelegenheit wohlzufühlen.Für ein herzliches Miteinander: Willy ChavarriaDie mexikanische Kultur ist Willy Chavarrias grosse Inspirationsquelle. Seine Familie väterlicherseits stammt aus Zentralamerika. Seine Designs sind vom Chicano-Stil geprägt. Hinter diesem Begriff verbirgt sich der amerikanisch-mexikanische Kleidungsstil der 1940er Jahre, der vornehmlich in Kalifornien zelebriert wurde.Der Stil drückt sich in Arbeitskleidung, Flanellhemden, (sehr) weiten Hosen, die zu den Füssen eng zulaufen, langen Sakkos mit gepolsterten Schultern, Tanktops und zurückgegelten Haaren aus. Auffälliger Schmuck, Sonnenbrillen und Tattoos vervollständigen den Chicano-Stil.Getty ImagesGrosses Spektrum, viel Volumen: Looks von Chavarria sind keine Verkleidungen, sondern entsprechen unterschiedlichen Bedürfnissen und Charakteren.Seit dem vergangenen Jahr präsentiert der Designer in seinen Männermodeschauen auch Entwürfe für Frauen. Das Spektrum ist ebenfalls breit gefächert: Es gibt Einflüsse von Arbeitskleidung und Uniformen, betont Weibliches wie lederne, wadenlange Bleistiftröcke, aber auch Legeres wie übergrosse Blousons oder Blusen.Alles fügt sich zu einer Gemeinschaft zusammen. Die Abschlussszene von «Eterno».Getty ImagesFür seine Herbstkollektion 2026 verwandelte Chavarria das Dojo de Paris unter dem Titel «Eterno» (auf Deutsch ewig) in ein Broadway-Spektakel in drei Akten. Inspiriert vom Blick aus seiner New Yorker Erdgeschosswohnung inszenierte er das Strassenleben in einem cineastischen Manifest, in dem elegante Massschneiderei, Prêt-à-porter und Abendgarderobe auf eine Streetwear-Kollaboration mit Adidas trafen.Vor rund 2000 Gästen schuf Chavarria damit weit mehr als ein Runway-Spektakel: Es war ein mitreissendes Plädoyer für ein Miteinander, in dem jeder Mensch seinen Platz findet.Nonkonform mit elegantem Witz: EgonlabDas in Paris ansässige Label Egonlab kehrt mit der Kollektion Lazarus zu seinen Wurzeln zurück. Es wurde 2019 von Kévin Nompeix und Florentin Glémarec gegründet. In ihrem Manifest, das vor der Show veröffentlicht wurde, betonen die beiden Designer, dass Kreativität wieder über Produktivität stehen soll.Wie bereits die Kollektionen von 3.Paradis oder Setchu bringt auch die Herbstkollektion von Egonlab viel Gefühl und Mut zum Ausdruck. Manche Kreationen der Kollektion wirken wie Haute Couture. Die Kragen und Oberteile aus Federn changieren in den Stimmungen zwischen poetischer Ernsthaftigkeit und feinsinnigem Humor.Stark ausgearbeitete Schultern kontrastieren mit einer deutlichen Taille.PDDer federleichte Pullover aus Federn in zwei Lagen verliert seine verspielte Exzentrik durch die wollene Cargohose.PDFedern mögen auf den einen oder anderen zu exzentrisch wirken. Dennoch ist die Kollektion alltagstauglich. Die beiden Designer kombinieren auf unterhaltsame Weise Eleganz mit Dekonstruktion und alltagstauglichen Proportionen.Dicker Wollblouson zu asymmetrisch verschliessbarer, weiter Hose.PDAuch bei diesem Entwurf findet ein Spiel mit Asymmetrien und verschiedenen Lagen statt.PDVielfache Knöpfmöglichkeiten sorgen für mehr Unordnung.PDWas diese Kollektion so attraktiv macht, sind die Zeichen, die sie setzt: verspielte Irritationen durch Asymmetrien und Doppeldeutigkeiten – das T-Shirt ist auch ein Hemd – sowie viel Witz. Denn trotz ihrer Strenge und Konsequenz überzeugt sie durch ihren feinen Humor.NewsletterNewsletterDie besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.Kostenlos abonnierenCopyright © Neue Zürcher Zeitung AG. Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von Neue Zürcher Zeitung ist nicht gestattet.
In der Männermode tut sich was: 5 Labels, die mit Humor und Charakter überzeugen
Vielfalt, Emotionen, viele Accessoires und (endlich) kaum noch Turnschuhe – das zeichnet die Männermode im Herbst 2026 aus.









