Den Arbeitstag im Willy-Brandt-Haus mag sich mancher so vorstellen, wie in einer Filmkomödie der Neunzigerjahre die Tätigkeit der Gewerkschaftsfunktionärin Czerni karikiert wurde. Hingebungsvoll bügelt sie eine rote Fahne, bis ihr Blick auf die Uhr fällt, die fünf Uhr anzeigt, woraufhin sie aus dem Büro eilt, ohne auch nur den Stecker zu ziehen.Tatsächlich konnte man damals aus Andeutungen aus der Umgebung der SPD-Schatzmeisterin den Eindruck gewinnen, dass eine Provinzbehörde ein emsiger Betrieb sei, verglichen mit der „Baracke“, wie die SPD-Zentrale in Bonn genannt wurde. Relikte dieser Mentalität mögen sogar immer noch vorhanden sein.Schlechte Wahlergebnisse, sinkende MitgliederzahlAber Tatsache ist, dass die Finanzen der stolzen deutschen Sozialdemokratie schon seit Jahren schwer unter Druck sind. Grund ist nicht Verschwendungssucht, sondern es sind stetig sinkende Einnahmen. Schlechte Wahlergebnisse haben geringere Wahlkampfkostenerstattung zur Folge, und die Zahl der zahlenden Mitglieder sinkt auch.Europäischen Schwesterparteien geht es selbst dort, wo sie nicht wie in Frankreich pulverisiert worden sind, bis auf wenige Ausnahmen kaum besser. In Wien zum Beispiel ringt die SPÖ mit einem längst beschlossenen Auszug aus der traditionsreichen Löwelstraße, den sie aber nicht und nicht vollziehen möchte.Wenn es der SPD-Spitze jetzt gelingen sollte, durch kraftvolle Reformen die Parteifinanzen in den Griff zu bekommen, auch indem sie da und dort an Gewohnheiten und Privilegien rütteln muss, dann wäre das eine nicht geringe Leistung. Sie dürfte sogar Hoffnung machen für die Bundespolitik. Bislang werden dort Ansätze verteufelt, wie sie nun innerparteilich verfolgt werden müssten, wie etwa eine Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, Personalabbau, Entlohnung nach Leistung und Wochenarbeitszeiten über 35 Stunden. Man wird sehen.