Die Männer und Frauen an der Spitze der SPD glauben, dass man sich Personalspekulationen angesichts der fragilen Lage politisch nicht leisten könne, sei der Ärger in der Partei auch noch so groß. Die ganze Wahrheit aber ist: Auch finanziell kann sich die SPD eine neue Führung derzeit nicht leisten. Ein eintägiger Bundesparteitag, den es mindestens bräuchte, um eine neue Parteispitze zu wählen, kostet etwa zwei Millionen Euro. Geld, das die SPD nicht hat.Parteien haben verschiedene Einnahmequellen, die wichtigste ist die staatliche Parteienfinanzierung. Je besser eine Partei bei einer Wahl abschneidet, desto mehr Geld bekommt sie. Nun erlebt die SPD seit vielen Jahren eine Pleite nach der anderen. Die auf niedrigem Niveau gewonnene Bundestagswahl im Jahr 2021 ändert an der finanziellen Misere nichts. Auch die Zahl der Mitglieder, die Beiträge an die Partei zahlen, geht zurück.Die schrumpfende SPD leistet sich aber noch einen Apparat, der aus goldenen Zeiten stammt. Ergebnis: Dietmar Nietan, dem Schatzmeister der Partei, fehlen rund fünf Millionen Euro im Jahr. Nietan verantwortet seit zwölf Jahren die SPD-Finanzen. Schon lange sieht er die Notwendigkeit, grundsätzlich etwas an den Strukturen des Hauses und der Partei zu verändern. Aber weil er dabei auf die Unterstützung des Generalsekretärs und der Parteivorsitzenden angewiesen ist, wurde daraus lange nichts. Bis heute wird in der SPD von der erratischen Art des Vorsitzenden Sigmar Gabriel erzählt, der sich immer für große Reformen ausgesprochen, aber einen Rückzieher gemacht habe, sobald es konkret geworden sei.Verhandlungen mit dem BetriebsratTim Klüssendorf, der aktuelle Generalsekretär, unterstützt Nietan dafür umso mehr bei seinen Plänen. Auch Parteichef Lars Klingbeil sieht die Not. Die Hoffnung ist, dass die Partei durch den Umbau auch attraktiver wird für Wähler. „Die SPD spart nicht nur, sie soll auch attraktiver werden und eine moderne IT- und Kampagnen-Infrastruktur erhalten“, sagt Nietan der F.A.Z.Doch am Anfang steht das Sparen – und die geplanten Einschnitte sind für eine Arbeitnehmerpartei durchaus groß. Schon in den vergangenen Jahren hat die SPD Personal in ihrer Parteizentrale, dem Willy-Brandt-Haus in Berlin-Kreuzberg, abgebaut. Derzeit gibt es 171 rechnerische Vollzeitstellen. Bis zum Jahr 2029 oder 2030 sollen es weniger als 150 werden. Betriebsbedingte Kündigungen soll es laut Nietan nicht geben.Derzeit verhandelt die SPD mit dem Betriebsrat. In den Gesprächen wird es auch um die Betriebsvereinbarungen gehen, die die SPD schon gekündigt hat und die nun neu verhandelt werden müssen. Bisher war ein Job im Willy-Brandt-Haus ziemlich attraktiv: Es gab 13,5 Monatsgehälter, und es galt die 37-Stunden-Woche. Gut möglich, dass künftig im Willy-Brandt-Haus etwas mehr gearbeitet werden muss. Und auch die Vergütungsstruktur soll sich ändern. Manche Mitarbeiter werden mehr Geld verdienen – einige aber auch weniger.Einige Büros in der Parteizentrale sind schon untervermietetBis Ende des Jahres hofft der Arbeitgeber SPD, die Verhandlungen mit dem Betriebsrat abschließen zu können. Laut Nietan sollen nahezu alle Betriebsvereinbarungen unverändert wieder eingesetzt werden, sollten sich Arbeitgeber und Betriebsrat einigen. Man wolle weder an die Arbeitszeit noch an die 13,5 Monatsgehälter ran, sondern zügig zu einer Einigung kommen.Schon jetzt sind einige Büros in der Parteizentrale untervermietet. Aber es sollen noch mehr werden. Auch Flächen des direkt angrenzenden Paul-Singer-Hauses sollen untervermietet werden. Die Lage des Willy-Brandt-Hauses gilt als gut, da sie noch relativ nah ist am Potsdamer Platz. Die Mitarbeiter der Parteizentrale sitzen bisher alle in Einzelbüros, das Haus erinnert mitunter an eine Behörde. Gerade jüngere Angestellte, von denen die SPD immer mehr hat, stört das. Künftig sollen die Mitarbeiter sich im Gebäude leichter vernetzen können. Im vierten Stock soll es Flächen zum gemeinsamen Arbeiten geben.„Vorwärts“ nur noch zweimal gedrucktAuf ihrem letzten Parteitag haben die Delegierten einen Antrag beschlossen, der der Bundespartei kurzfristig mehr Mittel einbringen soll. So fließt ein kleiner Teil der Mitgliedsbeiträge in einen Zukunftsfonds, der bei der Modernisierung helfen soll. Pro Jahr wird mit vier Millionen Euro gerechnet, die gleiche Summe legt der Parteivorstand noch mal drauf. So stehen für die Zeit zwischen 2027 und 2029 etwa 24 Millionen Euro zur Verfügung, um die Parteiorganisation zu modernisieren. Allein 20 Millionen Euro wird das neue IT-System kosten. So soll auch der digitale Wahlkampf erleichtert werden.Erstmalig wird es auch eine gemeinsame Kampagnenstruktur geben. Bisher haben alle Landes- und Bezirksverbände vor einem Wahlkampf die nötigen Strukturen aus dem Boden gestampft. Das ist teuer – und nach dem Wahlkampf geht viel Wissen verloren. Das soll sich durch Personen, die durchgängig für die Kampagnenplanung im Einsatz sind, ändern. Die Landesschatzmeister werden bei all dem eingebunden.Auch die Parteizeitschrift „Vorwärts“, seit Langem ein Sorgenkind der Partei, soll sich verändern. Die Möglichkeit, sie als Schnittstelle zwischen Mitgliedern und Parteiführung zu nutzen, werde vertan, heißt es. Künftig wird der „Vorwärts“ nur noch zweimal im Jahr gedruckt erscheinen. Für die übrigen Ausgaben wird er zum digitalen Briefing umgebaut, verknüpft mit den Angeboten der Partei in den sozialen Netzwerken. Zwei Millionen Euro will die Partei dafür investieren.Nietan und Generalsekretär Klüssendorf, die an einem Strang ziehen bei dem Umbau der Parteistruktur, hoffen, so die Partei insgesamt wieder attraktiver zu machen – bei Wählern und Mitgliedern.