Vulgärsprache in Moll: Der neue Roman von Caroline WahlDie deutsche Bestsellerautorin hat mit «1999 Meter über dem Meer» einen von der Kritik gefeierten Hochstaplerroman geschrieben. Ist sie womöglich selbst eine Hochstaplerin?Zelda Biller28.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenÜber zwei Millionen verkaufte Bücher: Die Schriftstellerin Caroline Wahl.Andreas Arnold / KeystoneDie Schriftstellerin Caroline Wahl möchte die Beste sein. Erfolgreichste Autorin Deutschlands. Gewinnerin des Deutschen Buchpreises. Von den Feuilletons geliebt. Das hat die 31-jährige, in Kiel lebende, Cabrio fahrende Bestsellerautorin in Interviews, Podcasts und auf Instagram immer wieder mit betont leiser Stimme gesagt und umso marktschreierischer gepostet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seitdem geht es in privaten und öffentlichen Gesprächen über Wahl fast immer um ihre «Attitude». Die einen finden ihr grössenwahnsinniges Auftreten cool, die anderen nicht. Frauen, inklusive Wahl selbst, werfen anderen Frauen vor, neidisch auf den Erfolg einer von ihnen zu sein, deren Bücher sich über zwei Millionen Mal verkauft haben. Manche machen Wahl ausserdem den etwas kleingeistigen Vorwurf, sie solle als wohlbehütet aufgewachsene Arzttochter aufhören, über Alkoholikerkinder und frustrierte Migranten zu schreiben. Nur die Frage, ob Wahl überhaupt schreiben kann, stellt sich ausser ein paar Amazon-Rezensenten komischerweise fast niemand.Vierter Roman in vier JahrenWährend die junge Schriftstellerin – die für ihren ersten Roman «22 Bahnen» einen Vorschuss von 150 000 Euro bekommen haben soll – schon an ihrem fünften Buch arbeitet, erscheint jetzt erst einmal das vierte. Wer viel verdient, arbeitet offenbar auch viel. Der neue Roman heisst «1999 Meter über dem Meer» und ist eine Mischung aus Road-Novel und Hochstaplergeschichte.Schon vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin erschienen in deutschen Zeitungen mehrere Interviews, die von Journalisten in ihren Instagram-Storys gemeinsam mit der Autorin und lustigen Fotos vom Kieler Hafen beworben wurden. In der «Zeit» kam ein grosser Text zum Buch. Er beginnt so: «Es ist nahezu unmöglich geworden, unbefangen über Caroline Wahl zu schreiben.» Um gleich noch etwas befangener zu sein, traf der Autor Wahl zum Kaffeetrinken und Prada-Tasche-Shoppen in St. Moritz, wo der neue Roman hauptsächlich spielt. Der Artikel füllt eine ganze Seite. Zu Caroline Wahls Sprache findet man darin keinen einzigen Satz.Warum weigern sich Literaturkritiker, Wahl literaturkritisch ernst zu nehmen? Warum schreiben Journalisten lieber über ihre «Kinderklamotten» als über ihre Kindersprache? Und warum hielten Germanisten bei der skurrilen «Caroline-Wahl-Tagung» in Siegen vergangenen Juli lieber Vorträge über den «Geltungsanspruch» und die «Podcastauftritte» der Autorin als über die Frage, ob eine Mischung aus sinnlosen Redundanzen, endlosen Dopplungen von innerer und äusserer Rede, banaler Alltagssprache und dem permanenten Ausformulieren des Offensichtlichen überhaupt eine Tagung verdient? Reichen die Etiketten «Bestseller» und «Popularität» inzwischen als literaturwissenschaftliche Legitimation aus? Oder ist die junge Frau mit der Prinz-Eisenherz-Frisur eine Art Fetisch des deutschen Feuilletons?Von Bali über Berlin nach St. MoritzUnd das neue Buch? Was passiert in «1999 Meter über dem Meer»? Eine junge, orientierungslose Frau namens Samara – Wahl-Fans erinnern sich vielleicht noch an sie als Nebenfigur in ihren ersten beiden Romanen – fliegt nach dem Ende ihres Studiums auf die «Digital Nomad»-Insel Bali, um sich selbst zu finden. Weil das, wenig überraschend, nicht klappt, bricht sie die Reise früher ab und macht einen kurzen Zwischenstopp zu Hause bei ihren Eltern. Die stammen ursprünglich nicht aus Deutschland. Woher weiss man das? Eigentlich gar nicht. Man kann es nur vermuten, weil Samara ihren Vater «Baba» nennt.Baba hat eine Kfz-Werkstatt und schenkt seiner Tochter einen schönen schwarzen Mercedes. Mit dem macht sich Samara auf den Weg nach Berlin, wo sie anfängt, in einer PR-Agentur für Influencer zu arbeiten. Dieser Job ist, natürlich, genauso langweilig und oberflächlich wie die «Avocado-Toast und Matcha Latte»-Welt auf Bali. Also macht Samara, die sich nach Glück und Freiheit sehnt, spontan einen Roadtrip. Mit Energydrinks und Leica fährt sie Richtung Süden, durchs Allgäu, färbt sich zwischendurch die Haare orange und landet schliesslich in St. Moritz. Dort wartet – typisch Wahl – ein wunderschöner Mann mit «eisblauen Augen» auf sie. Der Himmel ist in den Schweizer Hochalpen wie schon in der deutschen Kleinstadt aus «22 Bahnen» meistens «stahlblau». Absichtliche Ernst-Jünger-Referenz oder unfreiwilliger Jünger-Moment? Nicht einmal das. Hauptsache, alles wie immer im gemütlichen Wahl-Universum.Zwischendurch erlebt die bis zur Schmerzgrenze charakterlose Ich-Erzählerin immer wieder einen Poetry-Slam-haften Nervenzusammenbruch: «Ich komme nicht klar. Ich komme einfach nicht klar. Ich komme einfach gar nicht klar. Drücke sie weg, drücke sie weg, drücke sie weg. Diese scheissschwere Dunkelheit.» Generell viele «Scheisstränen», «Scheisskackmenschen», «Scheissideen». Und eine Menge kitschiger, schwerfälliger, altmodischer Sätze wie: «Er streichelt mit seinem schwieligen Daumen über meinen Handrücken, und ich ärgere mich, dass ich mich derart nach einer so nichtigen und einfachen Berührung verzehre.»Selbstreferenzialität als SelbstzweckDazu kommen seitenlange, ermüdende Beschreibungen von «Vanilla Iced Lattes» oder Samaras Social-Media-Konsum. «Ich scrolle und scrolle und scrolle.» Warum müssen wir dabei sein? Ständig riecht es nach etwas – «nach Wiese, nach Dünger, nach See». Bäche gluckern, Vögel zwitschern, Uhus rufen. «Ist hier denn wirklich alles genau so, wie man es sich vorstellt?», fragt sich die Protagonistin einmal – und mit ihr der von selbstreferenziellen Anspielungen überflutete, sich nach sprachlicher Schönheit sehnende Leser. War der Versuch, Klischees klischeehaft und Banalitäten banal zu beschreiben, jemals nicht langweilig?Dass Samara eine Hochstaplerin ist, wird schnell klar. Sie lügt ständig, was im inneren Monolog immer wieder ausgesprochen werden muss, sagt niemandem ihren echten Namen, gibt sich als Fotografin aus und hängt mit High-Society-Kids in St. Moritz ab, die leicht zu täuschen sind. Am Ende fliegt natürlich alles auf, aber ein Happy End gibt es trotzdem – wie immer in den Romanen von Caroline Wahl und fast nie im echten Leben. «Wenn das Ende noch schlimmer wäre als der Anfang, hätte ich gar keinen Bock, mit der loszuziehen!», hat Wahl einmal im Interview über ihre Protagonistinnen gesagt. Offenbar kommt dieser infantile Ansatz in unserer auf schnelle emotionale Befriedigung getrimmten Gegenwart gut an, und das ist mindestens genauso vorhersehbar wie die Plots in Wahls Büchern. Ausgerechnet in einem seriösen Feuilleton-Podcast erklärte eine Journalistin, Wahls Romane riefen in ihr ein ähnliches Gefühl hervor, wie wenn ihre Yogalehrerin sie am Ende des Unterrichts in eine weiche Decke einwickle. Interessanter Literaturanspruch.Weil Hochstapler oft innerlich einsam sind, ist es Samara auch. Immer wieder taucht im Roman diese «schwere, lähmende Einsamkeit» auf. Woher kommt sie? Unklar. Samara selbst fragt sich einmal, ob ihre depressiven Momente vielleicht damit zusammenhängen, dass sie und ihre Eltern zu jenen Menschen gehören, die «kein richtiges Zuhause-Zuhause haben». Aha. Entwurzelte sind also einsam? Endlich ein Gedanke – wenn auch ein vorhersehbarer. Im Buch wird er nicht weiter verfolgt. Denn Caroline Wahls Romane sind oberflächlich. So will es offenbar die Autorin – und doch sehnt sie sich nach den höchsten literarischen Auszeichnungen. Oder kann sie Tiefe womöglich gar nicht und ist selbst eine Hochstaplerin?Krise der KulturkritikNachdem letztes Jahr Wahls dritter Roman, «Die Assistentin», erschienen war, nahm die Literaturkritikerin Iris Radisch den darauffolgenden medialen Hype um das in ihrer Sicht «belanglose Buch» zum Anlass für eine grössere, generelle Kritik. Radisch stellte fest, dass in «anspruchslosester Umgangssprache» geschriebene Unterhaltungsliteratur heute von den Verlagen und Feuilletons erstaunlich ernst genommen werde. Und kritisierte gleichzeitig, dass die klassische Literaturrezension zunehmend einer meinungslosen Inhaltsangabe gewichen sei – angereichert «mit der Schilderung der Lebensumstände seiner Verfasserin, die man in einer Bar getroffen, beim Drachenfliegen oder beim Shoppen in einem Kaufhaus begleitet hat». Bloss keine Feinde machen.Es folgte damals eine vielversprechende Mini-Feuilleton-Debatte über die Krise der Kulturkritik und die Klüngelei im Literaturbetrieb. Aber die Reaktionen auf Caroline Wahls neues Buch zeigen: Die netten Spaziergänge und freundlichen Interviews mit ihr und überhaupt haben sich längst etabliert. Bleibt die Frage, warum kaum einen deutschen Kritiker die uninspirierte Sprache Wahls stört und ihre mittlerweile vor läppischer Selbstreferenzialität überquellenden Bücher lieber als popliterarisches Phänomen analysiert werden. Ist es die Lust an dem von der Sportwagen fahrenden Autorin inszenierten «Female Empowerment»? Der Rausch der Verkaufszahlen? Ein hilfloses Aufbäumen der Literaturkritik gegen den eigenen Bedeutungsverlust?Könnte alles sein. Aber eins ist klar: Wer gerne Bücher liest, in denen alle paar Seiten die «Scheissdunkelheit drückt und drückt», der findet diese infantile Vulgärsprache gut, eventuell sogar poetisch. Warum? Vielleicht, weil ihm als Kind zu oft die Geschichte vom kleinen Maulwurf vorgelesen wurde, der wissen will, wer ihm auf den Kopf gemacht hat.Caroline Wahl: 1999 Meter über dem Meer. Roman. Rowohlt 2026. 368 S., Fr. 36.90.Passend zum Artikel
Vulgärsprache in Moll: Caroline Wahls neuer Roman «1999 Meter über dem Meer»
Die deutsche Bestsellerautorin hat mit «1999 Meter über dem Meer» einen von der Kritik gefeierten Hochstaplerroman geschrieben. Ist sie womöglich selbst eine Hochstaplerin?











