Ein Sturmlauf der Extraklasse: Audrey Werro gewinnt im Stil einer ChampionneDie 22-Jährige unterstreicht bei Weltklasse Zürich, dass sie die klare Nummer 1 im 800-m-Lauf ist. Den Weltrekord verpasst sie in 1:53,70 nur um 42 Hundertstelsekunden.27.08.2026, 23.15 Uhr4 LeseminutenDie Pose als Löwin ist zu ihrem Markenzeichen geworden: Audrey Werro nach ihrem Sieg in Zürich.Kjetil Waber / ImagoWas muss das für ein Gefühl sein, unten auf der Bahn zu stehen und diese unter den Füssen beben zu spüren, wenn der Speaker den eigenen Namen ausruft: Audrey Werro. Die 22-Jährige ist das derzeit grösste Talent der Schweizer Leichtathletik, soeben ist sie Europameisterin geworden, und es scheint, als gebe es für sie keine Grenzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die 800-m-Läuferin hat sich dabei etwas bewahrt vom fröhlichen Bewegungsdrang, der sie im Kindesalter auszeichnete. Bei einem Trainingsbesuch im Jahr 2023 erzählte sie, wie sie diesen auslebte, wenn sie mit ihrer Mutter einkaufen ging: «Ich schnappte mir eine Tasche, rannte nach Hause, stellte den Migros-Sack vor die Garage, rannte wieder der Mutter entgegen, packte einen weiteren Sack und rannte los.»Talent, Tempo und SelbstvertrauenSeither hat Werro ihr Talent in zahllosen Trainingsstunden geschliffen, doch die Unbekümmertheit aus Kindertagen ist geblieben. In ihren besten Rennen ergreift sie irgendwann resolut die Initiative und rennt vorneweg, als müsse sie einen Migros-Sack möglichst schnell nach Hause bringen. So hat sie auch den EM-Titel gewonnen: von der Spitze aus und mit der Selbstsicherheit, jederzeit noch etwas beschleunigen zu können. Und das, obwohl sie am Tag zuvor im Halbfinal schwer gestürzt war.Audrey Werro läuft, wie grosse Champions laufen. In dieser Freiluftsaison hat sie mit Ausnahme des verunglückten EM-Halbfinals, in dem sie stürzte, jedes einzelne Rennen gewonnen. Und sie hat die Konkurrenz buchstäblich mitgerissen, denn es ist eine Art ungeschriebenes Gesetz: Wenn die Schweizerin am Start steht, gibt es ein schnelles Rennen.Und tschüss: Audrey Werro setzt sich in der Zielkurve von den Gegnerinnen ab.Andreas Becker / KeystoneDas war auch bei Weltklasse Zürich der Fall. Seit Werro im Juni in Stockholm die schnellste Zeit seit über vierzig Jahren gelaufen war, ging sie nie auf die Bahn, ohne dass irgendjemand vom Weltrekord sprach. Jarmila Kratochvilova lief diesen 1983 mit 1:53,28. Auch in Zürich hatte die Tempomacherin den Auftrag, auf den ersten 500 m eine Pace vorzulegen, die Werro in Richtung Rekord bringen könnte.Das Pacing war jedoch einen Tick zu unregelmässig, und Werro musste sich eingangs der Zielkurve auch noch gegen die Niederländerin Femke Broeders-Bol behaupten. Doch dann war es, als verfüge die Schweizerin über einen zusätzlichen Gang. Sie setzte sich ab und stürmte in 1:53,70 zum überlegenen Sieg. Werro ist damit bereits zum dritten Mal in diesem Jahr eine Zeit unter 1:54 Minuten gelaufen. Das ist überragend.Broeders-Bol war vor einem Jahr noch Weltmeisterin über 400 m Hürden. Jetzt absolviert sie ein Lehrjahr über die zwei Bahnrunden, lief in jedem Rennen schneller als zuvor und dürfte künftig die schärfste Rivalin von Werro sein. Beide haben ihr Potenzial noch nicht ausgereizt.Es gab in der jüngeren Geschichte der Schweizer Leichtathletik nur einen Sportler, der ähnlich dominant auftrat wie Werro. André Bucher war um die Jahrtausendwende ebenfalls über 800 m der Chef auf der Bahn. Am stärksten lief er vorneweg, im Sommer 2001 gewann er 11 von 12 Rennen über die zwei Bahnrunden und stürmte in Edmonton zum WM-Titel. Der Weltrekord aber lag für ihn ausser Reichweite.Dass nun im Zusammenhang mit Werro über dieses Mass aller Dinge geredet wird, ist allein schon bemerkenswert. Weltrekorde von Schweizer Leichtathleten sind fast so selten wie Perlen in Austern. In der bisherigen Geschichte der Schweizer Leichtathletik fanden fünf Athletinnen und Athleten Aufnahme in die offiziellen Listen: Isabell Pfenning (1941) im Hochsprung, Meta Antenen (1969) im Fünfkampf, Werner Günthör (1987) im Kugelstossen in der Halle, Julien Wanders im 5km-Strassenlauf (2019), Simon Ehammer (2026) im Siebenkampf in der Halle.Hinter den Erfolgen steht ein typisch schweizerisches SystemDass es in diesem Jahr Sternstunden des Schweizer Sports wie den Rekord Ehammers oder die Tempoläufe Werros gab, ist kein Zufall. Die Leichtathletik befindet sich seit den Heim-EM 2014 in einem permanenten Aufschwung; Medaillen an EM und WM häufen sich, und an Nachwuchstitelkämpfen erringen Jahr für Jahr neue Talente Top-3-Klassierungen. Nie zuvor gab es hierzulande eine solche Dichte von internationalen Topathleten.Was allerdings noch fehlt in dieser Erfolgsgeschichte, ist eine Medaille an Olympischen Spielen. Der Verband Swiss Athletics hat deshalb im vergangenen Herbst ein Sonderprojekt namens «Next Level» lanciert. Es soll die Chancen erhöhen, 2028 in Los Angeles nach den Medaillen zu greifen. Finanziert wird es dank der Unterstützung mehrerer Stiftungen ausserhalb des Verbandsbudgets. Philipp Bandi, Chef Leistungssport bei Swiss Athletics, sagt dazu: «Es ist uns wichtig, in die Allerbesten zu investieren, ohne dadurch die Basisarbeit zu schwächen.»Sie hat sich als klare Leaderin des 800-m-Laufs etabliert: Audrey Werro.Claudio Thoma / KeystoneDas Projekt umfasst diverse Massnahmen, unter anderem die gezielte Förderung von acht Sportlerinnen und Sportlern, denen das Potenzial für eine Olympiamedaille attestiert wird. Dazu zählt Audrey Werro. Sie profitiert auch davon, dass ihre Trainerin neu als Nationalcoach beim Verband angestellt wird. Christiane Berset Nuoffer hatte zuvor eine Auszeit vom Beruf als Lehrerin genommen, nun kann sie sich weiterhin ganz auf den Sport konzentrieren.Das ist quasi der letzte Schritt in einem System, das in der Schweiz immer wieder bestens funktioniert hat: Klubtrainer wachsen mit ihren Athleten und müssen diese nicht irgendwann an Profis im Verband abgeben, sondern bleiben im System. Das war schon einst bei Andy Vögtli so, der André Bucher bis zum Weltmeistertitel begleitete. Nach dessen Rücktritt kehrte er zurück in seinen Verein TV Beromünster.Christiane Berset Nuoffer hat sich schon früh Schritt für Schritt weiterbilden lassen und kürzlich die Prüfungen für das höchste Schweizer Trainerdiplom abgelegt. Sie trainiert weiterhin auch im CA Belfaux, wo drei junge Männer als ideale Sparringpartner für Werro in harten Einheiten einsetzbar sind.Interessant ist auch, dass sich Ende 2024 der langjährige Mittelstreckentrainer Louis Heyer von Swiss Athletics trennte, weil er der Ansicht war, er könne beim Verband zu wenig professionell arbeiten. Heute führt er ein Profiteam, das vom Ausrüster On finanziert wird. Für Werro sind die Bedingungen innerhalb des Verbandes nun aber offensichtlich genügend professionell.Passend zum Artikel
Meisterhaft und unschlagbar: wie Audrey Werro triumphiert
Die 22-Jährige unterstreicht bei Weltklasse Zürich, dass sie die klare Nummer 1 im 800-m-Lauf ist. Den Weltrekord verpasst sie in 1:53,70 nur um 42 Hundertstelsekunden.









