Im Kreml zeigt man sich einsilbig. Dmitrij Peskow, der Sprecher des russischen Herrschers Wladimir Putin, sagte lediglich, CIA-Direktor John Ratcliffe sei in dieser Woche nach Moskau gekommen, um „Kontakte zwischen den Geheimdiensten“ zu pflegen. Solche „gehen zum Teil auch in den schwierigsten Momenten der bilateralen Beziehungen weiter“ und seien „eine positive Erscheinung, ein positiver Prozess“. Mit Putin habe es „keine Treffen“ Ratcliffes gegeben, dieser „hatte keinerlei Kontakte mit dem Kreml“.Der Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR, Sergej Naryschkin, bezeichnete sein Treffen mit Ratcliffe am Donnerstag als „nichts Ungewöhnliches“. Treffen von Geheimdienstchefs gehörten zum normalen Arbeitsalltag, sagte er. Zu den besprochenen Themen machte Naryschkin keine näheren Angaben.Auch Donald Trump äußerte sich zurückhaltend. In einem Radiointerview sprach der amerikanische Präsident davon, dass die Visite „halb Routine“ gewesen sei. Womöglich werde es zu etwas führen, fügte er mit Blick auf seine Bemühungen hinzu, den Ukrainekrieg zu beenden. Beide Seiten, also Moskau und Kiew, wollten den Krieg inzwischen beenden.Von Cyberangriffen bis zum kleinräumigen TruppenvorstoßEinige Tage lang war in Washington über den Grund für Ratcliffes Reise gerätselt worden. Am Mittwoch berichtete das „Wall Street Journal“ dann unter Berufung auf Quellen, die über die Reise unterrichtet worden seien, der CIA-Direktor habe Moskau davor gewarnt, NATO-Staaten anzugreifen. Hintergrund sind Einschätzungen der amerikanischen Nachrichtendienste, Putin könnte versuchen, die Entschlossenheit der Allianz zu testen – mit einem begrenzten Schlag gegen ein NATO-Mitglied in den nächsten Jahren.Das Spektrum der Szenarien reicht dabei von einem Cyberangriff bis hin zu einem kleinräumigen Truppenvorstoß, etwa in ein baltisches Land. Die Sorgen vor einem solchen Szenario hätten zugenommen, da Putin nicht verborgen geblieben sei, dass es im Westen aufgrund der Militärhilfe für Kiew und infolge des Irankrieges einen Munitionsmangel gibt. Ratcliffes Vorgänger William Burns war im November 2021 ebenfalls mit einer Warnung nach Moskau gereist: Sollte Putin eine Großinvasion in der Ukraine ausführen werde der Westen reagieren – mit ernsten Konsequenzen für Russland.CIA-Direktor John Ratcliffe im März in WashgintondpaDer Kreml wies den Bericht des „Wall Street Journal“ als alarmistisch zurück. „Viele solcher Horrorgeschichten werden derzeit veröffentlicht. Sie haben natürlich nichts mit der Realität und mit den Absichten Russlands zu tun“, sagte Peskow dazu am Donnerstag.Putin ist derzeit in der misslichen Lage, dass er seine weit gesteckten Eroberungsziele in der Ukraine trotz enormer Opfer auch auf russischer Seite nicht erreicht. Entsprechend wird über eine neue Mobilisierungswelle nach den Duma-Scheinwahlen in der zweiten Septemberhälfte spekuliert. Eine solche wäre aber unpopulär. Außerdem haben ukrainische Drohnenangriffe auf zahlreiche russische Raffinerien zu einem in weiten Teilen des Landes und der besetzten ukrainischen Gebiete spürbaren Treibstoffmangel geführt.Darüber hinaus haben Attacken gegen Logistikzentren des Onlinehändlers Wildberries den Krieg auch auf Russlands größte E-Commerce-Plattform ausgeweitet. Das hat harte wirtschaftliche Folgen auch für Tausende kleine und mittlere Unternehmen, die auf diesem Wege ihre Produkte vertreiben. Doch Russlands Herrscher wirkt in seinen öffentlichen Auftritten nicht geneigt, seine Maximalziele zurückzunehmen.Vertraut Trump seinem Apparat?Vor Ratcliffe war Trumps Sondergesandter Steve Witkoff mehrmals nach Russland gereist und auch mit Putin zusammengetroffen. Witkoff, ein diplomatisch unerfahrener Trump-Freund aus gemeinsamen Tagen als New Yorker Immobilienmäzene, schien gewillt, einen Deal mit Putin zulasten der Ukraine zu machen. Witkoffs Begegnungen mit dem russischen Machthaber hatten deshalb im Westen teils Entsetzen hervorgerufen. Außenminister Marco Rubio musste hernach die Kohlen aus dem Feuer holen. Letztlich kam Trump, der im Wahlkampf versprochen hatte, den Ukrainekrieg binnen 24 Stunden zu lösen, nicht weiter. Zwischenzeitlich schien er sogar das Interesse daran zu verlieren, sich in dem Konflikt zu engagieren.Der Präsident hatte nach seiner Rückkehr ins Weiße Haus mehrfach die Beistandspflicht innerhalb der NATO in Zweifel gezogen und das Bündnis einen „Papiertiger“ genannt. Auch drohte Washington, den Wert der Allianz nach einem Ende des Irankrieges neu zu prüfen. Auf dem NATO-Gipfel im Juli in Ankara bekräftigten dann aber alle Bündnispartner ihr unerschütterliches Bekenntnis zum Beistandspakt nach Artikel 5 des NATO-Vertrages.Ratcliffes erste Reise als CIA-Direktor nach Russland könnte nun anzeigen, dass Trump zumindest derzeit den Einschätzungen seines Apparats vertraut. Zuvor hatte er die eigenen Nachrichtendienste immer wieder als Teil des tiefen Staates verunglimpft.Ratcliffe ist seit vielen Jahren ein Verbündeter Trumps. In dessen erster Amtszeit zählte er als Mitglied des Repräsentantenhauses zu seinen Unterstützern. Der Präsident machte ihn 2020 zum Director of National Intelligence, also zum Aufseher über die 18 Nachrichtendienste. Bei seiner Bestätigung als CIA-Direktor Anfang 2025 durch den Senat erhielt er auch die Stimmen von 20 Demokraten.Als Trump nach einem zwischenzeitlichen Zerwürfnis mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj die Militärhilfe für Kiew suspendierte, war es Ratcliffe, der den Präsidenten davon überzeugte, den ukrainischen Streitkräften weiter nachrichtendienstliche Erkenntnisse zur Verfügung zu stellen. Auch unterstützte die CIA unter Ratcliffes Ägide Kiew dabei, die Effektivität ukrainischer Drohnenangriffe in Russland zu erhöhen.