Die Sturzflut trifft Pekings strategischen Korridor durch den HimalajaEine Naturkatastrophe hat einen wichtigen Grenzübergang zwischen China und Nepal zerstört. Vor einem Jahr ist es schon einmal passiert. Warum halten die beiden Staaten an einer so gefährlichen Handelsroute fest?27.08.2026, 16.01 Uhr4 LeseminutenDer chinesische Staatssender CCTV berichtete am Donnerstag über die Flutkatastrophe an der Grenze zwischen Nepal und China.Maxim Shemetov / ReutersDer Gyirong-Grenzübergang ist die wichtigste Handelsroute zwischen China und Nepal. 2024 flossen knapp 30 Prozent des bilateralen Handels über jenes Himalaja-Tal, gab die tibetische Regionalregierung an. Nun liegt alles unter Schlamm und Geröll begraben. Am Mittwoch zeigten Aufnahmen einer Überwachungskamera, wie das graue Grenzgebäude, die Lastwagen und Personen auf dem Vorplatz innert Sekunden von einer Sturzflut verschluckt wurden. Später war auf Social-Media-Kanälen zu sehen, wie die Flut sich ihren Weg weiter durchs Tal bahnte. Hunderte Menschen sind ums Leben gekommen, mehr als tausend gelten als vermisst.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist nicht das erste Mal, dass sich eine solche Naturkatastrophe beim Grenzübergang Gyirong ereignet. Bereits im Juli 2025 zerstörte eine Sturzflut die Grenzbrücke. Der Übergang blieb bis Januar 2026 geschlossen. Warum halten China und Nepal dennoch an einer so gefährlichen Handelsroute fest?Peking will Tibet zum Tor nach Südasien machenChina reagierte rasch und auf höchster Ebene auf die Katastrophe. Der Partei- und Staatschef Xi Jinping erteilte «wichtige Weisungen», Ministerpräsident Li Qiang äusserte sich ebenfalls, eine nationale Notfallreaktion der zweithöchsten Stufe wurde ausgelöst und ein Politbüro-Mitglied reiste ins Katastrophengebiet.Der Gyiron-Grenzübergang hat seit Jahren eine strategische Bedeutung für Peking. Die Route ist eine der wenigen möglichen Nord-Süd-Verbindungen durch den Himalaja, ein jahrhundertealter Handelsweg. Nun ist sie ein Teil von Xi Jinpings «Neuen Seidenstrasse» und dient dem Ziel, Tibet zur Drehscheibe des Handels mit Südasien zu machen. Chinas Zentralregierung baut Strassen, Zoll- und Logistikgebäude und prüft sogar eine Zugverbindung zwischen der tibetischen Region Shigatse über Gyirong nach Kathmandu.Aber nicht nur China hat ein Interesse, diese Handelsroute bestmöglich zu erschliessen, sondern auch Nepal. Das Land will durch mehr Handel mit China seine Abhängigkeit von Indien reduzieren. Gleichzeitig braucht Nepal dringend moderne Infrastruktur wie Tunnel und Schienenwege, um seine Wirtschaft anzukurbeln. Kathmandu erhofft sich chinesische Investitionen im Rahmen der Neuen Seidenstrasse.Der Handel über Gyirong besteht vor allem aus chinesischen Exporten, Nepal verkauft im Verhältnis nur wenig nach China. Eindrücklich sind beispielsweise die Zolldaten zur Lieferung chinesischer Elektro- und Hybridfahrzeuge. 2020 wurden nur 39 über den Grenzübergang exportiert, 2025 waren es laut Angaben der Lokalregierung bereits 4126 im ersten Halbjahr, bis die Flut die Brücke zerstörte.China dominiert die HandelsbeziehungDoch während die Handelsbeziehungen immer enger werden, gibt es auch Spannungen in der Grenzregion. Die Sturzflut im vergangenen Jahr wurde durch die Entleerung eines Gletschersees in Tibet ausgelöst. Das fand die nepalesische Katastrophenschutzbehörde anhand von Satellitendaten heraus. Die nepalesische Seite sagte damals gegenüber der «Kathmandu Post», China habe sie nicht vorgewarnt. Einen entsprechenden Mechanismus gebe es nicht.Seit 2019 gibt es zwar ein Abkommen, um das Risiko von Naturkatastrophen zu reduzieren und bei Notfällen besser zusammenzuarbeiten. Aber offenbar mangelt es an der Umsetzung. Experten fordern deshalb seit Jahren Datenaustausch in Echtzeit und gemeinsame Frühwarnsysteme. Mit den Staaten am Mekong tauscht China bereits systematisch hydrologische Daten aus. Nach der jetzigen Katastrophe haben sich chinesische und nepalesische Behörden noch am Mittwoch per Video gesprochen. China sagte anschliessend zu, Nepal künftig zu informieren, sobald der Wasserstand auf chinesischer Seite ansteigt.China dominiert seinen kleinen Nachbar im Süden. Auf der chinesischen Seite wimmelt es von Überwachungskameras und Grenzbeamten – die nepalesische Seite ist schwächer aufgestellt, das gibt China die Macht, Grenzschliessungen eigenmächtig durchzusetzen. Dazu kommt: Früher konnten sich die Bewohner der Grenzregion oft auf Tibetisch verständigen. Befragte einer nepalesischen Studie aus dem Jahr 2023 sagten jedoch, dass die chinesischen Grenzbeamten heute überwiegend Han-Chinesen seien, die kein Tibetisch sprächen. Das führe zu Verständigungsproblemen.Chinas oberstes Interesse: kein SeparatismusChinas rigide Kontrollen sorgen zudem für Unstimmigkeiten. Das hat historische Ursachen. Chinas Volksbefreiungsarmee marschierte 1950 in Tibet ein, im Jahr darauf kam Tibet unter die Kontrolle der Volksrepublik. Ab Anfang der sechziger Jahre unterhielten einige tibetische Widerstandskämpfer im nepalesischen Mustang eine Guerillabasis. Die CIA unterstützte sie mit Waffen, Geld und Ausbildung.Peking fürchtet bis heute, dass tibetische Unabhängigkeitsbestrebungen von Nepal aus ins Land sickern könnten. Besonders gefährlich erscheint den chinesischen Behörden die Verehrung des Dalai Lama, der seit 1959 im indischen Exil lebt. Die Grenzkontrollen nach Tibet sind deshalb rigoros – Ausländer benötigen für die Einreise eine spezielle Genehmigung. Nepalesische Grenzbewohner berichten von strengen Kontrollen an der Grenze zu China. Ihre Handys würden durchsucht. Wenn ein Bild des Dalai Lama gefunden werde, werde die Einreise verweigert.Passend zum Artikel
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Eine Naturkatastrophe hat einen wichtigen Grenzübergang zwischen China und Nepal zerstört. Vor einem Jahr ist es schon einmal passiert. Warum halten China und Nepal an einer so gefährlichen Handelsroute fest?











