Die am Donnerstag begonnene Zusammenkunft von Notenbankern, Ökonomieprofessoren, Politikern und Journalisten in Jackson Hole hat eigentlich den technologischen Fortschritt beim Zahlungsverkehr als Schwerpunkt. Doch alle Augen sind auf Kevin Warsh, den neuen Chef der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) gerichtet. Er hält seine Rede am Freitag um acht Uhr morgens Ostküstenzeit und gibt den Finanzmärkten damit ausreichend Zeit zu reagieren. Traditionell nutzen die Fed-Chefs ihre Rede in Jackson Hole für eine besonders wichtige, langfristig angelegte Botschaft.Die Spannung steigt: Denn aus den bisherigen Auftritten des Notenbankers konnten sich die professionellen Fed-Beobachter noch keinen rechten Reim machen. Eine der zentralen Fragen ist, wie er die jüngste Inflationsentwicklung deutet. Warsh hat öffentlich gemacht, dass einzelne Datenpunkte für ihn nicht übermäßig relevant seien und dass die Datenqualität selbst zweifelhaft sei. Damit verschafft er sich einen Freibrief, auch die Datenveröffentlichung des Handelsministeriums vom Mittwoch nicht so schwer zu nehmen.Die jüngsten Daten zeigen: Die Inflation ist zähDie Preise für Waren und Dienstleistungen waren demzufolge im Juli leicht gestiegen. Der Preisindex für die persönlichen Konsumausgaben (PCE) legte saisonbereinigt um 0,2 Prozent zum Vormonat zu. Die Jahresteuerung betrug 3,7 Prozent, teilte das Handelsministerium mit. Beide Werte lagen 0,1 Prozentpunkte über den Erwartungen. Ohne die stark schwankenden Preise für Lebensmittel und Energie stieg der Kern-PCE um 0,2 Prozent zum Vormonat und um 3,3 Prozent zum Vorjahr. Das entsprach den Prognosen. Der PCE war bisher das von der Federal Reserve bevorzugte Inflationsmaß.Ob Warshs Rede die Märkte beruhigen wird, ist nicht ganz klar. Die Analysten und Investmentprofis sieben die Redetexte gewöhnlich nach Hinweisen durch, die beantworten, ob, um wie viel und wie oft der Leitzins in diesem Jahr noch verändert wird. Warsh hat seinen Unwillen deutlich gemacht, entsprechende Signale zu versenden. Auf der Pressekonferenz im Juli hatte er gesagt: „Wenn ich darf, möchte ich in der Höhenluft von Jackson, Wyoming, auch die großen Fragen in den Blick nehmen.“ Generell bestehe bei der Kommunikation der Federal Reserve die Gefahr, sich im Kurzfristigen zu verlieren.Warsh hat nach seinen ersten Auftritten Zweifel in zweierlei Hinsicht aufkommen lassen. Zum einen ist unklar, wie entschlossen er in der Inflationsbekämpfung ist. Seinen alten Ruf als Falke hat er selbst unterminiert durch jüngere Äußerungen, dass der technologische Fortschritt und die damit einhergehende Produktivitätsrevolution die Inflation dämpfe und damit Leitzinssenkungen erlaube. Das war Musik in Präsident Donald Trumps Ohren, der ihn entsprechend für das höchste geldpolitische Amt nominierte. Zudem taucht die Frage auf, wie entschlossen er um die Unabhängigkeit der Zentralbank kämpft. Vor seine Kollegin im Gouverneursrat, Lisa Cook, die sich mit neuen Attacken aus dem Weißen Haus konfrontiert sieht, hat er sich nicht gestellt.Ohnehin ist die Lage herausfordernd. Inflationssorgen, das große Haushaltsdefizit und der immense Kapitalhunger der Technologieindustrie treiben offensichtlich die Renditen der US-Staatsanleihen nach oben. Das US-Finanzministerium griff gleich zweimal in die globalen Märkte ein: zunächst, um über eine Fazilität der Fed den japanischen Yen zu stützen, und anschließend, um lang laufende US-Staatsanleihen zu stabilisieren.Mit diesen Versuchen der Zinsmanipulation verwischen sich die Grenzen zwischen Geldpolitik und Fiskalpolitik, sagen Kritiker. Ohnehin gewinnt der Gedanke an Zustimmung, dass Geldpolitik nur noch dann Wucht entfaltet, wenn sie mit einer nachhaltigen Fiskalpolitik der schrumpfenden Defizite koordiniert wird. Man darf gespannt sein, ob Warsh dieses Thema anspricht.