Dolly Parton: Ein Darling für die Armen und die Reichen, die Schwarzen und die Weissen, die Republikaner und die DemokratenDie amerikanische Country-Diva, die am Dienstag achtzigjährig verstorben ist, war nicht nur eine herausragende Sängerin und Songwriterin. Mit ihrer Musik und ihrem Schalk bewährte sie sich als letzter Star, der sich über gesellschaftliche Gräben hinwegsetzen konnte.27.08.2026, 15.05 Uhr4 LeseminutenDolly Parton – der Darling fast aller Amerikanerinnen und Amerikaner.Bettmann / GettyWann waren sich Demokraten und Republikaner zum letzten Mal einig? Das dürfte 2021 in Tennessee gewesen sein, als das Parlament beschloss, das Denkmal eines umstrittenen Konföderierten-Generals durch eine Statue Dolly Partons zu ersetzten. Der entsprechende Gesetzesentwurf war von Abgeordneten beider Parteien eingebracht worden. Er scheiterte allerdings am Einspruch der Künstlerin selbst. Es schien ihr wohl zu früh, auf einem Podest versteinert und verewigt zu werden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Episode aber ist symptomatisch für die Popularität der phänomenalen Country-Sängerin, die am Dienstag im Alter von achtzig Jahren verstorben ist. Längst war «Dolly» der «Darling» der Nation – vom ländlichen Tennessee, wo die Sängerin 1946 geboren wurde, bis in die Tiefen der New Yorker Schickeria. «Is there anything we can all agree on?» – Gibt es etwas, auf das wir uns einigen können –, fragte 2021 die «New York Times» in einer Schlagzeile und antwortete selbst: «Yes: Dolly Parton».Keine PolitikAngesichts ihres Todes bekennen sich alle Amerikaner als Dolly-Parton-Fans. Selbst Präsident Donald Trump, der die amerikanische Flagge auf halbmast setzen liess aus Trauer um die Country-Sängerin. Man mag sich dabei fragen, ob allenfalls nicht Dolly Parton selbst eine valable Anwärterin auf die Präsidentschaft gewesen wäre bei ihrer unvergleichlichen Beliebtheit.Was für eine tolle Vorstellung, die Diva mit der anrührenden Mädchenstimme, der blonden Haartracht, dem grossen Busen und der noch grösseren Seele als Repräsentantin ihres Landes! Angesichts der Intelligenz, die sie nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Produzentin, Unternehmerin und schlagfertiger Medienstar an den Tag legte, wäre ihr die Aufgabe zuzutrauen gewesen. Aus der Parteipolitik hielt sie sich indes bewusst heraus. Sie mochte sich in ihren Songs oder in den Medien zu politischen Fragen äussern, aber nicht zu Politikern.Politiker vertreten Interessen, Parteien, Regionen, die sie gegen gegnerische Interessen, Parteien, Regionen vertreten. Ihr Geschäft ist auf Konkurrenz und Wettbewerb ausgelegt. Andere Sphären müssen dafür sorgen, dass eine Gesellschaft zusammenhält: die Religion etwa oder die Kultur: Kunst, Literatur, Musik. Und Dolly Parton scheint tatsächlich eine Künstlerinnen gewesen zu sein, die gesellschaftliche Spannungen ausgleichen und politische Gräben überbrücken wollte.Gibt es noch andere Beispiele? Bob Dylan vielleicht, der sich gegen jede politische Vereinnahmung wehrt? Er ist wohl zu verschlossen, zu elitär. Bruce Springsteen oder Taylor Swift? Sie haben mit ihrem All-American-Sound ein breites Publikum erobert. Dann aber hat die kontroverse Politik Donald Trumps sie provoziert, klar Stellung gegen ihn zu beziehen. So muss man heute ins Totenreich blicken, um weitere Integrationsfiguren wie Dolly Parton zu finden – mythische Figuren wie Elvis Presley oder Aretha Franklin.Weg aus der ArmutDie Voraussetzung für Dolly Partons Breitenwirkung war zunächst ihr Talent. Ohne ihren flötenden Sopran und ihre sprudelnde Kreativität hätte sich die Country-Sängerin in der umkämpften Musikszene Nashvilles nicht durchgesetzt. Ihren Begabungen verdankte sie auch jene feministische Selbstsicherheit, mit der sie sich rechtzeitig von ihrem Förderer Porter Wagoner emanzipierte. 1973 verabschiedete sie sich vom Mentor, in dessen TV-Show sie 1967 beigetreten war, indem sie ihm ein freundschaftliches Abschiedslied schrieb: «I Will Always Love You».Danach landete die Sängerin Hit um Hit. Der Erfolg trug Dolly Parton, die in grösster Armut aufgewachsen war, langsam die Leiter hinauf in die amerikanische High Society. Ihre Heimat blieb die ländliche Gesellschaft Tennessees, aber dank hundert Millionen verkaufter Alben zählte sie bald zu den Superreichen. Um so billig auszusehen wie sie, brauche es sehr viel Geld, witzelte die Künstlerin, die nie ein Hehl machte aus ihren Schönheitsoperationen. Tatsächlich aber hat sie allenthalben Sympathie gewonnen, weil sie ihr Kapital philanthropisch investierte – in die «Imagination Library» etwa, ein Projekt, das Kinder gratis mit Büchern versorgte, oder in die Entwicklung eines Covid-Impfstoffs.In den Appalachen geboren, tief im Hinterland einer ländlichen Musikszene, wuchs die Sängerin gewissermassen in die Reinkultur des Country hinein. Aber ihre Expressivität nährte sich bereits aus gegensätzlichen Quellen. Singen lernte sie durch die Kirchenlieder, die im Gottesdienst ihres Grossvaters gesungen wurden. Das Gitarrenspiel hingegen brachte ihr ein Onkel bei. So mischten sich profane und sakrale Motive in ihrer Musik, noch bevor sie mit siebzehn Jahren nach Nashville zog.Wer so tief verwurzelt ist in einer Tradition wie Dolly Parton, der kann sich stilistische Seitensprünge erlauben. In Nashville lernte sie einen moderneren, opulenteren Country-Stil kennen. Später machte sie mit Songs wie «Here You Come Again» (1977) direkt auf Pop. Die Flexibilität aber verdankte sie nicht nur Mehreinnahmen, sie ermöglichte ihr den Austausch mit unterschiedlichen Milieus und Generationen. Weiterhin bewährte sich ihr Country-Repertoire als musikalische Heimat für ein Publikum, dem Pop zu flüchtig und zu oberflächlich war. Ihre Ausflüge in zeitgenössische Songproduktionen aber hielten sie auf der Höhe der Zeit.Die SäulenheiligeIn ihren Liedtexten machte sich Dolly Parton stark für die Frauen und solidarisierte sich mit Minderheiten: Country gilt in den USA als Musik der Weissen. Dolly Parton aber hat es begrüsst, wenn ihre Songs von schwarzen Kolleginnen gecovert wurden. Whitney Houstons Version von «I Will Always Love You» wurde zum Welthit. 2024 hat Parton gleich selber zusammen mit Beyoncé «Jolene» neu eingespielt. Zum Idol der afroamerikanischen Bevölkerung wurde sie auch dadurch, dass sie die Black-Lives-Matter-Bewegung unterstützte: «Natürlich sind schwarze Leben wichtig; denken wir, dass unsere kleinen weissen Ärsche die einzigen sind, die etwas gelten?», sagte sie 2020 in einem Interview.Dolly Parton also war ein Idol der Country-Music, trotzdem führte sie ein künstlerisches Leben jenseits stilistischer, sozialer oder politischer Einengung. Vertraut mit den Armen und den Reichen, mit den Weissen und den Schwarzen, mit den Hill-Billy-Bauern und den Städtern, hat sie ihren christlichen Glauben in der weltlichen Realität ausgelebt. Sie verkörperte gleichsam alte, christliche Werte – und vertrat gleichzeitig demokratische Ideen bezüglich Homosexualität und Queerness.Vielleicht sorgt die geteilte Trauer um Dolly Parton noch einmal für Einigkeit zwischen Demokraten und Republikaner. Vielleicht können sie der Säulenheiligen des amerikanischen Patriotismus nun endlich ein Denkmal setzten. Am besten direkt vor dem weissen Haus.Passend zum Artikel
Dolly Parton: Die Künstlerin, die Amerika einte
Die amerikanische Country-Diva, die am Dienstag achtzigjährig verstorben ist, war nicht nur eine herausragende Sängerin und Songwriterin. Mit ihrer Musik und ihrem Schalk bewährte sie sich als letzter Star, der sich über gesellschaftliche Gräben hinwegsetzen konnte.












