„A29“ heißt eine monumentale Zeichnung des südkoreanischen Künstlers Lee Bae – ein einziger breiter Pinselstrich, mit schwarzer Holzkohletinte auf weißes Papier gesetzt. „Hm“, dachte Suzanne Swarts, die Direktorin des niederländischen Privatmuseums Voorlinden, als sie das Werk nach seinem Entstehen 2024 auf einem Foto sah. Und das wollte der Gründer ihres Museums ankaufen?„Hm“, dachte Swarts auch noch, als sie einige Wochen später die Transportkiste öffnete, in der das Werk eingetroffen war. Doch dann hing die riesige Zeichnung im richtigen Licht an der Wand. Plötzlich begannen die Kohlepartikel zu leben, der schwarze Pinselstrich entwickelte eine fast dreidimensionale Tiefe. „Da dachte ich nur noch: Wow!“, erzählt die Museumsdirektorin. „Er hat einfach ein verdammt gutes Auge!“Eine Art Virus, den er nicht mehr loswurdeEr – das ist Joop van Caldenborgh, Selfmademan, Hafenmagnat, Multimillionär und leidenschaftlicher Kunstsammler. „Listen to your eyes“ lautet nicht umsonst sein Credo, höre auf deine Augen. So heißt auch eine aus Neonröhren bestehende Arbeit des italienischen Lichtkünstlers Maurizio Nannucci. Sie gehört zu den rund 10.000 Werken der Caldic Collection, die der inzwischen 85 Jahre alte Unternehmer in den vergangenen 70 Jahren aufgebaut hat – die bedeutendste niederländische Privatsammlung moderner und zeitgenössischer Kunst mit großen Namen wie Anselm Kiefer, Maurizio Cattelan, Tracey Emin, Ai Weiwei.Lebendige Kunst: Von dem Landschaftsgärtner Piet Oudolf angelegter Garten am Museum VoorlindenAntoine van Kaam„Alles Kunst aus meiner Zeit“, sagt er selbst, als er aus einem der beiden Ausgänge von „Open ended“ wieder auftaucht, einem 18 Meter langen Labyrinth aus rostigen gewölbten Stahlplatten des 2014 verstorbenen US-Künstlers Richard Serra. „Diese Skulptur muss man erfahren, erleben!“ Van Caldenborgh – im Anzug Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle – konnte die Arbeit noch direkt bei Serra in dessen Atelier in Auftrag geben. Der Kontakt mit den Künstlern zählt für ihn zu den schönsten Nebeneffekten des Kunstsammelns. Nun gehört das begehbare Kunstwerk zu den Publikumslieblingen von Voorlinden, dem in die Nordseedünen eingebetteten Museum, mit dem sich van Caldenborgh 2016 in Wassenaar bei Den Haag einen Traum erfüllte. Zehn Jahre später ist es ein anerkanntes Museum für moderne und zeitgenössische Kunst.„Alle unsere Erwartungen wurden übertroffen“, betont der Sammler, während er mit weit ausholenden Schritten durch sein Museum schreitet. Auf der Kunstmesse Art Basel in der Schweiz gab er Besuchern im Juni noch den Tipp, sich unterhalb des Tinguely-Museums in den Rhein gleiten und flussabwärts ins Herz von Kleinbasel treiben zu lassen. Eine „phantastische Erfahrung“ sei das – wie das Sammeln von Kunst. Das sei eine Art von Virus, den man nicht mehr loswerde. Van Caldenborgh wurde schon mit 16 davon erfasst, als er sein erstes Kunstwerk erwarb, einen Siebdruck des niederländischen Computerkünstlers Peter Struycken. Das Geld dafür hatte er sich als Zeitungsjunge zusammengespart.Die Chemie musste stimmen„Eigentlich wollte ich selbst Künstler werden, aber das Talent hat nicht gereicht.“ Stattdessen studierte er Wirtschaftswissenschaften und Chemie, war ein paar Jahre Luftwaffenpilot und gründete mit 29 Jahren im Rotterdamer Hafen seinen Chemiekonzern Caldic. Nebenbei sammelte er Kunst. Durchschnittlich wachse seine Kollektion täglich um ein Werk, wodurch sich mit der Zeit allerdings die Frage aufdrängte: Wohin damit?2011 entstand der Plan, ein eigenes Museum zu bauen. Es wurde ein klassischer Kunstpavillon aus Stahl, Naturstein und viel Glas. Museum und Sammlung sind in einer Stiftung untergebracht. Eine zweite sichert die Finanzierung: ein Endowment-Fonds, dessen Grundkapital unangetastet bleibt. In den Museumsbetrieb fließen ausschließlich die erwirtschafteten Erträge. Ein „ansehnlicher Teil“ sei für Ankäufe reserviert, sagt van Caldenborgh und weist im Vorbeigehen auf den „Swimming Pool“ des argentinischen Künstlers Leandro Erlich, in den man, ohne nass zu werden, eintauchen kann.Kunst, die man erleben muss: Richard Serras Monumentalskulptur „Open Ended“ im Museum VoorlindenAntoine van Kaam/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Gibt es etwas, auf das er als Sammler heute mehr achten muss als früher? „Auf mein Portemonnaie“, sagt er. Die Zahlen hätten sich geändert, und zwar grundlegend. Die entscheidende Frage aber laute nach wie vor: Gefällt mir das? Finde ich, dass es gute Kunst ist? Ob der betreffende Künstler irgendwann berühmt werde, sei für ihn zweitrangig. Der größte Fehler, den ein Sammler begehen könne, sei, Kunst als Investition anzuschaffen. Ein Lieblingswerk hat van Caldenborgh nicht. „Ich habe allerhöchstens eine Schwäche für den Minimalismus“, meint er beim Betreten eines Sitzungsraums. Er deutet auf ein Relief, das über dem Besprechungstisch an der Wand hängt: „Und Jan Schoonhoven, einer meiner ersten Ankäufe.“Unter dem Werk sitzt die Direktorin Suzanne Swarts und erwartet ihn. Sie verfügt über ein eigenes Budget und kann selbständig Ankäufe tätigen. Aber, stellt sie klar, nur in Ausnahmefällen seien sie und der Sammlungsgründer verschiedener Meinung. Oft sind sie beide zusammen unterwegs, besuchen Messen und Galerien. „Das Wichtigste für einen Sammler ist ein gutes Auge, das muss trainiert werden“, sagt van Caldenborgh. Berater hat er nicht. Bei etwas so Persönlichem wie der Anschaffung eines Kunstwerks will er sich nicht hineinreden lassen.Natürlich ist er schon auf Fälschungen reingefallen, einen niederländischen Impressionisten, der keiner war. Er hätte es wissen müssen, der Händler war unzuverlässig. So manches Mal ging ihm ein Werk durch die Lappen, weil er zu lange zögerte. Auch das Gegenteil war schon der Fall: dass er draufzahlte, beim Ersteigern kein Aufhören kannte, weil er etwas unbedingt haben wollte. Hat er einen Ratschlag für angehende Sammler parat? „Fangt einfach an und traut euch! Aber kauft nicht für den Markt, der ist unberechenbar. Kauft, was ihr selbst gut findet, und erfreut euch daran.“ Reich müsse man dafür nicht sein. Und noch etwas: „Macht keine Kompromisse! Hört nicht auf andere und lauft keinen Trends hinterher!“ Anders ausgedrückt: „Listen to your eyes.“Die Schau „Celebrating the Icons of Art“ zum zehnjährigen Bestehen des Museums Voorlinden in Wassenaar beginnt am 12. September.
Joop van Caldenborgh: Sein Privatmuseum Voorlinden wird 10 Jahre alt
Vor zehn Jahren eröffnete Joop van Caldenborgh sein eigenes Museum. Beim Rundgang durch die größte niederländische Privatkollektion zeitgenössischer Kunst verrät der Unternehmer, was ihn antreibt – und welche Ratschläge er angehenden Sammlern gibt.








