Es ging hitzig zu in der TV-Runde des MDR, knapp zwei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Das Tempo in der Debatte war hoch, alle sieben Kandidatinnen und Kandidaten wollten ihre Punkte setzen, argumentierten dabei vielfach mit Zahlen und Fakten – und blieben nicht immer bei der Wahrheit.Die wichtigsten Aussagen im Check. Sven Schulze (CDU): AfD will Schulpflicht abschaffen Korrekt Gleich zu Beginn der Debatte warf Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) seinem Kontrahenten Ulrich Siegmund (AfD) vor, er und seine Partei wollten die Schulpflicht abschaffen.Das stimmt. Eltern, die ihre Kinder lieber selbst unterrichten wollen, sollen dies nach dem Willen der AfD künftig dürfen. Voraussetzung dafür wären halbjährliche zentrale Prüfungen, die das Kind bestehen muss. Dafür müsste allerdings die Landesverfassung geändert werden. Die dafür notwendige Zweidrittelmehrheit ist für die AfD außer Reichweite. Ulrich Siegmund (AfD): Regierung hat es nicht geschafft, für kostenlose Kitaplätze zu sorgen Irreführend Im Schnitt kostet ein Kitaplatz in Sachsen-Anhalt rund 190 Euro monatlich. Die AfD möchte Kitaplätze laut Wahlprogramm kostenfrei machen. In der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ gestand Siegmund allerdings ein, dass dies nicht sofort umsetzbar sei. Auch andere Parteien, etwa die SPD, werben mit der Idee.Siegmunds Formulierung im Duell implizierte jedoch, dass Schulze sich dies vorgenommen habe und damit gescheitert sei. Das ist nicht der Fall. Das Vorhaben findet sich im Koalitionsvertrag der aktuellen Landesregierung nicht. Schulze (CDU): AfD will Geschichtsunterricht umkrempeln Korrekt Tatsächlich findet sich im AfD-Wahlprogramm ein Kapitel unter dem Titel „Mehr 1813 und 1871 – Geschichtslehrpläne überarbeiten“. Bismarcks Reich könne „als Inspiration und Vorbild“ dienen, heißt es darin. An anderer Stelle steht im Programm, ein Fokus auf „die guten Seiten der deutschen Geschichte“ könne eine „selbstbewusste deutsche Identität fördern“.Siegmund hielt Schulze entgegen, Lehrpläne würden immer politisch gestaltet.Für die Darstellung des Podcasts aktivieren Sie bitte „externe Inhalte“. Sie können den Podcast auch auf Spotify, Apple Podcasts oder der Podcast-Plattform Ihrer Wahl hören.Empfohlener redaktioneller Inhalt An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. Externen Inhalt anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Siegmund (AfD): Durch Kurswechsel bei Geflüchteten und Ende der Finanzierung „linker NGOs“ lassen sich 300–500 Millionen Euro jährlich sparen Irreführend Geflüchtete: Welche Kosten Sachsen-Anhalt durch die Aufnahme von Geflüchteten entstehen, ist schwer zu beziffern, da unterschiedlichste Haushaltsposten eine Rolle spielen und viele Aufgaben von den Kommunen wahrgenommen werden. Laut Statistischem Bundesamt zahlte Sachsen-Anhalt 2024 etwa 145 Millionen Euro an Asylbewerberleistungen.Zu beachten ist, dass über die Gewährung von Asyl auf Bundes- und nicht auf Landesebene entschieden wird und die Zuweisung von Geflüchteten auf die Bundesländer verbindlich ist. Auch ein Ministerpräsident aus Reihen der AfD könnte keineswegs mit einem Federstrich die Kosten auf null senken.„Linke NGOs“: Gemäß der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage des FDP-Abgeordneten Konstantin Pott aus dem Jahr 2025 beliefen sich die Fördergelder, die 2024 insgesamt aus dem Landeshaushalt Sachsen-Anhalts an Nichtregierungsorganisationen (NGOs) flossen, auf rund 24 Millionen Euro und damit auf 0,15 Prozent des Haushaltsvolumens.Die Hälfte davon entfiel auf den Landessportbund und die Verbraucherzentrale. Auch die übrigen geförderten Vereine und Initiativen sind überwiegend nicht als politisch linksgerichtet einzuschätzen. (Hier können Sie die Liste selbst durchsehen.) Die Behauptung von Siegmund, das Land Sachsen-Anhalt finanziere linke NGOs und durch die Streichung solcher Förderung würden relevante Summen im Haushalt frei, ist nicht korrekt und grob irreführend. Schulze (CDU): Regierung verpflichtet jetzt Asylbewerber und Bürgergeldempfänger zu gemeinnütziger Arbeit Nur teilweise korrekt Viel Streit gab es um das Thema „Bürgerarbeit“. Was stimmt: Seit dem 1. Juli wird in Sachsen-Anhalt auf Initiative von Schulzes Landesregierung ein neues Modell erprobt, bei dem Asylsuchende und Langzeitarbeitslose zu gemeinnütziger Arbeit verpflichtet werden können. Wer nicht kooperiert, dem können Leistungen gekürzt werden.Zunächst, da hat wiederum Siegmund recht, läuft der Versuch nur in eigenen Landkreisen und nicht flächendeckend. Eine schrittweise Ausweitung im Laufe des Jahres ist aber geplant. Schulze (CDU): Straftaten haben sich seit 1995 fast halbiert, die Aufklärungsquote fast verdoppelt Irreführend bzw. nicht korrekt Das ist schöngerechnet. Die absolute Zahl der Straftaten in Sachsen-Anhalt ist laut Polizeilicher Kriminalstatistik zwar um 46 Prozent gesunken. Rechnet man aber den Bevölkerungsschwund des Bundeslands mit ein, kommt man nur auf einen Rückgang um 30 Prozent bei den Straftaten pro Kopf. Die Aufklärungsquote stieg von 36 auf 57 Prozent. Das ist von einer Verdopplung deutlich entfernt. Siegmund (AfD): Deutschland hat die zweithöchsten Strompreise weltweit Nicht korrekt Was stimmt: Die Strompreise sind in Deutschland außergewöhnlich hoch. Das liegt hauptsächlich an den hohen Netzentgelten, die den Umbau des Stromnetzes für die Anforderungen der erneuerbaren Energien finanzieren sollen.Die zweithöchsten Strompreise der Welt, wie von Siegmund behauptet, hat Deutschland aber nicht. Laut einer Analyse des Vergleichsportals „Verivox“ lagen die Strompreise im zweiten Quartal 2026 in Irland, Bermuda und Belgien noch höher als in Deutschland. Siegmund (AfD): Es gibt keine flächendeckenden Grenzkontrollen Bietet Interpretationsspielraum, in der Tendenz aber nicht korrekt Was dieses Thema in einer landespolitischen Debatte zu suchen hat, sei dahingestellt, verfügt Sachsen-Anhalt doch über keine einzige internationale Grenze. Grenzkontrollen finden aktuell an allen deutschen Außengrenzen statt. Dies bedeutet aber nicht, dass jedes Auto angehalten und kontrolliert wird. Susan Sziborra-Seidlitz (Grüne): Bei jeder Hitzewelle dieses Sommers lag der heißeste Ort in Sachsen-Anhalt Bietet Interpretationsspielraum, in der Tendenz aber korrekt Der Klimawandel, sagte die Grüne Susan Sziborra-Seidlitz, mache sich konkret im Leben der Menschen bemerkbar.Ihre Aussage zu den heißesten Orten ist insofern vage, als nicht klar umrissen werden kann, was genau eine Hitzewelle ist und wie sie zeitlich abzugrenzen ist.Was aber stimmt: In den beiden intensivsten Hitzephasen dieses Sommers, der ersten Ende Juni und der zweiten Ende Juli, lag der heißeste Ort Deutschlands jeweils in Sachsen‑Anhalt. Die am 27. Juni in Möckern gemessenen 41,8 °C sind ein nationaler Temperaturrekord. Am 30. Juli war es in Bernburg mit 40,5 °C deutschlandweit am heißesten. Siegmund (AfD): 50 Prozent der Bürgergeldempfänger haben keinen deutschen Pass Korrekt Das stimmt. Ein Grund dafür ist, dass ukrainische Geflüchtete nach Beginn des russischen Angriffskriegs keinen Asylantrag stellen mussten und daher keine Asylbewerberleistungen erhalten, sondern Bürgergeld.Neben rund 2,8 Millionen Deutschen beziehen etwa 680.000 Ukrainer Bürgergeld. Dazu kommen rund 480.000 Syrer. Auch aus Afghanistan (200.000), der Türkei (180.000) und Bulgarien (100.000) stammen viele Bürgergeldbezieher. Siegmund (AfD): CDU schraubt die Hürden für den Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft herunter Nicht korrekt Das Gegenteil ist der Fall: Die Ampelregierung aus SPD, Grünen und FDP hatte 2024 zeitliche Fristen verkürzt. Voraussetzung zum Erwerb der Staatsbürgerschaft blieb aber, dass Menschen ihren Lebensunterhalt selbstständig bestreiten können.2025 drehte die schwarz-rote Bundesregierung die Verkürzung der Fristen auf Betreiben von CDU und CSU teilweise wieder zurück. Eine Einbürgerung nach drei Jahren bei außergewöhnlicher Integrationsleistung ist seither nicht mehr möglich. Armin Willingmann (SPD): Von rund 14.400 Ärzten in Sachsen-Anhalt sind etwa 2200 Ausländer Annähernd korrekt Die von SPD-Kandidat Armin Willingmann genannten Zahlen stimmen annäherungsweise, er überschätzt den Anteil der ausländischen Ärzte aber etwas. Laut der Ärztekammer haben 2035 von 14.381 Ärzten in Sachsen-Anhalt keinen deutschen Pass. Sachsen-Anhalt ist stark auf Ärzte ohne deutschen Pass angewiesen, um die Versorgung aufrechtzuerhalten. In Krankenhäusern ist sogar mehr als jeder vierte Arzt Ausländer. Die AfD will diese von ihr sogenannten „Importärzte“ loswerden. (Welche Folgen das hätte, lesen Sie hier.) Schulze (CDU): Für zwei Personen, die den Arbeitsmarkt verlassen, kommt nur eine nach Annähernd korrekt Dieser besorgniserregende demografische Befund trifft zu. Wie der MDR ermittelte, liegt das Verhältnis der 60–64-Jährigen im Vergleich zu den 20–24-Jährigen in Sachsen-Anhalt bei 1,93 zu 1. Laut einer Prognose des Statistischen Landesamts wird die Zahl der erwerbsfähigen Personen bis zum Jahr 2040 voraussichtlich um rund 272.000 Menschen sinken. Sziborra-Seidlitz (Grüne): Erneuerbare Energien haben die geringsten Erzeugerkosten Korrekt Berechnungen des Fraunhofer-Instituts aus dem Jahr 2024 beziffern die Erzeugerkosten unterschiedlicher Technologien zur Stromerzeugung wie folgt:Wind: 4,3–10,3 ct/kWhPhotovoltaik: 4,1–14,4 ct/kWhGaskraftwerke: 10,9–32,6 ct/kWhKohlekraftwerke: 15,1–29,3 ct/kWhKernkraftwerke: 13,6–49,0 ct/kWh Schulze (CDU): Sachsen-Anhalt setzt sich im Bund dafür ein, den CO₂‑Preis vorerst nicht weiter zu erhöhen Korrekt Die schwarz-rote Bundesregierung hat als Reaktion auf den Anstieg der Energiepreise nach Beginn des Iran-Kriegs beschlossen, den nationalen CO₂‑Preis für die Sektoren Gebäude und Verkehr nicht wie geplant zu erhöhen. Derzeit läuft außerdem auf EU-Ebene das Verfahren zur Neuausrichtung des Emissionshandels für die Sektoren Industrie und Energieerzeugung.Das Land Sachsen-Anhalt hat im Bundesrat einen Antrag eingebracht, der die Regierung auffordert, dabei ein Augenmerk auf den „Erhalt der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie“ und „die Bezahlbarkeit der Energieversorgung“ zu legen. Thomas Schulze (BSW): Andere Bundesländer bezahlen Lehrer besser Korrekt Bei der Frage, wie dem Lehrermangel im Land beizukommen sei, sagte Thomas Schulze vom BSW, andere Bundesländer seien für Absolventen attraktiver, auch wegen einer besseren Bezahlung.Tatsächlich liegt Sachsen-Anhalt beim Einstiegsgehalt für Lehrer auf den hinteren Plätzen: Das Bundesland zahlt Berufseinsteigern in der Besoldungsstufe A13 4986 Euro brutto – das ist Platz 13 im Bundesländervergleich.Besonders problematisch: Das direkt benachbarte Brandenburg zahlt außergewöhnlich gut. Fast 1000 Euro mehr gibt es hier. Immerhin: Seit 2023 sind Grundschullehrer in Sachsen-Anhalt gegenüber ihren Kollegen an weiterführenden Schulen finanziell nicht mehr schlechtergestellt. Schulze (CDU): Dieses Jahr bereits rund 1300 neue Lehrer Annähernd korrekt, aber irreführend Das Bildungsministerium von Sachsen-Anhalt bezifferte die Zahl der in diesem Jahr bisher neu eingestellten Lehrer Mitte August mit 1223. Dies entspricht in etwa der von Schulze genannten Zahl.Dem stehen allerdings auch 1059 Abgänge gegenüber. Das Saldo von 164 ist damit, anders als im vergangenen Jahr, positiv. Trotzdem ist Schulzes Aussage ohne diese Angabe etwas irreführend.Empfohlener redaktioneller Inhalt An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. Externen Inhalt anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Siegmund (AfD): AfD will beim Thema Inklusion „individuelle Betrachtung“ Nicht korrekt Das AfD-Wahlprogramm ist zum Thema Inklusion von Kindern mit Behinderung an Regelschulen sehr klar: Das „Experiment ,Inklusion’“ sei „auf ganzer Linie gescheitert“. Und weiter: „Wir werden die Inklusion unverzüglich beenden und die Förderschulen ausbauen!“Siegmunds Behauptung, eine „individuelle Betrachtung“ jedes Einzelfalls anzustreben, steht im Widerspruch zu dieser pauschalen Absage. Sziborra-Seidlitz (Grüne): Die meisten Förderschulen ermöglichen keinen Schulabschluss Korrekt An Förderschulen kann in Sachsen-Anhalt bisher in der Regel kein Schulabschluss erworben werden. Die Landesregierung arbeitet jedoch daran, künftig mehr Förderschülern einen Hauptschulabschluss zu ermöglichen. Seit dem Schuljahr 2024/2025 können Förderschulen dazu eine zusätzliche zehnte Klasse einrichten. Im ersten Jahr wurden an elf der 98 Förderschulen im Land entsprechende Klassen eingerichtet. Willingmann (SPD): 34 bis 37 Prozent eines Jahrgangs studieren Korrekt AfD-Kandidat Siegmund hatte gesagt, es müsse nicht jeder studieren. Willingmann hielt dem entgegen, dies sei ja auch bei Weitem nicht der Fall und Siegmund erwecke einen falschen Eindruck. Die von Willingmann genannten Zahlen entsprechen der vom Statistischen Bundesamt ermittelten Studienanfängerquote.