Herr Geyer, in knapp zwei Wochen findet die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt statt. Haben Sie Angst vor einem AfD-Ministerpräsidenten?Angst habe ich vor keinem Politiker in Deutschland. Ich erwarte, dass die neue Landesregierung sich an Recht und Gesetz hält, egal, wie die Landtagswahl ausgeht.Der sachsen-anhaltische AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund findet es „realistisch“, im Falle eines Wahlsiegs 150 bis 200 Stellen in der Landesverwaltung neu zu besetzen. Sehen Sie das auch so?Ich habe mich über diese Äußerung gewundert. Es gibt in Sachsen-Anhalt nur wenige politische Beamte. Es ist rätselhaft, wie Herr Siegmund auf diese Zahl kommt. Sollte er jedoch versuchen, Beamte rechtswidrig aus dem Landesdienst zu drängen, werden wir uns wehren.Der Beamtenbund lädt bisher keine AfD-Politiker zu Veranstaltungen ein und nimmt auch keine Einladungen der AfD an. Ist das angesichts der Umfragewerte noch die richtige Strategie?Diese Entscheidung hat nichts mit Umfragen zu tun. Als Beamte sind wir zur Verfassungstreue verpflichtet. Da passt es nicht, sich Vertreter einer Partei einzuladen, die in Teilen rechtsextrem ist.Die Umfragewerte der AfD zeigen eine Unzufriedenheit der Bevölkerung. Diese Unzufriedenheit spiegelt sich in Ihrer jährlichen Bürgerumfrage, deren Ergebnisse Sie vor wenigen Wochen präsentiert haben. Nur noch 17 Prozent der Befragten halten den Staat für in der Lage, seine Aufgaben zu erfüllen. Was machen die Beamten falsch?Nichts. Die Politik schafft ständig neue Aufgaben, ohne dafür ausreichend Stellen zu schaffen. Die Bürger erleben deshalb einen in Teilen überforderten Staat.Sie fragen jährlich bei Ihren Mitgliedsgewerkschaften, wie viele Stellen aus deren Sicht notwendig wären, um alle Aufgaben zu erledigen. Haben Sie für 2026 schon Zahlen?Ja. Wir gehen von 631.000 zusätzlichen Stellen aus.Das sind 30.000 Stellen mehr als im vergangenen Jahr. Damals waren es auch schon 30.000 Stellen mehr als ein Jahr zuvor. Wer soll Ihnen das noch abkaufen?Unsere Zahlen sind plausibel. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in den Ruhestand, jedes Jahr zwei Prozent der Belegschaft. Nicht alle Stellen wurden nachbesetzt. Wer sich außerdem etwa die geänderte Sicherheitslage ansieht, sollte sofort verstehen, warum wir mehr Polizisten brauchen. Die Überwachung neuer Waffenverbotszonen ist zum Beispiel sehr personalintensiv.Sie fordern aber auch 50.000 zusätzliche Stellen in der Finanzverwaltung. Ist das nicht ein Bereich, in dem weniger Leute benötigt werden, weil Künstliche Intelligenz die Steuerprüfung vereinfacht?Gerade in der Finanzverwaltung rechnen sich zusätzliche Stellen. Wenn es mehr Steuerfahnder gibt, kommt das der Staatskasse zugute. Die Tätigkeit von Steuerfahndern kann KI vereinfachen, aber nicht ersetzen.Es fällt auf, dass Sie oft nach mehr Stellen rufen, aber keine Vorschläge machen, wo Stellen abgebaut werden können.Wir sind mit Bundesdigitalminister Karsten Wildberger im konstruktiven Austausch, wie die Verwaltung durch Digitalisierung und KI effizienter werden kann. Das läuft gut.Mit einem anderen Regierungsmitglied sind Sie weniger zufrieden: Sie haben Bärbel Bas mehrfach „Beamtenbashing“ vorgeworfen, weil sie gefordert hat, dass Beamte in die Rentenkasse einzahlen. Ist das nicht überzogen? Es ist doch legitim, dass eine SPD-Vorsitzende sozialdemokratische Positionen formuliert.Frau Bas ist nicht nur SPD-Vorsitzende, sondern auch Bundesarbeitsministerin. Sie sollte deshalb keine Vorschläge machen, die nicht finanzierbar sind, und Vorbehalte gegen Beamte in der Bevölkerung schüren. Die Rentenkommission der Bundesregierung hat aus guten Gründen ihren Vorschlag zurückgewiesen.Die Rentenkommission will aber auch die Beamtenpensionen teilweise reduzieren. Dagegen wehren Sie sich. Müssen angesichts des demographischen Wandels nicht alle einen Beitrag leisten?Die Pensionen sind Teil der verfassungsrechtlich geschützten Fürsorgepflicht des Staates gegenüber seinen Beamten.Das Grundgesetz überlässt dem Gesetzgeber aber eine gewisse Flexibilität, wie die Pensionen berechnet werden.Diese Flexibilität hat Grenzen. Die Pensionen wurden schon in der Vergangenheit gekürzt.Demnächst werden sie steigen, weil das Bundesverfassungsgericht den Gesetzgeber verpflichtet hat, die Besoldung zu erhöhen. Bundesinnenminister Dobrindt hat dazu einen Gesetzentwurf vorgelegt. Er sieht vor, künftig ein Partnereinkommen von etwa 20.000 Euro zu unterstellen, um die Erhöhung zu dämpfen. Sie sind dagegen. Muss in der aktuellen Wirtschaftslage nicht jede Berufsgruppe einen Beitrag leisten, um die Ausgaben zu zügeln?Das tun die Beamten seit Langem. Beim Bund zum Beispiel arbeitet jeder Beamte 41 Stunden in der Woche. Vor knapp zwanzig Jahren wurde uns versprochen, die Arbeitszeiterhöhung gegenüber den Tarifkräften gelte nur vorübergehend. Sie gilt noch immer.Sie sind der prominenteste Gewerkschafter mit CDU-Parteibuch. In den vergangenen Wochen wurde innerhalb der CDU über die Amtsführung von Bundeskanzler Merz diskutiert. Hat er noch Ihren Rückhalt?Ich halte wenig davon, ständig über die Performance des Bundeskanzlers zu diskutieren. Ich habe die klare Erwartungshaltung, dass diese Bundesregierung die sozialen Sicherungssysteme zukunftsfest macht, für mehr Wirtschaftswachstum sorgt und die Infrastruktur saniert. Daran werde ich den Bundeskanzler messen.Mit Carsten Linnemann ist zuletzt ein bekannter Vertreter des CDU-Wirtschaftsflügels ins Kabinett gewechselt – einen prominenten Vertreter des Arbeitnehmerflügels gibt es dort nicht. Muss sich das ändern?Mir geht es nicht um Personaldiskussionen, sondern um die Arbeit der Minister. Das gilt auch für Herrn Linnemann. Er hat sich in der Vergangenheit allerdings wenig sachkundig zu Beamtenfragen geäußert.Er hat sich dafür ausgesprochen, weniger Lehrer zu verbeamten. Das könnte helfen, die Pensionslasten des Staates zu verringern.Das wäre für den Staat teurer und würde zu mehr Streiks an Schulen führen. Das wäre für Eltern und Wirtschaft eine große Belastung.In Kitas sind Streiks auch unbeliebt, trotzdem sind Erzieher keine Beamte.Wir haben in Deutschland eine Schulpflicht, aber keine Kita-Pflicht. Verbeamtete Lehrer helfen, die Erfüllung der Schulpflicht zu garantieren.