KommentarSamuel MeierSie machen es praktisch unmöglich, das Recht am eigenen Bild durchzusetzen. Wir sind nicht bereit für diese Brillen.27.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenSmart Glasses untergraben einen wichtigen Grundsatz: Wer fotografiert oder gefilmt wird, muss damit einverstanden sein.Artur Widak / ImagoEine junge Frau bräunt sich auf einer Wiese, als ein Mann mit Sonnenbrille sie anspricht und nach ihrer Nummer fragt. Sie verneint. Sie habe einen Freund. Er fragt: «Willst ’n besseren haben?»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenig später landet die ganze Begegnung auf Tiktok – gefilmt mit seiner Brille. Die Aufnahme schockiert die Frau, denn sie wusste nichts davon. Der SWR machte den Fall diesen Frühling publik. Online finden sich unzählige Videos, bei denen Menschen unbemerkt gefilmt wurden: im Park, im Fitnessstudio oder auf dem Schulplatz.Heimliches Filmen ist nicht neu. Bisher brauchte es dafür aber ein gezücktes Smartphone oder eine versteckte Kamera. Jetzt wird die smarte Brille zur versteckten Kamera.Smarte Brillen sind auf dem Weg zum Massenprodukt. Sie werden günstiger, unauffälliger und vielseitiger. Geht es nach den Tech-Konzernen, sollen sie so alltäglich werden wie Smartphones.Ein Gesetz ohne Durchsetzung schwächt den RechtsstaatJe alltäglicher diese Brillen werden, desto grösser wird der Widerspruch zwischen Recht und Realität. Denn das Schweizer Recht ist klar. Wer jemanden gezielt filmt, braucht grundsätzlich dessen Einwilligung. Selbst zufällig Gefilmte müssen erkennen können, dass aufgenommen wird. Nur dann können sie widersprechen oder die Löschung verlangen.Smart Glasses untergraben das. Beim hochgehaltenen Smartphone weiss jeder sofort, dass aufgenommen wird. Bei der Brille ist schwer zu erkennen, ob gefilmt oder nur geschaut wird. Das LED-Licht ist in der Sonne kaum sichtbar und lässt sich bei einigen Modellen sogar von vornherein entfernen.Mit künstlicher Intelligenz (KI) verschärft sich das Problem. Damit die Brille ihre Umgebung mit KI analysieren kann, muss sie Bilder erfassen – und zum Teil in die Cloud schicken. Bei neueren Ray-Ban-Meta-Brillen leuchtet bei solchen KI-Funktionen nicht einmal die Aufnahme-LED.Wie weit die Entwicklung gehen könnte, zeigt eine vor zwei Wochen in den USA veröffentlichte Patentanmeldung des Marktführers Meta. Diese sieht eine Verknüpfung der Brille mit KI-Gesichtserkennung vor. Beim Apéro könnte sie etwa den Namen des Gegenübers einblenden.Das Patent geht noch weiter: Die Brille soll die Mimik des Gegenübers analysieren und interessante Personen verfolgen – und daraus ein persönliches Erinnerungsarchiv erstellen.Wir steuern auf Zeiten zu, in denen das Recht am eigenen Bild zwar auf dem Papier steht, sich im Alltag aber nicht mehr durchsetzen lässt.Doch ein Gesetz ohne Durchsetzung schwächt den Rechtsstaat.Ein generelles Verbot ist keine LösungSmart Glasses sind nicht per se schlecht. Sie können Sehbehinderten die Umgebung beschreiben, Hörgeschädigten Gesprochenes als Text einblenden, beim Kochen durch ein Rezept führen und Handwerkern Instruktionen anzeigen.Aber eine Technik, die der Gesellschaft nützen soll, muss sich in deren Regeln einfügen – nicht umgekehrt.Zunächst sind die Nutzer verantwortlich. Sie dürfen Fremde nicht einfach filmen. Das ist gesetzeswidrig und in vielen Fällen schlichtweg unangebracht. Doch Selbstverantwortung reicht nicht, wenn Betroffene die Aufnahme nicht bemerken.Auch die Hersteller stehen in der Pflicht: Ihre Brillen müssen die Privatsphäre schützen, bevor der Schaden entsteht (Privacy by Design). Dazu könnten technische Sperren für bestimmte Orte gehören.Wo das nicht reicht, braucht es verbindliche Regeln. Freibäder, Schulen, Fitnessstudios oder Spitäler sollten ein Verbot von Kamerabrillen prüfen. Einige deutsche Freibäder haben solche Brillen bereits verboten.Und in sensitiven Forschungseinrichtungen oder militärischen Anlagen muss der Staat Kamerabrillen oder zumindest ihre Aufnahmefunktion untersagen. Er kann auch technische Vorgaben für die Geräte erlassen.Als Gesellschaft müssen wir jetzt einen vernünftigen Umgang mit dieser Technologie finden – nur so werden die Brillen zu einem Gewinn für uns alle.Passend zum Artikel