«Heidi Reichinnek? Mein Albtraum» – einst sass Renate Werwigk im Stasi-Gefängnis, heute kämpft sie gegen die Geschichtsklitterer der Linken und der AfDTausende Bürger wurden während der DDR-Diktatur aus politischen Gründen verhaftet, Hunderte ermordet. Zeitzeugen werden rar. Zwei von ihnen erinnern sich.27.08.2026, 05.30 Uhr13 Leseminuten«Haut ab!» – Durch diesen Tunnel an der Bernauer Strasse gelingt 1964 mehr als 50 DDR-Bürgern die Flucht. Andere wie Renate Werwigk-Schneider haben weniger Glück.Ullstein Bild / GettyEin Geräusch, das Renate Werwigk-Schneider nicht erträgt, sind zuschnappende Schlösser. «Da bekomme ich Gänsehaut», sagt sie, «selbst am Flughafen schaffe ich es nicht, die Türe zum Klo abzuschliessen.» Werwigk-Schneider ist 87, sie sitzt im Wintergarten ihres Hauses in Berlin-Lichterfelde, es gibt starken Filterkaffee. Draussen blühen Geranien, auf dem Tisch liegt ein «Tagesspiegel» neben einem Stapel mit vergilbten Akten der DDR-Staatssicherheit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Angst vor Schlüsseln hat Renate Werwigk-Schneider erst als junge Frau entwickelt. Als sie 1963 im Stasi-Gefängnis von Hohenschönhausen eingesperrt ist, sechs Wochen ganz allein, in absoluter Stille. Ohne Besuch eines Rechtsanwalts oder eines Verwandten. Und ohne zu wissen, wo sie ist. «Isolationsfolter» nennt es Werwigk-Schneider. Im Gefängnis ist sie nur eine Nummer, die man am 20. Februar 1963 verhaftet hat. Beim Versuch, mit ihren Eltern durch einen geheimen Tunnel nach Westberlin zu flüchten.Die Zeugen sterben langsam aus«Das Einzige, was ich wollte, war in Freiheit leben», sagt sie. «Entscheiden, wo ich wohne, nach Paris oder New York reisen, frei meine Meinung äussern und lesen, was ich will.» Renate Werwigk-Schneider spricht ohne Gram und Verbitterung. Die Angst vor zuschnappenden Schlössern ist für sie bloss «mein Türschaden». Politisch ist es der pensionierten Kinderärztin jedoch sehr ernst.Sie gehört zu den 170 000 bis 280 000 Menschen, die während der kommunistischen Herrschaft in Ostdeutschland von 1946 bis 1989 aus politischen Gründen verhaftet und eingesperrt werden. Wegen Fluchtversuchen, nicht genehmer Meinungen oder ganz einfach, weil man Schuldige braucht. Rund 220 Angeklagte lässt das offiziell fortschrittliche und menschenfreundliche Regime der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zum Tode verurteilen.Zehntausende werden vor allem in den ersten Nachkriegsjahren in die Sowjetunion verschleppt, in Lager und Gefängnisse. Nicht nur alte Nazis, wie DDR-Apologeten bis heute suggerieren. Sondern auch Unbeteiligte oder politische Gegner wie den Potsdamer CDU-Bürgermeister Erwin Köhler, der 1951 mit seiner Frau wegen «antisowjetischer Hetze» in Moskau erschossen wird.Die Zeugen dieser Verbrechen sterben langsam aus. Und viele von ihnen fürchten, dass mit ihnen auch das Bewusstsein für die Fragilität der Demokratie verlorengeht. Gerade wenn die Demokratie von Leuten bedroht wird, die wie die SED und ihre geistigen Erben behaupten, sie setzten sich für Frieden, Gerechtigkeit und Antifaschismus ein.Heidi Reichinnek? «Mein Albtraum!»«Leider gibt es viel Unwissenheit und Ostalgie», sagt Renate Werwigk-Schneider. «Viele haben sich ja in der DDR gemütlich eingerichtet und den Mund gehalten. Jetzt behaupten sie, es sei alles nicht so schlimm gewesen.»Gegen diese Ignoranz kämpft die Rentnerin seit der Wende an. «Zeitzeugenarbeit» nennt sie es. Sie tritt vor Schulklassen und an Gedenkveranstaltungen auf, letztes Jahr hat sie ihre Biografie veröffentlicht. «Ein bisschen Diktatur gibt es nicht», lautet der Titel. Eigentlich eine Binsenwahrheit, aber angesichts der Wahlerfolge von linken und rechten Geschichtsklitterern eine nachvollziehbare Warnung.«Das Einzige, was ich wollte, war in Freiheit leben»: Renate Werwigk-Schneider, Passbild, 1968.Foto: PrivatBesonders die AfD und die Partei Die Linke, die nach dem Zusammenbruch der DDR offiziell die Rechtsnachfolge der SED angetreten hat, bereiten Werwigk-Schneider Sorge. Die Linke könnte bei der Berliner Wahl zum Abgeordnetenhaus im September die stärkste Partei werden, gemäss Umfragen kommt sie bei jüngeren Wählern auf 49 Prozent.Wohl auch dank ihrer neuen Galionsfigur Heidi Reichinnek, die altbackene Sozialismus-Parolen plötzlich wieder attraktiv erscheinen lässt. Für Renate Werwigk-Schneider ist Reichinnek bloss «mein Albtraum». Noch vor kurzem habe sie gedacht, Die Linke habe sich selber erledigt. «Nun, da sie leider auferstanden ist, muss ich weitermachen.»Der Grossvater kehrt nie zurück1938 als Renate Grossmann geboren, wächst Werwigk-Schneider in einem christlichen Umfeld auf, das Kontakte zu Künstlern und Nazi-Gegnern unterhält. Ihr Vater Gottlieb Grossmann ist ein Pfarrer, der im Krieg zum Arzt ausgebildet wird. Laut Werwigk-Schneiders Stasi-Akte ist er einige Jahre NSDAP-Mitglied, wird aber aus der Partei ausgeschlossen, weil er sich weigert, den Eid auf den Führer zu leisten.Nach dem Krieg erlebt die Familie in Teupitz die Machtübernahme der Kommunisten, die in Ostdeutschland mit sowjetischer Hilfe schrittweise eine Diktatur errichten. Renates Grossvater mütterlicherseits, ebenfalls ein Pfarrer, wird eines Tages direkt nach dem Gottesdienst von Russen verhaftet und kehrt nie mehr zurück.Die Repression ist in den noch vom Stalinismus geprägten Nachkriegsjahren am brutalsten, mit Schauprozessen, Folter und Justizmord. Als die Bevölkerung am 17. Juni 1953 gegen das SED-Regime rebelliert, sterben mindestens 34 Menschen. Mehrere werden nach der Niederschlagung des Aufstands zum Tod verurteilt, Hunderte zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die SED behauptet im Verein mit westlichen Kommunisten, man habe eine «faschistische Provokation» vereitelt, allerdings verfängt die Propaganda kaum.«Faschistische Provokation»: Ein von einer Kugel getroffener Mann wird von Polizisten gestützt, zwei Tage nach dem Beginn des Aufstandes am 17. Juni 1953.Bettmann / GettyDank heimlich empfangenen westlichen Sendern ist die DDR-Bevölkerung über die Ereignisse informiert. Erschütternd sei es gewesen, acht Jahre nach dem Krieg «wieder Panzer durch Berlin fahren» zu sehen, schreibt Renate Werwigk-Schneider in ihrem Buch.Flucht aus dem SchrebergartenGleichwohl erlebt sie die 1950er Jahre als relativ unbeschwerte Zeit. Sie weigert sich, der kommunistischen Freien Deutschen Jugend (FDJ) beizutreten, engagiert sich in der christlichen Jungen Gemeinde und fliegt deswegen kurzzeitig von der Schule. Trotz ihrer Abneigung, «für die gesellschaftliche Ordnung unserer Republik aktiv zu werden», wie es 1956 in einem Schulbericht heisst, darf sie dank einer Intervention ihres Vaters Medizin studieren.Und da die Mauer noch nicht gebaut ist, können DDR-Bürger zu jener Zeit noch ungehindert in den Westen fahren, in den Zoologischen Garten, in die Bibliothek, ins Kino, ins Theater oder ins Kaufhaus des Westens. «Ich trug westliche Kleidung und Stöckelschuhe, fuhr mit meinem DDR-Roller durch die Stadt, den meine Eltern mir zum Abitur geschenkt hatten», erinnert sich Renate Werwigk-Schneider. «Mit dem Mauerbau war das alles vorbei.»Als die Baukommandos am 13. August 1961 anrücken, ist sie 22 Jahre alt und wohnt in der Nähe der Bernauer Strasse. Die Szenen, die sie dort erlebt, beschreibt sie in ihrem Buch so: «Menschen versuchten, aus ihren Häusern zu springen oder sich abzuseilen. Der rettende Westen begann auf dem Gehweg davor und war nur wenige Meter entfernt. Als ich dort stand, packte mich Zorn und Fassungslosigkeit. Vor allem war ich traurig. Familien wurden getrennt, Paare auseinandergerissen.»Mit der Errichtung des «antifaschistischen Schutzwalls» gelingt es der SED, die Massenflucht aus ihrem angeblichen Arbeiter- und Bauernparadies zu stoppen. Denn bis 1961 haben rund 2,8 Millionen Menschen die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands verlassen.««Nun wussten wir, dass wir in der Falle sitzen»: Ostdeutsche Arbeiter und Polizisten beim Mauerbau in der Nähe des Potsdamer Platzes, 18. August 1961.Bettmann / GettyBerliner am Todesstreifen, 2. Oktober 1961.Bettmann / GettyFür Renate Werwigk-Schneider ist die Abriegelung der Grenze eine Zäsur. «Nun wussten wir, dass wir in der Falle sitzen. Aber nur zwischen dem Erzgebirge und der Ostsee entscheiden, das kam für mich nicht infrage.» Ihr jüngerer Bruder flieht als Erster. In einem Schrebergarten entdeckt er eine Grenzstelle, die nur mit Stacheldraht gesichert ist und entkommt mithilfe einer Leiter.Renates Eltern zögern zunächst, vor allem der Vater will seine Gemeinde und seine Patienten nicht im Stich lassen. Doch als ein Student aus Westdeutschland Renate von einem geheimen unterirdischen Tunnel erzählt, der unter der Bernauer Strasse gebaut werde, entschliesst sich die Familie zur Flucht.«Mit dem Tunnel stimmt was nicht. Haut ab!»«Nervös, aufgeregt und voller Unsicherheit», so schreibt Werwigk-Schneider in ihrem Buch, seien ihre Eltern am 14. Februar 1963 in ihrer Wohnung in Berlin eingetroffen. Gemeinsam fährt man zur Brunnenstrasse 45, wo man mit rund dreissig weiteren Fluchtwilligen an einer Tür klopfen und die Frage «Wohnt hier Lindemann?» stellen soll. Die Antwort «Ja, da haben Sie aber Glück gehabt» kommt allerdings nicht. Stattdessen eilt ein leichenblasser Fluchthelfer herbei und schreit: «Mit dem Tunnel stimmt was nicht. Haut ab!»Eine Frau flüchtet durch das Fenster nach Westberlin, 24. September 1961.Ullstein / GettyEinige Tage später werden Renate und ihr Vater verhaftet. Dass die Stasi von Anfang an über den Tunnelbau informiert war – dank einer jungen Informantin aus Leipzig, die einen der Helfer betört hatte –, erfahren sie erst nach der Wende.Vor Gericht stellen die DDR-Ankläger den Fall der Familie in grösste weltpolitische Zusammenhänge. Da ein anständiger Mensch aus ihrer Sicht niemals vor dem Sozialismus fliehen würde, werten sie die versuchte Tunnelflucht als Teil eines Plans von «westdeutschen Militaristen und Revanchisten», die eine Aggression gegen die DDR vorbereiteten.Renate Werwigk-SchneiderPDSo steht es im Urteil des Bezirksgerichts Rostock vom September 1963. Als Ursache für die Fluchtversuche identifizieren die Richter wohlweislich nicht die individuelle Freiheitsliebe der Angeklagten. Sondern Agenten und die «Hetze» der westdeutschen Presse.Zum Prozess werden die Angeklagten mit einem getarnten Barkas-Lieferwagen gefahren. Jener von Renate trägt die Aufschrift «Obst und Gemüse». Sie erhält eine Gefängnisstrafe von zweieinhalb Jahren, ihr Vater muss dreieinhalb, ihre Mutter ein Jahr absitzen.Die zweite Flucht führt in die «Mörderburg»«Mein Vater ist an der Haft zerbrochen», erzählt sie. «Er war traumatisiert, fühlte sich auch nach der Entlassung ständig von Stasi-Leuten verfolgt.» Sie selber sei nach ihrer Entlassung im Januar 1965 geschwächt gewesen, aber nicht gebrochen. Hoffnung gab ihr damals, dass die DDR-Führung ein neues Geschäftsmodell entdeckt hatte: Sie verkaufte politische Häftlinge an die «Faschisten» der BRD.Zentrale Figur in diesem Menschenhandel ist Wolfgang Vogel, ein DDR-Rechtsanwalt, der gern in einem goldenen Mercedes vorfährt und im Auftrag der Stasi mit dem Westen verhandelt. Renate Werwigk-Schneider lernt ihn am Teupitzer See kennen – und er rät ihr, einen zweiten Fluchtversuch zu unternehmen, um sich erneut einsperren zu lassen. Denn nur so habe sie eine Chance, auf die Liste der auszutauschenden Dissidenten zu kommen.So versucht Werwigk-Schneider, sich 1967 auf einer Bulgarienreise abzusetzen. Die Flucht misslingt, wenn auch nicht gewollt, und die junge Ärztin muss zurück ins Gefängnis. Dieses Mal ins berüchtigte Frauengefängnis Hoheneck in Sachsen. Hier lernt sie eine andere Seite des DDR-Strafvollzugs kennen.Während die Vernehmungsoffiziere und Aufseher in Hohenschönhausen nach der Brutalität der Stalin-Zeit mehr auf psychologischen Druck und Isolationsfolter gesetzt hätten, seien die politischen Gefangenen in Hoheneck bewusst dem Terror der kriminellen Mithäftlinge ausgesetzt worden.Ausreisewillige, verhaftete Flüchtlinge und andere politische Häftlinge mussten Seite an Seite mit Mörderinnen arbeien: Näherei im Gefängnis Hoheneck, Anfang 1990.Harry Haertel / Imago«Ekelhaft»: Zelle im Gefängnis Hoheneck, 10. März 1990.Harry Haertel / Imago«Das Publikum war unbeschreiblich», sagt sie, «ich sass mit Kindsmörderinnen, die uns Politische anrempelten und Dreck vor uns auskippten, den wir wegwischen mussten.» In der sächsischen Burg sind bis zum Ende der DDR rund 24 000 Frauen eingesperrt, rund ein Drittel aus politischen Gründen. Auch zwei ehemalige KZ-Aufseherinnen sitzen ihre Strafe ab.Die Frauen müssen in der «Mörderburg» Bettwäsche und Strümpfe nähen – ein Grund, weshalb Renate Werwigk-Schneider nicht nur klickende Schlüssel, sondern auch Nähmaschinen verabscheut –, die in den Westen verkauft werden. Für die Qualität des Essens hat Werwigk-Schneider nur ein Wort übrig: «ekelhaft».Auf die Frage, wie sie es geschafft habe, bei ihren mehrmaligen Gefängnisaufenthalten nicht verrückt zu werden, antwortet sie: «Meine Wut darüber, wie eine Verbrecherin im Gefängnis zu sitzen, war riesig. So hatte ich kaum Zeit für zermürbende Gedanken.»Sturm auf die SED-ParteizentraleMit dieser Einstellung hat auch Günter Toepfer seine Haftzeit überlebt. Der heute 84-Jährige lebt in Berlin-Karlshorst, im Haus seiner Eltern. «Schuhe können Sie anbehalten, sofern Sie in nichts reingestanden sind», sagt er zur Begrüssung. Auf dem Stubentisch hat er zwei alte Schlüssel parat gelegt, einer davon ist ein Souvenir aus Hohenschönhausen, das er sich kurz nach der Wende besorgt hat. «Wenn sie hier draufschlugen», sagt er mit einer Handbewegung, «konnten die Wärter ohne jegliche Vorwarnung in die Zelle treten.»Günter Toepfer, aufgenommen in Haft 1961.PDIns Gefängnis kommt Toepfer bereits 1953, mit zwölf Jahren, allerdings mehr oder weniger freiwillig. In der Grundschule in Jena sieht er mit seinen Kameraden, wie der Direktor mit der Lehrerin tuschelt. Als diese verstört ins Klassenzimmer kommt und erklärt, es sei etwas Furchtbares passiert und sie sollten sofort nach Hause gehen, zieht es die Schüler umso mehr in die Innenstadt.Dort geraten sie mitten in den Volksaufstand des 17. Juni. «Die Menge hatte gerade die Kreisleitung der SED gestürmt», erzählt er. «Sie haben Gewehre gefunden und auf die Strasse geschmissen, ich habe sie einer Frau gereicht, die die Dinger dann mit dem Lauf in den Gulli gesteckt hat.» Vor dem Gefängnis habe ihn die Masse der Protestierenden ins Gebäude gedrängt, «da habe ich mir alles sorgfältig angeschaut. Dass ich acht Jahre später wirklich sitzen werde, ahnte ich natürlich nicht.»Günter Toepfers Vater ist zu jener Zeit Sachverständiger für Bauschäden in Berlin. Wie der Vater von Renate Werwigk-Schneider kann er seiner Familie einen gewissen Schutz bieten, weil der unter Abwanderung leidende DDR-Staat qualifizierte Leute zu halten versucht. Die Protektion braucht Günter Toepfer.«Die Bevormundung und die Repression hat mich schon als Jugendlicher zum Gegner dieses Systems gemacht», erzählt er. «Als Stalin im März 1953 gestorben ist, mussten wir alle auf Befehl traurig sein. Im Treppenhaus haben sie eine Büste aufgestellt, die wir grüssen sollten. Da habe ich mich geweigert.» Den Jungen Pionieren habe er sich ebenfalls verweigert.Anklage wegen «Gefährdung des Weltfriedens»Der Mauerbau vom 13. August 1961 markiert auch in Günter Toepfers Leben einen Wendepunkt. Damals ist er Architekturstudent. «Die DDR war nun offiziell ein Gefängnis mit Auslauf. Oder auch ohne Auslauf, wenn man in den Knast kam.» Kurz nach dem ersten Schock berät sich Toepfer mit einem Freund über eine mögliche Flucht. Gemeinsam wollen sie sich in einem Bus verstecken, der amerikanische Soldaten von Ostberlin über den Checkpoint Charlie nach Westen transportiert.Toepfer ist das Vorhaben zu riskant. Sein Freund geht allerdings für einen zweiten Augenschein zum Checkpoint – und wird prompt verhaftet. «Den haben sie wohl eine Nacht lang durchgeprügelt», erzählt Toepfer. «Tags darauf hat mich die Stasi jedenfalls hier in diesem Haus abgeholt.»192 Tage verbringt der damals 20-Jährige in Isolationshaft, unter anderem in Hohenschönhausen. Ohne jeglichen Kontakt zur Aussenwelt. Der Barkas-Lieferwagen, mit dem man ihn zwischen Untersuchungsgefängnissen und Haftanstalten herumfährt, trägt die Aufschrift «Frischer Fisch auf jeden Tisch». Da die Spannungen zwischen Ost und West 1961/62 einen Höhepunkt erreichen, will man den jungen Studenten gleich wegen «Gefährdung des Weltfriedens durch militärische Grenzdurchbrechung» anklagen.«Gefängnis mit Auslauf»: Ausreisewillige DDR-Bürger werden von Stasi-Leuten und Volkspolizisten abgeführt, 1988.Mehner / Ullstein / Getty«Gefährdung des Weltfriedens, ich bitte Sie», lautet Toepfers Kommentar dazu. Mit seiner Weigerung, bei einem Schauprozess mitzuspielen, habe er es geschafft, das Interesse von seiner Person abzulenken und mit einer Strafe von einem Jahr Gefängnis davonzukommen. In der Haft bekommt er unter anderem die Ruhr, in einem Gefängnis wird er von Kriminellen bedroht, die ihn tätowieren wollen. «Ich wusste vor dem Einschlafen nie, ob ich am nächsten Tag noch lebe.»Milliarden mit Menschenhandel verdientNach seiner Entlassung im Jahr 1962 hat Toepfer vergleichsweise Glück. Zunächst Hilfsarbeiter, kann er dank Vermittlung des Anwalts Wolfgang Vogel sein Studium weiterführen und im Bauwesen tätig werden. Wirklich frei fühlt er sich nie, mehr «wie ein Leibeigener».Als die DDR 1989/90 zusammenbricht, tritt Toepfer der CDU bei, im Berliner Abgeordnetenhaus setzt er sich unter anderem gegen die Verjährung von Stasi-Verbrechen und für die Umbenennung von Strassen ein, die nach Walter Ulbricht und anderen DDR-Grössen benannt sind.Zu jener Zeit lebt Renate Werwigk-Schneider längst im Westen. Am 14. Juli 1968 wird sie in der Burg Hoheneck überraschend abgeholt und von Stasi-Agenten in Grenznähe zur BRD gefahren. Hier erwartet sie Wolfgang Vogel mit seinem goldenen Mercedes. In der BRD angekommen, nimmt Vogel von westdeutschen Geheimdienstleuten einen Koffer mit 100 000 D-Mark in Empfang. «So viel war mein Leben offenbar wert», sagt sie. «Nebenbei hat die DDR einen Spion zurückerhalten.»Insgesamt verkauft die DDR über 33 000 politische Gefangene an den westdeutschen Staat. Und verdient damit rund 3,4 Milliarden D-Mark. «Ein Kilo Menschenfleisch für tausend Mark, das war besser, als Austern zu verkaufen», sagt Günter Toepfer, der nach dem Gefängnis ebenfalls über einen zweiten Fluchtversuch nachdachte.Toepfer und Renate Werwigk-Schneider kennen sich nicht, aber es gibt viele Parallelen. Beide sind in der wiedervereinigten Bundesrepublik für ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Und beide beobachten mit Sorge, wie die Vergangenheit verklärt wird, Opfer in Vergessenheit geraten und Täter Karriere machen oder zumindest moralisch freigesprochen werden.Die AfD als neue Heimat für Stasi-OffiziereGemäss Schätzungen von Historikern sterben während des Kalten Krieges rund 1000 Menschen an der innerdeutschen Grenze. Nur ein einziger Schütze muss nach der Wende wegen Mordes ins Gefängnis. Von den 250 000 offiziellen und den 624 000 inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi kommen die meisten straffrei davon. «Viele von denen haben am Ende eine höhere Rente bekommen als die Geschädigten», sagt Günter Toepfer.Trotz 100 000 Ermittlungsverfahren schickt die angebliche «Siegerjustiz» der BRD nur 46 Vertreter des ehemaligen DDR-Regimes ins Gefängnis, unter ihnen den letzten DDR-Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz.Krenz ist heute Buchautor und Star eines Milieus, das dem Sozialismus nachtrauert, Putin als Opfer westlicher Aggression betrachtet und Diktaturen wie China bewundert. Sprachrohr dieser Szene ist die Zeitung «Junge Welt», die den 50. Jahrestag des Mauerbaus 2011 mit dem Titel «Wir sagen an dieser Stelle einfach mal: Danke!» würdigte.Vertreter der Partei Die Linke, die lange als Sammelbecken für alte Stasi-Leute und DDR-Funktionäre diente, versuchen sich heute von der DDR zu distanzieren. Allerdings propagieren sie denselben «Antifaschismus», mit dem die SED ihre Verbrechen legitimierte. Die Linksjugend verbrüdert sich wie einst die SED mit arabischen Antisemiten und der Castro-Diktatur in Kuba. Kürzlich wurden an einer Demonstration DDR-Fahnen geschwenkt und Parolen wie «Egon Krenz ist geil!» gerufen.Das Bündnis Sahra Wagenknecht und vor allem die AfD bemühen sich seit einigen Jahren ebenfalls um alte DDR-Nostalgiker. Der ehemalige Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, erklärte kürzlich in einem Interview, die AfD habe mittlerweile mehr belastetes Personal in ihren Reihen als Die Linke. Unter anderem kandidiere bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt ein ehemaliger Stasi-Offizier.«In der DDR wurden wir von einem Verbrechersyndikat regiert», sagt Günter Toepfer. «Jeder Kommunist kann heute nach Mallorca reisen, wir durften nicht einmal auf den höchsten Berg der DDR, weil das Sperrgebiet war. Ich hätte nach der Wende nie gedacht, dass die Leute das einmal vergessen.» Für die zunehmende Sozialismusfaszination jüngerer Wähler hat er eine einfache Erklärung: «Kein Wunder, die haben das auch nicht erlebt.»Renate Werwigk-Schneider zitiert in ihrem Buch einen Brief, den ihr der Vorstand der Gedenkstätte Hohenschönhausen nach der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes schrieb. «Sie sind stärker als Ihre ehemaligen Verfolger», heisst es darin. «Dafür», sagt sie, «will ich bis zum Ende kämpfen.»Renate Werwigk-Schneider: «Ein bisschen Diktatur gibt es nicht. Mein Weg aus der DDR in die Freiheit», Westend-Verlag Neu-Isenburg 2025. 206 S., Fr. 22.-Porträts von Verfolgten in der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, 2018. Viele Verhaftete wurden in der Zeit nach dem Krieg von Ostdeutschland nach Russland verschleppt.ImagoPassend zum Artikel