Hinter der HeadlineDer Boom im Bereich künstliche Intelligenz beschert dem weltgrössten Halbleiterkonzern phänomenales Wachstum. Das hohe Tempo soll nächstes Jahr ungebrochen anhalten. Die Börse reagiert positiv, doch CEO Jensen Huang steht nun umso mehr in der Beweispflicht.Der Kampf um die Vorherrschaft im Markt für die schnellsten Computerchips wird härter. Doch bei Rechenleistung für Anwendungen im Bereich künstliche Intelligenz führt noch immer kein Weg an Nvidia vorbei. Der glänzende Quartalsabschluss, den der weltgrösste Halbleiterkonzern am Mittwochabend vorgelegt hat, ist ein eindrücklicher Beleg dafür.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die grösste Überraschung kam gleich zu Beginn der Ergebnispräsentation. Wie Finanzchefin Colette Kress sagte, soll Nvidias Umsatz im kommenden Geschäftsjahr per Ende Januar 2028 abermals um satte 70% wachsen. Das ist deutlich mehr als der Zuwachs von 45%, mit dem Analysten bisher gerechnet haben.Der ging Konsens bisher von rund 575 Mrd. $ an Einnahmen aus. Gemäss der neuen Prognose könnten es nun mehr als 700 Mrd. $ sein. Kann Nvidia die derzeitigen Margen etwa halten, würde ein Gewinn von annähernd 400 Mrd. $ resultieren. Kein Konzern der Welt verdient mehr Geld; nicht einmal der hochprofitable iPhone-Hersteller Apple, für den Analysten im Kalenderjahr 2027 mit gut 140 Mrd. $ Gewinn rechnen.Angesichts der massiven Nachfrage nach den KI-Chips von Nvidia wäre sogar noch wesentlich mehr möglich. Rein auf Basis der Prognosen von Kunden würde sich der Umsatz nächstes Jahr verdoppeln, sagte Konzernchef Jensen Huang. Seinen Aussagen nach bremsen Kapazitätsengpässe jedoch das Wachstum. «Unsere gesamte Lieferkette steht vor Herausforderungen», meinte er.Auf Fragen, wo derzeit die gravierendsten Engpässe bestehen, ging das Management nicht ein. Bekannt ist aber, dass Nvidias Prozessoren von der Chipschmiede TSMC hergestellt werden. Der führende Auftragsproduzent aus Taiwan wird von anderen Tech-Unternehmen schon seit einiger Zeit dafür kritisiert, dass er seine Fertigungskapazitäten nicht schnell genug ausbaue.Mangel an Speicherchips bleibt ein ThemaWie kräftig der Wachstumsmotor von Nvidia derzeit läuft, demonstrieren die Zahlen zum abgelaufenen Quartal per Ende Juli. Der Umsatz ist gegenüber dem Vorjahr um 106% auf 96,2 Mrd. $ gestiegen. Die Analystenerwartungen von 92,4 Mrd. $ wurden damit einmal mehr übertroffen. Die Bruttomarge verbesserte sich sequenziell gegenüber der vorangegangenen Berichtsperiode leicht auf 75%, was die Konsensschätzung exakt traf.Für das laufende Quartal per Ende Oktober stellt der Konzern rund 108 Mrd. $ an Umsatz in Aussicht. Im Vorjahresvergleich würde das einem Plus von 90% entsprechen. An den Märkten wurde bisher mit 105,4 Mrd. $ gerechnet. Die Bruttomarge soll auf 74% zurückgehen.Das Management macht für die geringere Ertragskraft hauptsächlich höhere Preise für Speicherkomponenten verantwortlich. Dieser Druck werde sich weiter verschärfen, wodurch die Bruttomarge im vierten Quartal mit 71 bis 72% den Boden erreichen und sich dann im kommenden Jahr bei 72 bis 73% einpendeln werde.Neue KI-Chips stimulieren die Nachfrage Nvidia ist auf GPU-Chips (Graphics Processing Unit) spezialisiert. Ursprünglich vor allem für Videospiele und das Schürfen von Kryptowährungen konzipiert, werden solche Halbleiter heute vor allem in Grossrechnern eingesetzt, um KI-Modelle zu trainieren. Der Anteil von Nvidia im Markt für Data-Center-Prozessoren beläuft sich auf rund 80%.Hauptkunden sind Cloud-Infrastrukturbetreiber (Hyperscaler) wie Amazon, Microsoft und Google. In diesem Segment sind die Einnahmen im vergangenen Quartal um 102% auf 48,7 Mrd. $ gewachsen. Noch schneller expandiert das Geschäft mit Neocloud-Unternehmen wie CoreWeave, Nebius und Iren, die stark auf die KI-Systeme von Nvidia ausgerichtet sind. In diesem Segment stieg der Umsatz um 138% auf 40,3 Mrd. $Nvidia lanciert im laufenden Quartal die nächste Generation von KI-Prozessoren, die nach der US-Astronomin Vera Rubin benannt ist. Nach Segmenten rechnet die Geschäftsleitung damit, dass Neocloud-Konzerne und grosse Unternehmenskunden den grössten Beitrag zum Wachstum liefern werden. Mit einem zunehmenden Angebot an Rubin-Systemen soll sich dann im vierten Quartal die Nachfrage der Hyperscaler beschleunigen.Aktienkurs reagiert freundlichDie erste Reaktion auf den Abschluss fällt freundlich aus. Die Aktien von Nvidia tendierten am Mittwochabend im nachbörslichen Handel unmittelbar nach der Veröffentlichung der Zahlen zunächst schwächer. Als das Management dann überraschend den Ausblick für nächstes Jahr bekannt gab, drehte die Stimmung und der Kurs bewegte sich rund 4% im Plus.Der entscheidende Test kommt am Donnerstag im regulären Handel. Kann sich der Kurs ungefähr auf diesem Niveau halten, wäre das die erste Avance nach einem Geschäftsabschluss seit vier Quartalen.Generell hat es den Aktien schon seit längerer Zeit an Impulsen gefehlt. Nach Nvidias fulminanten Avancen in den Jahren 2023 bis 2025, hat sich der Fokus an der Börse auf «heissere» Segmente des Halbleitersektor verlagert, primär auf Hersteller von Speicher- und Optikkomponenten. Mit einem Plus von gut 12% seit Anfang Jahr hinkt Nvidia dem PHLX Semiconductor Index zur Branche hinterher.Der Konkurrenzdruck wächstZwei Trends sind dafür massgeblich verantwortlich. Erstens ist Nvidia derzeit zwar der unangefochtene Marktleader, doch die attraktiven Margen sprechen dafür, dass der Konkurrenzdruck auf mittlere bis lange Sicht zunehmen wird.Grosse Cloud-Konzerne wie Amazon und die Alphabet-Tochter Google nutzen bereits heute vermehrt selber entwickelte KI-Chips, die für ihre Infrastruktur massgeschneidert sind. Zugleich versuchen andere Halbleiterkonzerne wie AMD und Cerebras, Marktanteile zu erobern.Um die führende Stellung zu verteidigen, baut Nvidia zweitens ein komplexes Netz finanzieller Abhängigkeiten auf. Der Konzern investiert dazu in bedeutende Summen in Neocloud-Unternehmen und KI-Entwickler, die mit diesem Geld wiederum Systeme von Nvidia kaufen oder mieten.Jüngstes Beispiel ist die im August vereinbarte Kooperation mit OpenAI von bis zu 105 Mrd. $. Sie konzentriert sich hauptsächlich auf ein Rechenzentrum im US-Bundesstaat Ohio, das exklusiv mit Equipment von Nvidia ausgestattet wird.Diese meist wenig transparenten Verflechtungen stossen an der Börse zunehmend auf Skepsis. Dank dem KI-Boom verfügt Nvidia derzeit über reichlich flüssige Mittel, um künftige Nachfrage vorzufinanzieren. Der freie Cashflow hat sich in den letzten zwölf Monaten auf 127 Mrd. $ belaufen.Zyklen im Halbleitersektor sind jedoch erfahrungsgemäss unberechenbar. Sollte sich die Nachfrage überraschend abschwächen, könnte die aggressive Finanzierungsstrategie zur Hypothek werden.Es ist gut möglich, dass die zuversichtliche Prognose für das kommende Jahr solche Befürchtungen dämpfen soll. Inwiefern dies gelingt, wird sich zeigen. Sicher ist: Investoren werden bald mehr handfeste Belege fordern, dass die riskante Wette aufgeht.