Die Kritik war erwartbar: Die Pläne der Bundesregierung für eine Zuckersteuer können Unternehmen, die Limonaden, Säfte, Milchgetränke, Eistees, Biermischgetränke, Haferdrinks und Fertigkaffees herstellen, nicht gefallen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, wenn der hessische Ministerpräsident Rhein die Abgabe flugs als „Teuer-Steuer“ diffamiert. Die Verbraucher würden dadurch unnötig belastet, die Steuer sei nur dazu da, den Bundessäckel zu füllen.Diese wirtschaftliche Diskussion aber lässt fast vergessen, dass die schwarz-rote Bundesregierung die Zuckersteuer im Zusammenhang mit dem Sparpaket für stabile Krankenkassenbeiträge plant. Übergewicht und Diabetes sollen bekämpft, die Krankheitskosten gesenkt werden. Durch die Abgabe soll die Krankheitslast in Deutschland sinken. Ist da was dran?Was weiß man darüber, wie sich die Zuckersteuer auf die Gesundheit auswirkt? Auf der Suche nach einer Antwort kann man auf Studien blicken, die den Effekt für Deutschland mit seiner stark alternden und vor allem übergewichtigen und herzkranken Gesellschaft simuliert haben. Dies sind Modellstudien, die Effekte vorhersagen.Man kann aber auch ins Ausland blicken, zu Menschen, die bereits seit Jahren für ihre Limonaden mehr ausgeben müssen: In mittlerweile fast 100 Ländern und Regionen wird eine solche Softdrink- oder Zuckersteuer erhoben. Allerdings ist deren Demographie, Gesellschaftsstruktur und natürlich auch Kultur nicht eins zu eins auf unsere übertragbar. Beide Betrachtungsweisen haben also ihre Schwächen, aber immerhin: Es gibt viele Daten, die man für eine Entscheidung heranziehen kann.Fettzellen, Fettleber und HeißhungerattackenZunächst lohnt sich aber ein Blick auf die Physiologie. Wer viel Zucker zu sich nimmt, hat ein höheres Risiko für Erkrankungen wie Diabetes, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das ist spätestens seit der Arbeit des britischen Ernährungswissenschaftlers John Yudkin klar, er hatte als einer der Ersten in den Fünfzigerjahren Studien hierzu durchgeführt. 1972 hatte er dann in seinem Bestseller „Pure, White and Deadly“ auch für die Allgemeinbevölkerung dargelegt, dass Saccharose und Fructose Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auslösen. Zahlreiche Studien haben die zugrunde liegenden molekularbiologischen Prozesse seither konkretisiert. Wird Zucker im Körper nicht direkt als Energie verbraucht, wird er in der Leber zu Fett umgewandelt: Übergewicht und Fettleber können entstehen. Zudem wird in der Bauchspeicheldrüse viel Insulin ausgeschüttet, was langfristig zu einer Insulinresistenz und damit zu Diabetes Typ 2 führen kann. Damit nicht genug: Zucker fördert Karies, ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, häufige Blutzuckerspitzen und -abfälle sorgen für Heißhungerattacken. Manche Forscher berichten gar von einer Zuckergewöhnung und einer Zuckersucht, da das Belohnungssystem ständig aktiviert ist.So viel zu den physiologischen Mechanismen. Aber würde allein eine Verteuerung der Getränke dazu führen, dass weniger Menschen in Deutschland krank würden und das Gesundheitssystem merklich entlastet würde? Verschiedene Simulationsstudien zeigen positive Effekte – sowohl was die Erkrankungsraten als auch was Sterbefälle anbelangt. Demnach kommt es vor allem zu weniger Übergewicht und Diabetes Typ 2. Auch Karies würde abnehmen. In einer Simulation geht sogar die Anzahl der Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurück.Für Deutschland gibt es verschiedene Modellierungen. Eine solche haben beispielsweise Karl Emmert-Fees und Michael Laxy von der TU München für Deutschland vorgenommen: Sie haben 2024 berechnet, wie eine Mehrwertsteuer von 20 Prozent auf Softdrinks die Gesundheit von Männern und Frauen, die im Jahr 2011 20 Jahre alt und älter waren, über ihre Lebensspanne hinweg beeinflussen würde. Das Fazit: Die Zahl der Adipositasfälle bei Männern könnte um rund 210.800 und bei Frauen um rund 80.800 sinken. Es würden etwa 86.400 Menschen weniger an Diabetes erkranken. 76.700 gesunde Lebensjahre könnten durch die Steuer gewonnen, 2,37 Milliarden Euro an Gesundheitskosten gespart werden.Das klingt beeindruckend. Doch in der Realität sind die Effekte häufig weniger deutlich. Zumindest ist das so in Großbritannien, welches 2018 mit der „Soft Drinks Industry Levy“ eine Zuckersteuer eingeführt hatte. Auch in verschiedenen Städten und Kommunen in den USA, in denen seit 2015 ähnliche Regelungen gelten, haben die Abgaben nicht zu einer Gesundheitsschwemme geführt.Daten aus dem echten Leben versus SimulationenIn einer Übersichtsarbeit hat Tatiana Andreyeva von der University of Connecticut in Hartford 86 Studien zu den Effekten der Zuckersteuer in 13 verschiedenen Ländern analysiert – von Großbritannien, Regionen der USA bis Mexiko, Südafrika und Barbados. Fünf der Studien betrachteten den Body-Mass-Index. Bei vier von ihnen gab es keine bedeutsamen Änderungen – nur in einer gab es einen geringen statistisch signifikanten Effekt.Zwei Jahre später analysierte Safira Firdaus von der IPB University Bogor in Indonesien die Wirkung der Zuckersteuer, indem sie 22 Simulations- und sieben Beobachtungsstudien aus sieben verschiedenen Ländern betrachtete. 21 der eingeschlossenen Simulationsstudien fanden signifikante Ergebnisse für BMI, Übergewicht, Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Krebs, Karies, für die allgemeine Lebensqualität und die Mortalität. In den sieben Beobachtungsstudien wurde ebenfalls ein kleiner, aber signifikanter Effekt auf den BMI gefunden.Sowohl in den Simulationen als auch in den Beobachtungsstudien aus dem Ausland wird jedoch auch klar, dass nicht alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen vom positiven Gesundheitseffekt profitieren: Vor allem jüngere Menschen und Personen mit niedrigerem Einkommen oder geringerer Bildung profitieren überproportional stark.Woher aber kommt die Diskrepanz zwischen den Prognosen der Modelle und den Beobachtungsstudien?Zum einen lässt sich das Verhalten von Menschen nur schwer modellieren. So kann es zwar sein, dass jemand wegen steuerbedingt erhöhten Kosten für einen Liter Limonade weniger davon trinkt. Er könnte aber auf ebenfalls stark zuckerhaltige, aber billigere Fruchtsäfte oder auf Süßigkeiten zurückgreifen, um sein Verlangen zu stillen. So kann der tägliche Zuckerkonsum weniger stark sinken, als im Modell prognostiziert. Zudem wird in Simulationsstudien häufig angenommen, dass die Menschen ihr Kauf- und Konsumverhalten langfristig nicht ändern. In der Realität führt eine Verteuerung bestimmter Lebensmittel aber häufig dazu, dass der Konsum zunächst zurückgeht – mit der Zeit aber wieder steigt. Die Verbraucher gewöhnen sich an höhere Preise.Ist eine Steuer also das falsche Instrument? Nicht unbedingt, die Effekte fallen in der Realität nur selten so stark aus, wie es in den Simulationen dargestellt wird. Insgesamt sinkt der Zuckerkonsum aber durchaus. Die Wissenschaftler der TU München haben deshalb eine andere Idee, die sie allerdings ebenfalls auf Modellberechnungen stützen: Sie hatten für Belgien und Deutschland die Frage untersucht, ob die Kalorienkennzeichnung von Gerichten in Restaurants und Cafés nicht auch eine Maßnahme wäre, um die Menschen dazu zu bringen, weniger zuckrige und fettreiche Lebensmittel zu essen. Das Ergebnis: Sowohl in Deutschland als auch in Belgien sank durch eine solche Kennzeichnung das Risiko für Adipositas deutlich. Laut den Wissenschaftlern könne durch eine konsequente Kennzeichnung „die Prävalenz von Übergewicht in Deutschland um bis zu fünf Prozentpunkte gesenkt werden – insbesondere in sozioökonomisch benachteiligten Bevölkerungsgruppen“. Im Vergleich senkte eine Zuckersteuer in Belgien die Zahl der Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen stärker als eine Kalorienkennzeichnung. In Deutschland war dieser Effekt nicht ganz so stark.Und noch ein Effekt ist nicht zu unterschätzen: Je nach Ausgestaltung der Steuer sorgt sie dafür, dass die Hersteller ihre Rezepturen verändern – und den Zuckergehalt der Limonaden reduzieren. Dass deshalb Menschen weniger Zucker konsumieren, wird als ein wichtiger Effekt der Abgabe in Großbritannien gesehen.Das Forscherteam empfiehlt deshalb, zusätzlich zur Zuckersteuer langfristig auch die Kennzeichnungspflicht einzuführen. So könnte die Zahl der Menschen mit Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen reduziert werden. „Die positiven Gesundheitseffekte dieser Instrumente werden oft unterschätzt – dabei können sie langfristig einen wichtigen Beitrag leisten“, schreiben sie. Wenn solche Maßnahmen eingesetzt würden, solle aber überprüft werden, wie groß ihr Nutzen in der Realität sei und in welcher Kombination sie am besten wirkten.Zudem sollten alternative Maßnahmen nicht außer Acht gelassen werden: Aufklärungskampagnen, Werbeeinschränkungen, Warnhinweise auf den Verpackungen oder verbindliche Qualitätsstandards für gesundes Essen in Kitas, Mensen und Kantinen.
Zuckersteuer: Was sie für die Gesundheit bringt
Die Regierung plant eine Abgabe auf süße Getränke. Mit Blick auf das Ausland wird ein Gesundheitseffekt aber oft bestritten. Was sagen wissenschaftliche Studien?










