KommentarDie Aktionäre belohnen Stadler Rail mit einem 21-prozentigen Kurssprung: Trotzdem muss Peter Spuhlers Firma noch viel Vertrauen zurückgewinnenDer Schienenfahrzeughersteller Stadler Rail ist in der ersten Jahreshälfte eindrücklich gewachsen. Bei der Profitabilität hat der von Peter Spuhler kontrollierte Konzern aber weiterhin grossen Verbesserungsbedarf.26.08.2026, 16.50 Uhr3 LeseminutenDer Erhalt zweier Grossaufträge für den Regionalverkehr in Berlin verbessert die Perspektiven des Stadler-Werks in Pankow.Das Management des Schienenfahrzeugherstellers Stadler Rail konnte am Mittwoch Gratulationen entgegennehmen. Analysten von Banken sprachen an der Telefonkonferenz zum Semesterergebnis von «starken Zahlen».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Stadler steigerte in der ersten Jahreshälfte den Auftragseingang um 60 Prozent und den Umsatz um 40 Prozent. Die Ebit-Marge, welche die Profitabilität abbildet, erhöhte sich um 1,4 Prozentpunkte auf 4 Prozent. Dem Konzern gelang es damit, erstmals seit langem die Markterwartungen deutlich zu übertreffen. Anleger reagierten begeistert: Der Aktienkurs von Stadler schoss bis zum späten Nachmittag um 21 Prozent in die Höhe.Viel Pech gehabtVom Thurgauer Industriekonzern war man in den vergangenen Jahren meist anderes gewohnt. Vor allem in Sachen Profitabilität sorgte Stadler wiederholt für Enttäuschungen.Das Unternehmen hatte das Pech, dass ihm mehrfach externe Ereignisse schwer zusetzten. So konnten während der Pandemie vorübergehend Züge nicht oder nur mit erheblichen Verzögerungen ausgeliefert werden, weil Komponenten fehlten. Der Angriff Russlands auf die Ukraine führte zu weiteren Störungen in den Lieferketten. Vor zwei Jahren wurde Stadler empfindlich von den Überschwemmungen in Valencia getroffen. Der Konzern betreibt dort eine grosse Fabrik für Lokomotiven.All das hatte zur Folge, dass Stadler immer wieder hohe Sonderkosten verkraften musste. Das Management muss sich indes zum Vorwurf machen lassen, auch schwerwiegende eigene Fehler begangen zu haben. So wurden jahrelang Aufträge angenommen, die Stadler zwar Marktanteilgewinne ermöglichten, aber zu wenig profitabel waren.Mittlerweile scheint der Konzern genauer hinzuschauen. Das ist erfreulich. Bahnbetreiber bestellen bei Stadler neben Rollmaterial zunehmend auch Dienstleistungen im Bereich der Wartung. Allerdings kann es nicht sein, dass, wie dies in der Vergangenheit offenbar immer wieder der Fall war, die Firma für diverse Arbeiten auch ausserhalb des technischen Unterhalts verantwortlich gemacht wird. So versuchten Bahnbetreiber, sogar das Entfernen von Graffiti ins Pflichtenheft Stadlers zu schreiben.CEO wächst in seine Rolle hineinDie verschärften Abklärungen bei Ausschreibungen tragen die Handschrift von Markus Bernsteiner, der seit Anfang 2023 an der Konzernspitze steht. Mit ihm hat Peter Spuhler, der Verwaltungsratspräsident und langjährige frühere CEO, eine gute Wahl getroffen.Bernsteiner führt das Unternehmen mittlerweile mit sicherer Hand und scheint zunehmend auch das Vertrauen von Investoren zu geniessen. Ein früherer Versuch Spuhlers, die operative Führung an einen Nachfolger abzugeben, scheiterte nach kurzer Zeit. Spuhler musste vorübergehend erneut auch das Tagesgeschäft leiten.Der 67-jährige Unternehmer ist mit einem Anteil von 42 Prozent nach wie vor der grösste Aktionär von Stadler. Als er 2019 das Unternehmen an die Börse führte, bewarb er es als Perle der Schweizer Industrie. Spuhler ging so weit, von einer «Volksaktie» zu sprechen. Für Anleger, die beim IPO einstiegen, ging die Rechnung indes bis heute nicht auf. Sie sitzen nach wie vor auf einem Wertverlust von über 30 Prozent.Riskante Abhängigkeit von Geschäften in DeutschlandDies macht deutlich, dass Stadler trotz dem jüngsten Kurssprung noch viel gutzumachen hat. Ein Risiko beim Schienenfahrzeughersteller bleibt die starke Abhängigkeit von Geschäften in Deutschland. Die angespannte dortige Wirtschaftslage hat auch im ersten Geschäftshalbjahr die Erträge geschmälert. Das grosse Werk im Berliner Stadtteil Pankow soll laut dem Management erst ab nächstem Jahr keinen Verlust mehr schreiben.Grund zum Durchatmen haben die Aktionäre von Stadler wohl erst, wenn der Konzern endlich sein Margenziel von 6 bis 8 Prozent erreicht. Allerdings wird er selbst auf diesem Niveau nicht als Perle durchgehen. Andere Firmen im Bereich der verarbeitenden Industrie erzielen, unter guter Führung, zweistellige Ebit-Margen.Passend zum Artikel