Der Kampf endet mit der Kapitulation: Syriens Kurdenmilizen geben ihre Selbstauflösung bekanntVor ein paar Jahren noch kämpften sie Seite an Seite mit den Amerikanern gegen den Islamischen Staat. Nun legen die kurdisch geführten Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDF) ihre Waffen nieder. Das ist ein Erfolg für Präsident Sharaa, aber auch für die Türkei.26.08.2026, 16.05 Uhr4 LeseminutenDer SDF-Chef Mazlum Abdi gibt die Auflösung seiner Miliz bekannt. Einst hatten seine Kurdenkämpfer gegen den Islamischen Staat gekämpft.Ghaith Alsayed / APSie waren die Helden im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS): Auf Pick-up-Trucks preschten die Kämpfer der Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDF) durch die Weiten des Bürgerkriegslandes und befreiten ein Dorf nach dem anderen von der Herrschaft der Terrormiliz.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zehn Jahre später ist von der mächtigen Kurdenmiliz, die auch im Westen vielen als Vorkämpferin für die Freiheit galt, nichts mehr übrig. Am Dienstag hat sich die Kampforganisation selbst abgeschafft – indem ihr Chef Mazlum Abdi im syrischen Fernsehen die Selbstauflösung bekanntgab.Die SDF haben offenbar ihren Zweck erfülltDie SDF hätten ihren Zweck erfüllt, sagte der Militär Abdi in Anzug und Krawatte. Nun gehe es darum, Verantwortung wahrzunehmen und die Organisation aufzulösen.Die verbliebenen Kämpfer und Kämpferinnen der Truppe sollen von nun an als eigenständige kurdische Brigaden innerhalb der neuen syrischen Armee dienen. Das, so Abdi, trage zur Sicherheit und Stabilität Syriens bei.Doch die demonstrative Gelassenheit täuscht. Zwar war es Abdi gelungen, der syrischen Regierung unter dem vom Jihadisten zum Staatschef gewordenen Ahmed al-Sharaa einen Kompromiss abzuringen. Sharaa hatte nämlich ursprünglich verlangt, die SDF-Kämpfer sollten alle einzeln übertreten statt im Verbund.Sonst ist die Selbstauflösung der Kurdenmiliz aber nichts weiter als eine Kapitulation. Abdi blieb schlicht nichts anderes übrig, als seine Kampfverbände abzuwickeln. Von seinem einst mächtigen Heer, das zu besten Zeiten angeblich 100 000 Kämpferinnen und Kämpfer umfasste, war zuletzt kaum mehr etwas übriggeblieben.In ihrem Herrschaftsbereich brodelte esDenn die syrischen Kurden mussten im vergangenen Jahr eine Reihe verheerender Niederlagen hinnehmen. So gingen ihnen zuerst die amerikanischen Verbündeten von der Fahne, die sie zu Zeiten des Anti-IS-Kampfs noch mit Geheimdienstinformationen und Luftangriffen unterstützt hatten.Washington hatte seine Verbündeten allerdings immer stiefmütterlich behandelt und ihren De-facto-Staat, den sie im Osten Syriens nach dem Sieg über den IS aufgebaut hatten, nie anerkannt. Nachdem in Damaskus dann Sharaa den gestürzten Diktator Bashar al-Asad ersetzt hatte, liessen die Amerikaner die Kurden endgültig fallen.Die SDF-Führer trugen aber auch selbst zu ihrem Untergang bei. So war die Führungsebene der Miliz mit Kadern der im Westen verbotenen, stramm ideologischen kurdischen Arbeiterpartei PKK besetzt. Die Apparatschiks verhielten sich vor allem in den arabisch geprägten Gebieten der SDF-Einflusszone wie Kolonialherren.Nach aussen hin gab sich die SDF demokratisch. In ihrem tristen, bettelarmen Herrschaftsbereich brodelte es jedoch. Als dann Sharaas Soldaten im vergangenen Winter zum Angriff übergingen, wechselten die meisten arabischen SDF-Kämpfer kurzerhand die Seiten. Der kurdisch geführte De-facto-Staat fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus.Auch ein Erfolg für die TürkeiSeither ging es den Kurden nur noch darum, möglichst günstige Bedingungen zur Abwicklung ihres gescheiterten Projekts zu erreichen. Das ist ihnen zumindest offiziell einigermassen gelungen. So ernannte Sharaa einen Kurden zum Gouverneur von Hasaka, und Männer wie Abdis Stellvertreter und andere Führer bekamen Posten in Damaskus.Für Sharaa selbst hingegen ist das Ende der SDF ein grosser Erfolg, denn die Kurden waren sein letzter ernstzunehmender innenpolitischer Gegner. Mit Ausnahme der Provinzstadt Suweida, wo noch ein paar von Israel unterstützte Drusenkrieger Widerstand leisten, herrscht der neue Präsident jetzt über ganz Syrien.Noch bedeutender könnte der Erfolg hingegen für Sharaas Schutzmacht, die Türkei, sein. Ankara sah in Syriens Kurden schon immer die verlängerte Hand der verhassten PKK, mit der die Türkei zurzeit Friedensverhandlungen führt. Nun ist der autonome syrische Kurdenstaat Geschichte. Gut möglich, dass die Türken nun auch auf eine Kapitulation der Rest-PKK hoffen.Zwar wird deren Führung um den inhaftierten Abdullah Öcalan versuchen, ihre Haut so teuer wie möglich zu verkaufen. Doch für die Kurden ist das Ende der SDF ein harter Schlag. Noch nie waren sie einer Quasi-Unabhängigkeit so nahe gewesen wie in Nordostsyrien. Vielen Linken in Europa galt Rojava, wie sie ihren Ministaat nannten, als sozialistische Utopie.Eine ungewisse ZukunftDamit ist es nun vorbei. Viele Kurden in Syrien blicken einer ungewissen Zukunft entgegen. Der neuen Regierung trauen sie kaum über den Weg – zu frisch sind die Erinnerungen an die Greueltaten, die Sharaas Truppen im vergangenen Jahr in anderen Minderheitengebieten begangen haben.Der Kampf werde nun mit politischen Mitteln weitergeführt, sagte Abdi, als er das Ende der SDF verkündete. Ob den in der Vergangenheit immer wieder marginalisierten und verfolgten Kurden das gelingen wird, ist jedoch ungewiss. Angesichts des militärischen und politischen Debakels, das ihre Führer zuletzt erlebten, bleibt ihnen allerdings nichts anderes übrig.Passend zum Artikel
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