Zuckersteuer auch auf zuckerfreie Getränke? Deutschlands Finanzminister Klingbeil stoppt den eigenen PlanHaferdrinks, Fruchtnektar, Limonaden: Referenten des Finanzministeriums wollten auch für Getränke mit Süssungsmitteln eine Zuckersteuer. Nun widersprach der zuständige Minister dem eigenen Haus.Eric Matt, Berlin26.08.2026, 12.39 Uhr3 LeseminutenDie Coke Zero enthält keinerlei Zucker, doch auch für sie könnte eine Zuckersteuer gelten.Dado Ruvic / ReutersDer Duden, das bekannteste Wörterbuch der deutschen Sprache, ist eigentlich eindeutig. Er definiert eine Zuckersteuer als «Verbrauchssteuer auf Zucker». In der politischen Praxis jedoch ist diese Definition offenbar nicht so klar. Wie aus einem Referentenentwurf des deutschen Finanzministeriums, der der NZZ vorliegt, hervorgeht, sollte die Zuckersteuer auch für Getränke gelten, die überhaupt keinen zugefügten Zucker enthalten – etwa für Getränke mit Süssungsmitteln, für Haferdrinks oder für Fruchtnektar.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im politischen Berlin, wo das Eckpunktepapier derzeit kursiert, stiess das Vorhaben auf derart heftige Kritik, dass der zuständige Finanzminister Lars Klingbeil seinem eigenen Haus widersprechen musste. Das Ministerium für Landwirtschaft und Ernährung etwa kritisierte in einer Antwort an das Finanzministerium, das Vorhaben sei «widersprüchlich und weder der Wirtschaft noch gegenüber der Öffentlichkeit vermittelbar». Das Papier gehe «deutlich über die Empfehlung hinaus».«Notwendig, um Ausweichbewegungen vorzubeugen»Die Empfehlung, eine Steuer auf zuckergesüsste Erfrischungsgetränke einzuführen, hatte die «Finanzkommission Gesundheit» erarbeitet. Die Zuckersteuer ist einer von insgesamt 66 Vorschlägen der mit Experten besetzten Kommission, die die Bundesregierung berät. Mit der Steuer möchte die Koalition die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger fördern und gleichzeitig die Beitragssätze zur gesetzlichen Krankenversicherung stabilisieren.Derartige Zuckersteuern gibt es bereits etwa in Litauen, Mexiko oder Grossbritannien. Auch die Weltgesundheitsorganisation ruft immer wieder dazu auf, die Preise für zuckerhaltige Getränke anzuheben, damit die Bevölkerung weniger Zucker zu sich nimmt. Denn übermässiger Zuckerkonsum kann Volkskrankheiten wie Diabetes, Adipositas, Depressionen oder Alzheimer begünstigen.Zuständig für die geplante Zuckersteuer ist das Haus von Finanzminister Lars Klingbeil.IMAGO/Achille Abboud / ImagoDie Bundesregierung aus CDU, CSU und SPD hatte daher beschlossen, nicht allein auf Eigenverantwortung zu setzen, sondern ab 2027 eine Zuckersteuer einzuführen, die zusätzliche Einnahmen in Höhe von 650 Millionen Euro einbringen soll. Um die konkrete Ausgestaltung sollte sich federführend das Finanzministerium kümmern. In dessen Referentenentwurf hiess es nun, die Steuer solle für «Getränke mit Zucker und/oder Süssungsmitteln» gelten.Dazu zählen etwa Fruchtnektar, Limonaden, gesüsste Kaffee- und Milchgetränke oder alkoholfreie Biermixgetränke. Demnach soll die Steuer auch gelten für «zucker-/süssungsmittelhaltige Getränke aus oder mit Nüssen, Getreide oder Samen». Das könnten etwa Haferdrinks, Reisdrinks oder Erbsendrinks sein, selbst wenn diesen kein zusätzlicher Zucker zugesetzt wird. Denn sie enthalten natürlichen Zucker durch den Produktionsprozess.Das Finanzministerium schreibt in seinem Entwurf: «Die Aufnahme von Sirup, Konzentraten sowie Granulaten in den Steuergegenstand ist notwendig um entsprechenden Ausweichbewegungen, die aus anderen Ländern bekannt sind, vorzubeugen.» Das bedeutet, dass das Ministerium eine Ausweitung für nötig hält, damit Konsumentinnen und Konsumenten nicht etwa von der zuckerhaltigen Coca-Cola auf die Coke Zero mit Süssungsmitteln wechseln. Wie es in dem Referentenentwurf heisst, solle die Steuer zudem «Einnahmen für den Bundeshaushalt generieren».Zuckersteuer verfolge «Ziel der Haushaltskonsolidierung»Bei Abgeordneten des Deutschen Bundestages sorgte das Vorhaben erwartungsgemäss für Kritik. Zoe Mayer, ernährungspolitische Sprecherin der Grünen, sagte der NZZ, zwar sei eine Steuer auf zuckergesüsste Getränke «längst überfällig», weshalb ihre Partei diese ausdrücklich unterstütze. Klug ausgestaltet, schaffe eine Zuckersteuer Anreize für die Hersteller, den Zuckergehalt von Softdrinks zu verringern, sagte Mayer. «Aber die Steuer muss treffen, was sie treffen soll: zugesetzten Zucker.»Dass das Finanzministerium die Steuer etwa auf Fruchtgetränke oder ungesüsste Milchalternativen ausweiten wolle, zeigt laut Mayer, dass es diese vor allem als «zusätzliche Einkommensquelle zur Konsolidierung des Haushalts versteht und nicht als gesundheitspolitisches Instrument».Auch Albert Stegemann kritisierte den Entwurf des Finanzministeriums deutlich. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion und dabei verantwortlich für Landwirtschaft und Ernährung. Stegemann sagte der NZZ, der Entwurf stehe im Widerspruch zu den Empfehlungen der Expertenkommission, die eine Zuckersteuer ausdrücklich mit gesundheitspolitischen Zielen begründet habe. «Die nun vorgesehene Ausweitung auf eine möglichst breite Palette von Getränken verfolgt hingegen vorrangig das Ziel der Haushaltskonsolidierung», sagte Stegemann. Dies schaffe fragwürdige Anreize für Verbraucherinnen und Verbraucher und belaste zugleich Unternehmen sowie Arbeitsplätze in Deutschland.Am Mittwoch meldete sich der sozialdemokratische Finanzminister Klingbeil dann selbst zu Wort und musste seine eigenen Beamten zurückpfeifen. Er schrieb auf Instagram: «Was keinen Sinn ergibt, ist eine Zuckersteuer auf zuckerfreie Getränke. Das mache ich nicht. Das wird nicht kommen.»Wie es mit der Zuckersteuer nun weitergeht und in welcher Form die Regierung sie tatsächlich beschliessen wird, ist offen. Sicher ist nur: Die Zuckersteuer wird kein Zuckerschlecken.Passend zum Artikel
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