Pro ArtikelEine Frage der Identität und des Nationalstolzes: Die Kanadier wollen Trump im Handelskrieg trotzenDie amerikanischen Strafzölle haben für kanadische Unternehmen verheerende Folgen. Dennoch steht die Bevölkerung hinter dem Kurs der Regierung. Eine Kleinunternehmerin, ein Lokalpolitiker und ein Möbelfabrikant erzählen.26.08.2026, 08.47 Uhr4 LeseminutenAbendverkehr in Edmonton in der Provinz Alberta: Das Land steht im Zollstreit mit den USA vor unsicheren Zeiten.NurPhoto / GettyAls der kanadische Premierminister Mark Carney am Wochenende die Zollverhandlungen zwischen den USA und Kanada abrupt abbrach, schluckte Cindy Baldassi leer. Bereits im letzten Jahr hatte der Streit mit den USA vorübergehend zu hohen Zöllen geführt. «Das waren die schwierigsten Zeiten für mich», sagt die kanadische Kleinunternehmerin, die Schmuck aus Edelsteinen, Fossilien und Glas herstellt und übers Internet in die USA verkauft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun kündigten der amerikanische Präsident Donald Trump und Carney gegenseitige Strafzölle von 50 Prozent an. Am Dienstag hat die kanadische Regierung die Gegenzölle, die am 8. September in Kraft treten, konkretisiert: Mit Strafzöllen belegt werden alle möglichen Güter von Alufolie über Waschmaschinen bis zu Fisch.Die amerikanischen Zölle sind bereits wirksam. Neben Wein, Stahl, Milchprodukten, Kleidern, Holzwaren und Eishockey-Ausrüstung sind auch Baldassis Amulette und Ohrringe betroffen. «Ich gehe davon aus, dass mindestens die Hälfte meines ganzen Geschäfts wegbrechen wird», sagt sie.Cindy BaldassiPD«Geschäft so gut wie tot»Baldassi wohnt in Calgary in der Provinz Alberta und führt ihren Einfraubetrieb «CindyLouWho2» von zu Hause aus. Ursprünglich habe sie ein Doktorat in Rechtswissenschaften abgeschlossen, erzählt sie am Telefon. Vor knapp zwanzig Jahren habe sie Schmuck herzustellen begonnen und ihr Hobby bald zum Beruf gemacht.Übers Internet erreichte sie von Anfang an viele Kunden aus den USA, wo sie heute 75 Prozent ihres Umsatzes erwirtschaftet. Nun führen die Strafzölle dazu, dass sich ihre Produkte für amerikanische Kunden um 50 Prozent verteuern. Damit seien sie schlicht nicht mehr konkurrenzfähig, sagt die 59-Jährige.Einschneidende Folgen erwartet auch Michael Saifer, der in der Nähe von Toronto in der Provinz Ontario die Firma Lind Furniture führt. «Unser Geschäft ist so gut wie tot», sagt der 68-Jährige. Bis vor kurzem habe er noch fast die Hälfte seiner hochwertigen Möbel aus Holz und Leder in die USA exportiert. Nun geht er davon aus, dass die Nachfrage im Nachbarland komplett erodieren wird, weil sich der Verkaufspreis wegen der Zölle um 50 Prozent erhöht.Michael SaiferPDAuch im Inland sei die Konsumentenstimmung schlecht. Der Handelskrieg schaffe Unsicherheit, weshalb die Kanadier mit dem Kauf von teuren Gütern wie Sofas lieber zuwarteten, wenn die Anschaffung nicht dringlich sei. «Wir haben bereits einen Viertel unserer Belegschaft entlassen und die Viertagewoche eingeführt.»«Trumps Verhalten ist beleidigend»Dennoch überwiegt in der Bevölkerung nicht die wirtschaftliche Sorge, sondern der Wille zum Widerstand gegen Trump. In einer aktuellen Umfrage sagen 76 Prozent der Befragten, sie unterstützten den harten Kurs von Carney. Nur 13 Prozent erklären, Kanada hätte Kompromisse eingehen müssen, um Trumps Strafzölle zu verhindern.Eric LombardiPD«Die Amerikaner begreifen nicht, dass es nicht primär um die Wirtschaft geht, sondern um Identität, Stolz und Respekt.» Mit diesen Worten fasst Eric Lombardi die Stimmungslage im Land zusammen. Der 32-jährige Finanztechnologie-Ingenieur bewirbt sich derzeit in der parteiinternen Vorwahl in der Provinz Ontario um den Vorsitz der Liberalen Partei, der auch Premierminister Carney angehört.Ontario ist mit der amerikanischen Autoindustrie eng verflochten und gehört zu den Provinzen, die am stärksten unter dem Handelskrieg leiden. Dass dennoch das gesamte politische Spektrum von rechts bis links den Kurs Carneys unterstützt, begründet Lombardi damit, dass der Handelskonflikt die Fundamente des Staates berühre. «Kanada existiert auch darum als souveränes Land, weil wir uns nie als Teil des amerikanischen Projekts verstanden haben», erklärt er. «Trumps Verhalten ist extrem beleidigend.»Im Detail sind die Gründe, die Carney zum Abbruch der Verhandlungen bewegt haben, unklar. Laut kanadischer Darstellung versuchten die USA Kanada vorzuschreiben, welche Freihandelsabkommen das Land mit Drittstaaten abschliessen kann. Zudem wollte Washington offenbar Regeln aushebeln, wonach viele Produkte in den Läden sowohl auf Englisch wie auch auf Französisch beschriftet werden müssen. «Wir haben sehr viel Energie in den Ausgleich zwischen den Sprachgruppen investiert, die Zweisprachigkeit gehört zu unserer Identität», sagt Lombardi.«Resilienter, als die USA glauben»Die Stimmung im Volk führt zum Boykott amerikanischer Produkte und befeuert die Rhetorik der Politiker. Doug Ford, der Premier der Provinz Ontario, erklärte als Reaktion auf Äusserungen Trumps, dieser könne seinen Hintern küssen.Der Möbelfabrikant Saifer betrachtet die verbale Eskalation mit Sorge. Die kanadischen Politiker würden die Kräfteverhältnisse im Handelskonflikt verkennen und Arbeitsplätze aufs Spiel setzen. Die kanadischen Gegenzölle träfen die von Importen abhängigen Unternehmen und führten zu noch höheren Gegenzöllen. «Wir sollten einen kühlen Kopf bewahren und noch einmal versuchen, mit Trump einen Deal zu finden», sagt er.Der Lokalpolitiker Lombardi widerspricht. Auch er hält zwar wenig von Fords Rhetorik und fordert den Premier Ontarios auf, endlich Strukturreformen in Angriff zu nehmen, um den Zollschock abzufedern. Wegen der überbordenden Bürokratie seien Infrastrukturprojekte wie Hochgeschwindigkeitszüge in Kanada drei- bis viermal so teuer wie in vergleichbaren Ländern in Europa oder Asien. Lombardi findet auch, dass Kanada den rigiden Zollschutz für die Milch- und Geflügelwirtschaft in Ontario und Quebec überdenken müsse, zumal dieser in Freihandelsgesprächen mit anderen Partnern regelmässig zum Problem werde.Insgesamt aber ist der Ökonom und liberale Politiker der Ansicht, dass Kanada einen Handelskonflikt mit den USA überstehen könne, zumal in Washington früher oder später wieder Vernunft einkehren werde. «Wir sind resilienter, als die USA glauben», sagt er. «Wir haben eine gute Energieversorgung und Infrastruktur und die solidesten Staatsfinanzen aller G-7-Länder.» Am Dienstag kündigte die kanadische Regierung Wirtschaftshilfen von umgerechnet 4,4 Milliarden Franken an, um bedrohte KMU und Arbeitnehmer im Handelskonflikt zu unterstützen.Auch Cindy Baldassi befürwortet den Kurs der Regierung, auch wenn er ihrem Schmuckgeschäft schadet. «Wir können nicht immer Zugeständnisse machen, wenn wir nichts erhalten und wenn stets nur neue Forderungen kommen», sagt sie.Baldassi will nun versuchen, ihre Nebentätigkeit als Beraterin für Kleinunternehmen auszubauen und vermehrt Kunden in anderen Märkten zu erreichen. Kurzfristig erlebe sie gerade eine Welle der Solidarität von bestehenden und neuen Kunden, die ihre vom Zollstreit bedrohte Firma mit Bestellungen unterstützten.Passend zum Artikel