Statt Sneaker trägt die junge Generation wieder Loafer, wahlweise poliert oder mit GebrauchsspurenQuelle: Marlene Gawrisch/WELTNach Jahren des Hypes und der limitierten Sondereditionen ist der Sneaker kein Ausweis von Geschmackssicherheit mehr. Wer etwas auf sich hält, schlüpft stattdessen in klassische Schuhe wie Loafer – und entfernt sich damit von der Beige-tragenden Rentnerfraktion.Die Frage ist ja immer, wann der Kipppunkt erreicht war. War es der Tag, an dem der Rekordmeister Roger Federer auf einen Schlag 78 Millionen Euro verlor, weil der Aktienkurs der Schweizer Sneakermarke On einstürzte, an der er mit 2,5 Prozent beteiligt ist? War es der Tag, an dem die „New York Times“ meldete, dass nur noch alte Menschen mit angesagten Turnschuhen zur Arbeit gehen? War es der Tag, an dem das Männermagazin „GQ“ die Sneakertrends 2026 ausrief – von Dad Runners bis Hybrid Sneakers – und der Puls einfach nicht hochgehen wollte?In meinem Fall war es der Tag, an dem ich vom Literaturmagazin „Geistesblüten“ gebeten wurde, die Luxusprodukte des neuen Jahrtausends zu nennen, die in ein Museum des 21. Jahrhunderts gehörten. Natürlich nominierte ich den Yeezy Nike Air Max, in dem Kanye West 2008 bei den Grammys auftrat, und der 2021 für 1,5 Millionen Euro versteigert wurde. Auch den Triple S von Demna für Balenciaga, der 2018 offiziell der hotteste Schuh der Welt war und die Landschaft der Sneaker neu vermessen hat. Und wenn ich unbegrenzt Ausstellungsfläche gehabt hätte, wäre auch die „Louis Vuitton x Nike“-Kollektion von Virgil Abloh dabei gewesen. Sie wurde 2022 für insgesamt 25 Millionen US-Dollar versteigert. Auch der erste Schuh von Craig Green für Adidas, in tollen Farben und so absolut nicht atmungsaktiv wie ein Sous-vide-Beutel zum Niedrigtemperaturgaren von Fleisch, und der farbbekleckerte, halb aufgerissene Monsterschuh von John Galliano für Maison Margiela hätten eine Vitrine verdient. Was mir bei diesem Gedankenspiel auffiel: Wie furchtbar lange her das wirkt, wie absolut egal es heute ist, und wie lächerlich diese Obsession mit Sneakers im Rückblick war.Lesen Sie auchWer sich in tonangebenden Städten oder bei stilprägenden Menschen in Fußbodennähe umschaut, der stellt fest: Es gibt das übliche stilistische Dies und Das, ein Mini-Comeback der Cowboy-Boots, Ballettschuhe für jeden – aber vor allem ein Comeback des Loafers. Von Bella Hadid bis Jacob Elordi sieht man die junge Prominenz in diesen Klassikern herumlaufen, und das sieht frisch, angezogen, ungezwungen und schlicht besser aus, als etwa ein weißer Stan Smith von Adidas mit schwarzen Schlieren aus dem öffentlichen Nahverkehr.Dabei schien noch vor wenigen Jahren die Weltherrschaft des Sneakers eine beschlossene Sache. Jede Luxusmarke brauchte ihre eigene Kollektion, die Resale-Plattformen meldeten Rekordumsätze, treibende Kräfte waren die drei Musiker Virgil Abloh, Pharrell Williams und Kanye West, keiner von ihnen gelernter Designer, aber geschult darin, die Codes der Straße zu identifizieren und zu variieren. Insofern stand der Sneaker auch für eine Luxuswelt, in der die alten Gatekeeper und Geschmackswächter ausgedient hatten.Und während sich am einen Ende des Sneakerspektrums die Superstars in verästelten Referenzen übten, gab es eine Art ästhetisch-ideologische Gegenbewegung, die man vielleicht so beschreiben könnte: Schuhe, die nichts sagen und nichts wollen, sondern einfach bequem und praktisch sind und vielleicht ganz sachte auf ein aktives Leben verweisen. Die Firma On steht für diese Herangehensweise, ebenso die immens einflussreiche Performancewear-Marke Under Armour.Der Sneaker trat häufig in schlechter Gesellschaft aufAußerdem hatte sich der Sneaker in gewisser Weise zu Tode gesiegt. Und trat im öffentlichen Leben zu oft in schlechter Gesellschaft auf. Der etwas zu eng geschnittene Anzug in Verbindung mit Sneakers war schon immer ein Look, der in seiner Kombination von Karrierewillen und Zwangsentspanntheit bemüht wirkte. Nun assoziierte man ihn mit Sportschau-Moderatoren und Ted-Talkern und vor allem mit Jungpolitikern diesseits und jenseits der Verfassungsordnung. Kurzum: mit einer ganz wichtigen, aber modefernen Meute, deren vulkanisierte Gummisohlen bei den Auftritten in den Fernsehstudios diskret quietschten.Lesen Sie auchNatürlich gibt es weiterhin wunderbare neue Sneaker. Der Collapse Sneaker von Prada, mit papierdünner Sohle, Bergsteigerösen und einem Flickenlook wie beim Film-Serienmörder Leatherface (vor allem, wenn man die Lederfarbe Eiche wählt). Oder die unbeirrbaren Salomon-Modelle in immer neuen Farbkombinationen und der narrensicheren Zugschnürung. Oder aber, am Abstieg des Sneakers vermutlich stärker beteiligt als ihnen lieb ist: das Start-up On, mit einer revolutionären Dämpfung gestartet, mit Geldspritze und Beteiligung von Roger Federer geadelt und seit Jahren auf scheinbar unaufhaltsamem Wachstumskurs. Lesen Sie auchDoch wer sich heute auf deutschen Bahnhöfen, touristischen Attraktionen oder Radwanderwegen umschaut, der sieht fast ausnahmslos Rentner in diesen Schuhen. Das sprichwörtliche Beige als Erkennungsmerkmal für den deutschen Pensionär, es wurde abgelöst durch diese vorsätzlich schmucklosen Schuhe, in denen man gut gefedert zum E-Bike schlurft.Und das ist natürlich das grundsätzliche Problem. Sneaker sind nicht mehr die Schuhe der Eltern, sondern der Großelterngeneration. Zu Beginn seiner Karriere trat Mick Jagger in leicht erhöhten Chelsea Boots auf. Als er und die beiden Gitarristen Keith Richards und Ronnie Wood in den vergangenen Monaten das 25. Studioalbum der Rolling Stones bewarben, schlurften die Über-80-Jährigen in ihren bequemen Sportschuhen daher und mussten nur gelegentlich von ihren Begleitern in die vorgesehene Richtung gestupst werden. Die Sneaker wirkten hier nicht mehr als Ausweis eines bewegten Lebens, sondern wie das, was die Boomer tragen, wenn sie „Rücken haben“. Und wenn es eine Moderegel gibt, die sich bewährt hat, dann diese: Man trägt nicht, was man an Menschen sieht, die über dreimal so alt sind wie man selbst. Außerdem muss auch in der Mode auf jeden Goldrausch die Ernüchterung folgen. Was eine Zeit lang überpräsent war, kann man dann eine Weile lang nicht mehr sehen.Es gibt möglicherweise noch einen anderen, ganz praktischen Grund für die Sneakermüdigkeit, diesmal aus der Sicht der Industrie. Dienten die Schuhe eine Zeit lang als Einstiegsdroge für Männer in die Welt der Luxusmarken, haben sie seit einiger Zeit Konkurrenz bekommen, nämlich durch Designertaschen. Es ist noch gar nicht so lang her, da konnte man über die scheinbar irrationale Freude von Frauen an immer neuen Taschen herrlich herziehen: Warum braucht man die unbedingt, was kommt da überhaupt rein, so viel Geld für ein Massenprodukt? Heute hat dieses Fieber auch Männer ergriffen. Über die Sammlungen von Designertaschen etwa der Fußballstars Erling Haaland, Jude Bellingham oder Lamine Yamal könnte jede aficionada vor Neid erblassen.Vom Statement zur SelbstverständlichkeitNatürlich ist der Sneaker nicht totzukriegen. Nicht einmal durch fragwürdige Hybridmodelle wie den New Balance 1906L, eine Mischung aus Sneaker und Loafer, der wie für das Personal einer hochpreisigen Suchtklinik entworfen aussieht. „Sneaker sind immer noch ein großes Ding. Allerdings bewegen sie sich vom Fashion-Sneaker zum Performance-Sneaker. Die Farbpalette, die Kanye eingeführt hat, wird heute bei Skims von Kim Kardashian weitergeführt“, sagt Götz Offergeld, Herausgeber der Magazine „Numéro Berlin“ und „Fräulein“ und eine Mode-Autorität. „Balenciaga, Gucci oder Prada tragen nur noch douchebags (Anm. d. Red.: Volltrottel).“ Und letztlich garantieren die Vorteile von Sneakern ihr Überleben: die unschlagbare Bequemlichkeit und die Möglichkeit, einmal kurz in den Laufschritt zu verfallen, wenn sich die Türen der U-Bahn zu schließen drohen. Wie Jahrzehnte vorher die Jeans wird der Sneaker vom Statement zur Selbstverständlichkeit. Der stolze Nerd aber, der mit schütterem Haar seine neueste Limited Edition spazieren führt, der muss sich schleunigst ein neues Distinktionsmerkmal suchen, denn was früher nach Expertentum aussah, wirkt heute eher hängen geblieben.
Comeback des Loafers: Sneaker sind nur noch Gehhilfen für Junggebliebene - WELT
Nach Jahren des Hypes und der limitierten Sondereditionen ist der Sneaker kein Ausweis von Geschmackssicherheit mehr. Wer etwas auf sich hält, schlüpft stattdessen in klassische Schuhe wie Loafer – und entfernt sich damit von der Beige-tragenden Rentnerfraktion.






