Erst Tennisklassiker, dann Phoebe Philos It-Piece und schliesslich spiessiger Mainstream: Das perfekte Basic-Teil von 2010 verabschiedet sich von seiner makellosen Uniformität und erfindet sich neu.Was ist das kleine Schwarze für die Füsse? Lange wäre die Antwort wohl der schwarze Lederschnürer gewesen, im 20. Jahrhundert die universelle Lösung für Männer, wenn es um Eleganz und Vielseitigkeit ging, ob im Alltag oder am Abend, zur Jeans oder zum Anzug.Doch seit den 2010er Jahren hat ihm ein anderer Klassiker diesen Rang streitig gemacht: der schlichte weisse Sneaker. Der omnipräsente Allrounder passt ebenso gut zu T-Shirt und Jeans wie zur Anzughose und zum Cashmeremantel und ist mittlerweile Teil der modernen Uniform geworden. Der (noch) Apple-CEO Tim Cook und sein Kollege Eddy Cue, Senior Vice President of Services and Health bei Apple, im Juli 2026. Getty Images Genau darin liegt heute sein Problem. Denn was überall ist, verliert irgendwann seine Exklusivität. Der weisse Ledersneaker, der einst als Zeichen von Stilbewusstsein galt, wirkt heute allzu vertraut: proper, adrett, vernünftig – und fast schon bieder. An Menschen, die in der Mode arbeiten, sieht man ihn praktisch kaum mehr.Auf dem Tennisplatz und an der RivieraDie Ursprünge des weissen Sportschuhs liegen nicht in der Mode, sondern in der neuen Freizeitkultur des frühen 20. Jahrhunderts. Segeln und Rasentennis wurden zum beliebten Sport der europäischen und amerikanischen Oberschicht. Dazu gehörten leichte, weisse und vor allem funktionale Leinenschuhe mit Gummisohle. Rasentennis anno 1926 mit Suzanne Lenglen und René Lacoste. Ullstein Bild via Getty Images Damals waren sie noch keine Statussymbole, sondern pure Zweckmässigkeit. Der amerikanische Keds «Champion», lanciert 1916, gehört zu den frühen Klassikern dieser Kategorie. Der italienische Superga «2750» wurde seit den 1920er Jahren zum Inbegriff eines entspannten mediterranen Lebensgefühls. Der Sperry «CVO» stammt aus der Welt des Segelns und wurde für den sicheren Halt auf Booten entwickelt. Der Converse «Jack Purcell», 1935 ursprünglich als Badminton-Schuh lanciert, gehört ebenfalls zu dieser Familie von flachen, schlichten Sportschuhen. Ursprünglich aus Canvas, ab September in einer Premiumversion aus Leder erhältlich: Der «Jack Purcell» von Converse. PD Mit der Professionalisierung des Tennissports wurden Schuhe technisch ausgefeilter. Der berühmteste Vertreter dieser Generation wurde der Adidas «Stan Smith». Ursprünglich für den französischen Tennisspieler Robert Haillet entwickelt und später nach dem amerikanischen Wimbledon-Sieger Stan Smith benannt, wurde er in den 1970er Jahren zu einem der erfolgreichsten Sportschuhe überhaupt. Dann erlebte er ausserhalb des Courts eine zweite Karriere, und zwar in der Mode.Phoebe Philo und der Luxus des UnderstatementsZu verdanken ist dies der Britin Phoebe Philo. Als sie im Jahre 2011 nach ihrer Céline-Show in weissen Adidas «Stan Smith» zum Schlussapplaus erschien, wurde aus einem schlichten Sportschuh ein kulturelles Signal. Die verehrte Modedesignerin und Vertreterin des «Effortless Chic» zeigte damit eine damals neue Definition von Luxus: Komfort und Zurückhaltung statt Zwang und Inszenierung.Der weisse Ledersneaker passte perfekt zu einer Ära, in der sichtbare Statussymbole an Bedeutung verloren. Er war das Gegenteil, das extravagante Modeobjekt; gerade weil er unspektakulär war, wurde er begehrenswert. Phoebe Philo mit «Stan Smith»-Sneakers zum Abschluss ihrer Céline-Show im März 2011. Getty Images Es folgte ein weltweiter Siegeszug dieses Schuhtyps. Common Projects erhob den minimalistischen Ledersneaker zum Luxusprodukt. Veja präsentierte mit Modellen wie «Esplar», «V-10» und «Campo» nachhaltige Alternativen, Axel Arigato machte ihn mit dem «Clean 90» zum Premium-Basic einer jüngeren Generation. Schliesslich brachte beinahe jede Sport- und Modemarke ihre eigene Version heraus. Der weisse Ledersneaker wurde demokratisiert und zum Klassiker. PD PD Weisse Ledersneaker mit grossem und feinem Logo: «Campo», 150 Franken, von Veja, und «Clean 90», 270 Franken, von Axel Arigato. Der perfekte weisse Ledersneaker der 2010er Jahre musste aber makellos sein: glattes Leder, klare Linien, möglichst sauber. Er wurde zum Standardschuh, vor allem für Männer: erst für Kreative und Startup-Gründer, dann auch für Politiker und Führungskräfte, die nicht geschniegelt wirken wollten und eine unkomplizierte Form von modernem Stil suchten. Kaum ein Schuh transportierte in den vergangenen zehn Jahren so viele Botschaften: jung geblieben, unkompliziert, kreativ, nahbar. Als schliesslich fast jeder dieselbe Botschaft aussandte, wurde aus dem Symbol der Unangepasstheit ein Ausdruck des Mainstreams.Und genau da begann sein Bedeutungsverlust, denn die Mode lebt von Veränderung. Wie Skinny Jeans oder zu kurze Sakkos, die einst als «Dernier cri»-Trends die Modewelt eroberten und schliesslich zum geschmacklosen Massenphänomen verkamen, wurde auch der weisse Sneaker in den letzten Jahren weniger Ausdruck eines persönlichen Geschmacks als eine allgemeine Konvention. Hat er seinen modischen Zenit überschritten?Zurück zu den Ursprüngen – aber mit LuxusanspruchDie Antwort: Ja, die modische Halbwertszeit des weissen Sportschuhs scheint erreicht zu sein – aber es gibt Hoffnung, dass er nicht ganz untergeht. Tonangebende Modemarken wie Celine, Dries Van Noten oder Dior propagieren eine neue Version weisser Sportschuhe: weg vom minimalistischen Ledersneaker der 2010er und zurück zum Flair einstiger Tennis-, Badminton-, Boots- und Freizeit-Schuhe, aus denen die Sneaker-Kultur entstanden ist. in Courtesy of Celine Der 32-jährige Sänger Harry Styles zeigt auf der Bühne seiner aktuellen Tournee, wie man die neue Generation weisser Sneaker trägt: mit Sonderanfertigungen von Celine, Dries Van Noten und Prada. Der «Saltwind» von Jonathan Anderson orientiert sich etwa an originalen Canvasschuhen, wie sie im 20. Jahrhundert unter anderem von amerikanischen Marines auf Booten getragen wurden. Flexible Gummisohle, die runde Form und eine etwas weitere Passform erinnern an ihre Zeit als unkomplizierte Begleiter für Bewegung und Freizeit. Mit Dior-Symbolen wie Kleeblättern und Blumen bestickt, wird daraus die Luxusversion des alten Archetyps. «Saltwind»-Sneaker, 910 Franken, von Dior. PD Der Illustrator und Schriftsteller Edward Gorey (1925–2000) im Jahr 1977. Jack Mitchell/Getty Images Wer es lieber puristisch und ohne Verzierungen mag, wählt den «Fynn» von The Row oder setzt auf die eingangs erwähnten Klassiker von Keds, Superga und Sperry. Getragen werden sie ganz im Stile des amerikanischen Illustrators und Schriftstellers Edward Gorey (1925–2000), der seit den 1970er Jahren weisse Canvas-Sneaker als festen Teil seiner Alltagsuniform aus Jeans zu Streifentops oder Zopfstrickpullis und zum viktorianisch anmutenden Fellmantel trug.Bemerkenswert ist die Tendenz zu einer gewissen «Softness» mit Retro-Flair. Der «Sprinter» von Maison Margiela, der «Collapse» von Prada oder Wildleder-Sneakers von Dries Van Noten zitieren mit dünnen Sohlen und weicher Konstruktion ebenfalls den Sportlook vergangener Zeiten. Und bei Celine verweist ein schmaler Sneaker aus weichem Lammleder mit dem Modellnamen «Ballet» klar auf die Welt des Tanzes. «Ballet»-Schnürschuh aus Lammfell, 870 Franken, von Celine. PD Die Tennisspieler René Lacoste und Heinz Landmann, 1929. Getty Images Von dieser neu entdeckten Weichheit und Agilität bei Sneakers profitiert auch das französische Traditionshaus Repetto, Spezialist für Ballett- und Tanzschuhe. Dessen Bestseller «Zizi Oxford» mit kleinem Absatz ist derzeit bei einer jüngeren Generation, wie etwa beim 29-jährigen Sänger Role Model, gefragt. Es sind die Schuhe, die dem Fuss folgen, statt ihn zu dominieren. «Zizi soft Derbies» aus Nappa-Kalbsleder, 385 Franken, von Repetto. PD Mehr «Dräck», mehr PersönlichkeitEin interessantes, nicht unwichtiges Detail ist die Präsentation der jüngsten Celine-Modelle. Sie erscheinen weder steril noch makellos, sondern mit leichten Schlieren und einer angedeuteten Patina – eine klare ästhetische Entscheidung, um sich vom klinischen Minimalismus abzuwenden. Für mehr Persönlichkeit, statt klinische Uniformität. Auch die Celine-Neuinterpretation des ikonischen Reebok «Freestyle», der seit den 1980er Jahren eng mit Aerobic, Fitnesskultur und einer neuen Vorstellung von sportlicher Freizeit verbunden wird, ist auf dem Laufsteg in «abgerockter» Manier zu sehen. Ab Anfang September in ausgewählten Celine-Stores weltweit und online erhältlich: die Celine-Version des Reebok-Klassikers «Freestyle». PD Der weisse Sneaker wird also wieder einmal neu erfunden. Er begann als funktionaler Tennis- und Freizeitschuh, wurde zum Symbol minimalistischen Luxus, anschliessend zur Uniform einer ganzen Generation – und sucht nun wieder nach mehr Leichtigkeit und Charakter.Er liesse sich mit der Bluejeans vergleichen. Beide entstanden aus einem funktionalen Zweck, wurden zu demokratischen Klassikern und wurden schliesslich von Luxusmarken immer wieder neu interpretiert. Und beide beweisen, dass echte Ikonen nicht deshalb überdauern, weil sie unverändert bleiben, sondern sich mit jeder Generation neu erfinden. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.