Einen Trenchcoat über einer edlen Trainingsjacke, gepaart mit einer gepunkteten Krawatte und einer weiten, plissierten Hose – das trug Schauspieler Alexander Skarsgård zur Premiere von „The Moment“ Anfang des Jahres auf dem Sundance Film Festival in Utah. Man könnte meinen, es sei tiefster Winter gewesen, hätte er nicht an den Füßen Flipflops von Valentino aus Leder und Nieten getragen. Es ist schon komisch, wenn ein Mann den roten Teppich entlangläuft, die Verhüllung seines Körpers aber am Knöchel aufhört und die Füße bloßliegen. Aber, so hat es die Mode entschieden, dieses Jahr ist der nackte Flipflop-Fuß überall erlaubt. Auch auf den Laufstegen – Pharrell Williams etwa, Kreativdirektor von Louis Vuitton, griff den Latschentrend auf und entwarf für die Sommerkollektion 2026 den „Flip Thong“, einen Flipflop mit breiterem Riemen, erhältlich in Leder oder Jeansstoff.Kooperation von Isabel Marant mit Havaianas. HavaianasObwohl er eigentlich nie richtig weg war, ist er diesen Sommer also besonders deutlich wieder da. Mit einer bequemen Selbstverständlichkeit wird der Flipflop derzeit zu jedem Anlass getragen. So ist es längst keine Ausnahme mehr, wenn ein Mann in Hemd und Hose im Café ein Eis genießt und dabei Flipflops trägt. Supermarkt, Bibliothek, Kino – überall kommen Zehentrenner zum Einsatz, als hätte sich die ganze Stadt in eine Strandpromenande verwandelt. Klar, der freizügigste Schuh überhaupt ist schon länger etabliert, aber in diesem Hitzesommer wird er buchstäblich von der ganzen Stadt getragen. Und der nackte Fuß erfährt dabei eine neue Form der populären Inszenierung, als Markenzeichen der Jugend oder eben der sich immer jugendlich fühlenden Stadtboheme. Er signalisiert nebenbei aber auch einen Alltag, in dem Sport, Freizeit und Arbeit irgendwie fließend ineinander übergehen, Home-Office sei Dank. Denn der Flachschuh, den man so leicht überstreifen kann, vermittelt ein unnachahmliches Gefühl von Beinfreiheit – im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Er ist unkompliziert, kann nass und dreckig werden, lässt sich wunderbar als Notgalosche einpacken und an den Rucksack hängen und kostet zudem nicht viel.Der nackte Fuß erfährt eine neue Form der InszenierungIn anderen Teilen der Welt, dort wo er billig und massenhaft produziert werden kann, gilt der Flipflop weiterhin als banale Alltagslatsche, in Brasilien etwa ist er der charakteristische Schuh der Favelas. Es war das Verdienst der brasilianischen Marke Havaianas, anstelle dieser Banalität das unbeschwerte Lebensgefühl zu einem Marketingversprechen zu machen. Der Flipflop soll heute den Mythos von brasilianischer Lebensart in die Welt bringen: Fußball auf der Straße oder lässiges Strandleben an der Copacabana. Das funktioniert durchaus, denn irgendwie fühlt sich sogar der Weg zum Kiosk im Freibad im Flipflop immer ein bisschen nach exotischem Strandspaziergang an. Dabei kommt der Zehentrenner ursprünglich gar nicht aus Brasilien.Der eigentliche Ausgangspunkt seiner Eroberung der westlichen Welt lag sehr wahrscheinlich in Asien. Während der Besatzungszeit waren amerikanische Truppen in Japan stationiert; und diese Soldaten nahmen einen Flipflop-Prototyp namens Zōri mit in ihre Heimat zurück. Dieser traditionelle Zōri wird aus Reisstroh hergestellt und ist in Japan ein alltägliches Accessoire, da es nun mal zum kulturellen Regelwerk gehört, seine Straßenschuhe vor Betreten eines Hauses auszuziehen und in Zōris umzusteigen. In den USA schätzte man die schlanke Schlappe eher als Strandschuh und begann sie Anfang der 1960er-Jahre in Gummi und grellen Farben zu produzieren. Bis in die Siebzigerjahre wurden Flipflops in Kalifornien in diesem Sinne auch noch Zorries genannt. Apropos Namen: In Deutschland hat die eingetragene Marke „flip*flops“ ein Patent auf den Namen, alle anderen Schuhe dieser Gattung müssen deshalb hierzulande offiziell Zehentrenner genannt werden. Diese nüchterne Umschreibung ist ein schöner Beleg für die Innovationskraft der deutschen Sprache.Aus der Kooperation Farm Rio x Havaianas HavaianasDie heutige Kultmarke Havaianas begann 1962 in Brasilien mit der Massenproduktion der Flipflops, deren Reiskornmuster an der Sohle übrigens auch eine Reminiszenz an die japanischen Wurzeln sein soll. Der Name selbst geht auf das portugiesische Wort für Hawaiianerinnen zurück und sollte Feriengefühl und Strandästhetik transportieren. 1966 kam es zu der Patentierung des Designs, und schon ab den 1970er-Jahren galt der eigentlich japanisch inspirierte Flipflop als brasilianisches Kultobjekt.Heute kostet ein Paar etwa 20 bis 30 Euro, nicht viel für einen Schuh, der im Sommer womöglich täglich getragen wird. Allerdings liegt er mit seiner Sohle aus EVA-Schaumstoff oder Kautschuk und einem Riemen aus PVC bei den Produktionskosten auch eher im Centbereich. 2024 verkaufte die Marke Havaianas 226,6 Millionen Paare, 2025 positionierte sie sich durch neue Farbkombinationen, eine Kooperation mit Dolce & Gabbana sowie die Ernennung von Gigi Hadid zur Markenbotschafterin noch mal hochwertiger. Diese modische Marketingoffensive scheint aufzugehen: Die Nachfrage ist vergangenes Jahr weiter gestiegen, Havaianas verzeichnete eine internationale Umsatzsteigerung von 14,2 Prozent. In der Fabrik in Campina Grande werden heute circa sechs Paar Flipflops pro Sekunde produziert.Sein Charme liegt in der einfachen KonstruktionWer derzeit in Europa und im urbanen Kontext Havaianas trägt, inszeniert damit die eigene Bodenständigkeit. Man könnte sich einen richtigen Schuh leisten, entscheidet sich aber absichtlich für den günstigsten. Seitdem der deutsche Schlupfschuh-Primus Birkenstock Teil des Luxuskonglomerats von LVMH und ein klassisches Paar der Schuhe doppelt so teuer geworden ist, räumt der Flipflop den Schlappenmarkt gewissermaßen von unten auf.Allerdings, wenn beim Flipflop der Riemen aus der Sohle reißt, bleibt einem nicht viel anderes übrig, als ihn einfach wegzuwerfen. Und auch die orthopädischen Mängel des Flipflops sind ziemlich offensichtlich: Die Schlappe bietet keinen Halt, der Fuß rollt bei jedem Schritt unnatürlich ab, während sich die Zehen reflexhaft am PVC festkrallen – diese reduzierte Abrollbewegung führt auf Dauer zur Überbelastung und kann daher eigentlich nur zur Gelegenheitsnutzung empfohlen werden. Es ist kein Zufall, dass der tiefe Wadenbeinnerv in Medizinerkreisen umgangssprachlich auch „Flipflop-Nerv“ genannt wird – er befindet sich im Zwischenraum des großen und zweiten Zehs, dort wo der Zehensteg des Flipflops greift. Hier kommt es im Flipflop-Alltag besonders oft zu Reizung oder Kompression. Um dieses Problem zu beheben, gründete der australische Physiotherapeut Daniel Jones 2011 die Markes Archies, um eine orthetische Alternative zu den herkömmlichen Flipflops anzubieten. Dieser „Arch Support Flip Flop“ sieht auf den ersten Blick genauso aus wie jeder andere, nur das Fußbett liegt etwas höher und bietet eine eingebaute Fußgewölbestütze. Der Flipflop-Nerv wird weniger gereizt, denn der Steg ist zusätzlich so positioniert, dass die Zehen nicht krallen müssen. Eine podologische Alternative – die aber natürlich nur eine Nische bespielt.Lebensgefühl Sommer, keine andere Schuhform hat das so in ihrer DNA. imago stock&peopleDie Masse der Trägerinnen und Träger krallt und schlappt wie gehabt, denn das gehört eben zum Lebensgefühl der Generation Zehentrenner. Schon in seinem Namen drückt der Flipflop ja totale Faulheit aus und erlaubt auch wirklich keine dynamische Bewegung. Man kann in ihm schlecht rückwärtslaufen. Er quietscht, wenn er nass wird. Er verursacht Blasen – da, wo Riemen und Sohle zwischen den Zehen zusammenfinden. Der Fuß sitzt immer leicht schief im Schuh, und beim Treppenherabsteigen machen die Dinger einen empörenden Lärm. Doch seine simple Konstruktion hat eben auch gewaltigen Charme, der Flipflop besteht aus genau zwei Teilen: der Sohle und dem Riemen, welcher durch das sogenannte Zapfen-Steg-System in die Sohle geploppt wird und dort verkeilt. Er will nicht mehr sein, als er ist, und legt alles offen. Und irgendwie ist dieses geniale Design eben auch sinnbildlich für eine Jahreszeit oder eine Lebensphase, in der alles möglichst leicht und einfach sein soll.Was sich durch den jüngsten Aufstieg der Flipflops verändert hat, ist nicht das Objekt selbst, sondern der Rahmen, in dem es getragen wird. Statt nur für den Marktbummel im Urlaub taugt er heute eben plötzlich auch für den Laufsteg. Barack Obama trägt ihn genauso wie Gigi Hadid, die Schlappe versprüht nicht länger nur studentischen Pragmatismus, sondern kalkulierte Bescheidenheit – vorausgesetzt natürlich, man entscheidet sich nicht für die Variante von Louis Vuitton. 2005 statteten die Frauen des Lacrosse-Teams der Northwestern University dem Weißen Haus einen Besuch ab – dabei trugen vier von neun Spielerinnen in der ersten Reihe Flipflops. Was vor zwanzig Jahren noch einen Skandal auslöste – die Frauen schafften es auf die Titelseite der Chicago Tribune –, wäre heute wohl nicht mehr der Rede wert, denn diese Informalität ist mittlerweile erlaubt.Es geschieht in der Modegeschichte regelmäßig, dass Accessoires oder Kleidungsstücke „von unten nach oben“ wandern. Schon in Tom Wolfes Essay „Radical Chic: That Party at Lenny’s“, der 1970 im New York Magazine erschien, wird beschrieben, wie sich Eliten Symbole der marginalisierten Radikalen oder Armen aneignen, um sich kulturelles und moralisches Kapital zu verschaffen. Der Flipflop funktioniert ähnlich: Er wurde ästhetisch und emotional aufgeladen und wird heute durchaus als modisches Distinktionsmerkmal genutzt. Seine Aufwertung beschränkt sich allerdings meist auf Farbkombinationen und Markenlogos, während sonst oft noch eine formale Veränderung des Designs stattfand, wenn Objekte von der hohen Mode annektiert wurden. Zum Beispiel wurden zuletzt etwa Militärparkas tailliert, ethnografische Stickereien auf Bikinis platziert oder verzierte Cowboystiefel mit höheren Absätzen versehen. Die Gummischlappe aber durfte auch bei ihrer Gentrifizierung weitgehend so einfach bleiben, wie sie ist. Wahrscheinlich weil sie zu den seltenen Produkten gehört, bei dem die Menschen keine Optimierung erwarten. Denn der Flipflop, obwohl er in so vielen unterschiedlichen Situationen getragen wird, muss nicht mehr können, als zwei Zehen zu trennen. Der Rest ist Lebensgefühl.