Auf der eigenen FrequenzGeorgia Anne Muldrow gilt als eine der eigenwilligsten Figuren zwischen Hip-Hop, Soul und Jazz. Sie folgt seit bald zwanzig Jahren ihrem eigenen Rhythmus. Nun kommt die Sängerin und Produzentin ans Jazz Festival Willisau.Adrian Schräder26.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenAls Produzentin genauso eloquent wie als Sängerin: Georgia Anne Muldrow.PDEs gibt Musikerinnen, deren Werk sich leicht einer Zeit zuordnen lässt. Und es gibt Georgia Anne Muldrow. Seit bald zwanzig Jahren bewegt sich die Sängerin und Produzentin aus Los Angeles durch Hip-Hop, Soul, Funk und Jazz. Vor allem aber klingt ihre Musik unverkennbar nach ihr. Das hat viel mit ihrem speziellen Rhythmus- und Zeitgefühl zu tun.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ihre Beats federn und hinken, sie swingen und sitzen doch satt im Groove. Akkorde, Stimmen und Synthesizer sorgen für ein flirrendes Klangbild und öffnen die Musik immer weiter in Richtung eines Klangkosmos, der eine schwebende, beinahe psychedelische Stimmung verbreitet.Georgia Anne Muldrow steht einerseits tief in der herkömmlichen Funk-Tradition. Zugleich sind ihre Beats eng mit jener rhythmischen Revolution verwandt, die stilbildende Hip-Hop-Produzenten wie J Dilla um die Jahrtausendwende auslösten: Sie haben die einzelnen Akzente leicht zurückgebunden, um den Grooves einen lockeren, trabenden Charakter zu verleihen; gleichzeitig wurde das Klangbild durch Weltraumanklänge erweitert. Die heute 42-Jährige war dabei nicht bloss eine Soul-Sängerin, die irgendwann bei den nerdigen Produzenten vorbeischaute, um ihre Musik trendig aufzufrischen. Sie war selber eine prägende Figur dieser experimentierfreudigen Szene.Übersättigte RäumeViele ihrer letzten Veröffentlichungen sind rein instrumental – und doch scheinen sie mehr zu erzählen als manche Gesangs- und Rap-Alben. Auf den drei bisher erschienenen Platten der «Vweto»-Reihe (2011, 2019, 2021) breiten sich Harmonien und melodische Motive zu schillernden Hallräumen aus. Darin zu singen oder zu rappen, ist eine Kunst für sich. Man muss in sich ruhen, darf den Raum nicht übersättigen. Das können nur wenige. Erykah Badu kann das. Dudley Perkins alias Declaime, Muldrows ehemaliger Lebenspartner, kann es. Und Muldrow sowieso. Sie kann dieses eigenwillige Timing nicht nur herstellen, sondern bewegt sich gesanglich frei darin.Als Produzentin ist sie genauso eloquent wie als Sängerin. Ihre musikalische Sprache war früh ausgereift. Gewiss erkennt man Verwandtschaften – vom P-Funk George Clintons bis zum Science-Fiction-Jazz von Sun Ra. Doch Muldrow klang nie wie die Summe dieser Einflüsse. Eher, als hätten alle Signale aus derselben fernen Galaxie empfangen – Muldrow allerdings auf einem eigenen Kanal.Als 2006 ihr Debüt «Olesi: Fragments of an Earth» erschien, war die damals 23-Jährige als erste Frau von dem kalifornischen Hip-Hop-Label Stones Throw unter Vertrag genommen worden. Eine Zeitlang war mit ihrem Output kaum Schritt zu halten: zwei Alben im Jahr, manchmal drei. Dazu kamen Kollaborationen, Produktionen für andere und Jazzplatten unter dem Pseudonym Jyoti.Ein persönliches TreffenMuldrows Haus in Inglewood war lange ein Kreativ-Hub, in dem diverse Projekte realisiert oder finalisiert wurden. 2010 wurde ich für ein Interview mit ihrem Partner Dudley Perkins eingeladen. Damals sah ich zwei ihrer Kinder permanent durchs Haus flitzen; das dritte trug Muldrow in einem Tuch vor der Brust.Perkins führte mich in den Keller, wo er unveröffentlichte Musik ab Band laufen liess und verschwand. Er kam nicht wieder: Für die Musikproduktion mit Muldrow hatte er sich im Home-Studio vor ein Mikrofon gestellt und den Gast vergessen. Der Raum war mit Lavalampen nur spärlich beleuchtet. Aus den Boxen drangen intergalaktische, elegante, eigenartige Klänge. Das vereinbarte Gespräch war vergessen.Zeitlos hypnotischGeorgia Anne Muldrow ist nicht bloss eine musikalische Bastlerin. Auf der Bühne tritt die Sängerin hinter der Produzentin hervor. Mit ihrem Gesang kann sie ungeheure Präsenz entwickeln. Darin erinnert sie wiederum an Erykah Badu: Beide glänzen auf ähnliche Weise durch ihre selbstverständliche Souveränität, Spiritualität und die Verbindung schwarzer Musikalität mit weiblicher Selbstermächtigung.Mit ihrer neusten Veröffentlichung führt George Anne Muldrow in eine Welt, die in ihrer Musik ohnehin immer wieder Thema war. «Electrical Field of Love» erschien im März auf Pi Recordings und entstand mit dem Sänger und Gitarristen Brandon Ross, Melvin Gibbs am Bass und J. T. Lewis am Schlagzeug. Seit 1998 bilden die drei New Yorker das Trio Harriet Tubman, benannt nach der amerikanischen Freiheitskämpferin. Ihre Musik verbindet freien Jazz, Funk und Rock. Lewis und Gibbs spielten einst bei Living Colour, und Ross begleitete die Jazzsängerin Cassandra Wilson.In diesem Quartett wird Muldrows Stimme wie ein Instrument Teil des dichten, dynamischen Interplays. Fast alles, was Muldrow bisher gespielt hat, klingt auch hier wieder an. Ihre Musik wirkt dabei zeitlos. Manches, was man vor zwanzig Jahren als fremdartig empfinden mochte, ist unterdessen vertraut. Ihren eigenen hypnotischen Sog aber haben die alten Aufnahmen nicht verloren. Weil sich Georgia Anne Muldrow nie einer bestimmten Zeit unterworfen hat – sie orientiert sich immer am eigenen Taktgefühl.Georgia Anne Muldrow tritt am Freitag, 28. August, am Jazz Festival Willisau auf.Passend zum Artikel