Frau Brosius-Gersdorf, vor rund einem Jahr scheiterte nach einer massiven Kampagne gegen Sie Ihre Wahl zur Verfassungsrichterin. Jetzt haben Sie in einem Buch die Ereignisse aufgearbeitet und dabei auch noch einmal viele der Beleidigungen zusammengetragen. Wie belastend war es, das alles noch einmal zu lesen?Dass die Beschäftigung mit den Kampagnen letztes Jahr nicht nur angenehm war, ist klar. Mit so viel Niedertracht und Unsachlichkeit hatte ich nicht gerechnet.Sie wurden unter anderem als „Richterin des Grauens“ und „Vertreterin eines linken, lebensfeindlichen Todeskults“ bezeichnet.Für das Buch musste ich noch mal tiefer in das Material einsteigen. Das hätte ein Grund sein können, das Buch nicht zu machen, aber ich fand es zu wichtig, das Ganze aufzuarbeiten. Nicht nur für mich, sondern vor allem für die Öffentlichkeit.Es liefen damals Kampagnen von verschiedenen Seiten, die sich gegenseitig verstärkt und hochgeschaukelt haben. Das Gefährliche daran war, dass sich Teile der Politik davon beeinflussen ließen. Es ist bedenklich, mit wie wenig Sachlichkeit und auf welch geringer Faktengrundlage teilweise über die Besetzung wichtiger Staatsämter entschieden wurde. Das darf nicht wieder passieren, weil es Schaden anrichtet.Sie mussten Ihre Kandidatur zur Verfassungsrichterin aufgeben, weil zu viele Bundestagsabgeordnete der Union Sie nicht wählen wollten. Dabei war Ihre Wahl zwischen den Fraktionsspitzen von SPD und Union fest ausgemacht. Fanden Sie Anhaltspunkte dafür, dass die Kampagne orchestriert war?Der Thinktank Polisphere, der zu Kampagnen und Falschinformationen im Internet forscht, fand heraus, dass anfangs regelrecht getestet wurde, welches Thema bei den Unionsabgeordneten am besten verfangen würde. Zuerst dachte man, man könnte mich mit meiner Haltung zum AfD-Parteiverbot wegbekommen …… das Sie angeblich befürworten.Was nicht stimmt. Das habe ich so nie gesagt. Als dieses Thema nicht richtig zündete, ist man auf das Thema Schwangerschaftsabbruch umgeschwenkt, das deutlich besser verfing.