Es ließe sich dieser Tage gewiss viel Kritisches über Friedrich Merz sagen. Aber an der Misere des VW-Konzerns ist er nun nicht auch noch schuld.Es ist aber schon so, dass die Entwicklung von VW sich als Metapher lesen lässt, für den Weg, den die Bundesrepublik eingeschlagen hat. Und das zumindest sollte Friedrich Merz zu denken geben, denn der Weg von VW scheint geradewegs in die Bedeutungslosigkeit zu führen. Bei Konzernen wie Staaten ist Bedeutungslosigkeit gleichzusetzen mit: Abgrund.Von Schicksalstagen ist bei VW gerade die Rede. Am Dienstag fand die erste von neun außerordentlichen Betriebsversammlungen statt. Konzernchef Oliver Blume will für seinen Sparkurs werben. Es geht um vier Werke, die geschlossen werden sollen. Um 50.000 Arbeitsplätze. Eine deutsche Ikone steht vor ihrer härtesten Bewährungsprobe. Vielleicht einer überfälligen.Denn es geht auch um: Zukunftsfähigkeit. Einen Strategiewechsel, Reformen. Nicht mehr Expansion um jeden Preis, sondern gezielte Profitabilität, erfolgreichere Modelle. Um eine Antwort auf die Frage, wie der Traditionskonzern im globalen Wettbewerb bestehen soll, in dem er längst nicht mehr das unangefochtene Schwergewicht von einst ist.Friedrich Merz dürften diese Probleme bekannt vorkommen. Schicksalstage hat Deutschland ebenfalls vor sich. Zu spät, zu wenig, zu zögerlich Aber „Schicksal“, das ist ja der erste Trugschluss. Das klingt nach Vorbestimmung. Dabei sind die Probleme hausgemacht.Gemeinsam ist der Bundesrepublik und dem Wolfsburger Autobauer, dass sie die Probleme zwar jahrelang auf sich zurasen sahen, aber nur zögerlich umsteuerten. Was sich bei VW in einem viel zu späten Umschwenken auf E-Mobilität und Softwareentwicklung nun rächt, fällt der Bundesrepublik in den aktuellen Krisen mit der verschlafenen Energiewende, der verdaddelten Digitalisierung und natürlich der Rente auf die Füße.In Deutschland uferten die Kosten der Sozialsysteme und Renten immer weiter aus, während Demografie und Beschäftigungsniveau das längst nicht mehr hergaben. VW vergab munter Top-Tariflöhne, Beschäftigungs- und Standortgarantien, die von realistischen Prognosen, wie sich der Markt entwickeln würde, völlig entkoppelt scheinen. Hybris macht blind Die Bundesrepublik hat sich zu lange ausgeruht auf den Titeln „Exportweltmeister“ und „Industrienation“. Worüber China heute lacht. Zu lange hat sich auch der VW-Konzern auf seinem guten Ruf ausgeruht, und China unterschätzt. Jahrzehnte der Exzellenz in der Verbrennertechnologie haben träge gemacht für dringend nötige Innovationen. Der Abgas-Betrug gab dem Ruf den Rest. Hybris kann blind machen für die Zukunft.Wie deutsch kann ein Konzern eigentlich sein?Nun stehen an der Spitze von Deutschland und VW mit Friedrich Merz und Oliver Blume zwei Managertypen, die das Ruder rumreißen wollen. Nur dass der eine will, dass die Menschen mehr arbeiten (und weniger krank sind) und der andere, dass sie weniger arbeiten (also abgefunden werden). Je drastischer die Reform ist, desto stärker muss die Vision sein Dieses Vorgehen sucht die Problemlösung beim schwächsten Glied, den Arbeitnehmern. Kein Wunder, dass die beiden derzeit zu den unbeliebtesten Männern des Landes zählen dürften. Obwohl – oder vielleicht auch weil sie in Teilen recht haben.Je größer die Beharrungskräfte sind, seien es die Betriebsräte, Anteilseigner oder eben der Koalitionspartner und die Angst vor dem Wähler auch in der eigenen Partei, desto überzeugender muss die Vision für die Zukunft sein.Es reicht nicht, den Handlungsbedarf zu erkennen. Es würde noch nicht einmal reichen, die richtigen Handlungen abzuleiten. Die Menschen müssen verstehen, dass die Zumutungen, die ein solcher Reformkurs mit sich bringt, das Leid auch wert sind.Dieser Tage trommelt Friedrich Merz nach einem ausgedehnten Sommerurlaub sein Kabinett zusammen, um das Reformpaket wieder zusammenzukehren, das in den vergangenen Wochen aufgeschnürt und zerpflückt wurde.Es ist vielleicht die letzte Chance, zu zeigen, dass Deutschland nicht den Weg von VW gehen muss. Die Zeit schmerzloser Kompromisse ist vorbei. Scheitert der Versuch, Rente, Pflege und Steuersystem für kommende Generationen neu aufzustellen, scheitert der Versuch, die deutsche Wirtschaft langfristig wettbewerbsfähig zu halten, hätte das auch politische Konsequenzen.Die Herausforderungen würden bleiben. Aber es wären wohl nicht mehr die demokratischen Parteien, die sie zu lösen hätten. Dann hätte Deutschland ein echtes Problem. Und VW wäre noch das geringste davon.