In Grossbritannien und Irland sind in den letzten Wochen zwölf Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen, mehrere davon im Zusammenhang mit jugendlichen Geisterfahrern, die für Social Media gefährliche Spritztouren filmen.25.08.2026, 14.39 Uhr4 LeseminutenBei einer Frontalkollision in Middlesbrough starben am vergangenen Wochenende sieben Personen. Dem Unfall ging offenbar eine Verfolgungsjagd mit der Polizei voraus.Owen Humphreys / APSie fahren auf der Gegenfahrbahn, beschleunigen und filmen sich dabei. Im schlimmsten Fall kollidieren sie frontal mit einem entgegenkommenden Fahrzeug. In Grossbritannien und in Irland wächst die Sorge über einen gefährlichen Social-Media-Trend. Ein Trend, der in den vergangenen Wochen mutmasslich zwölf Todesopfer gefordert hat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im englischen Middlesbrough kamen am vergangenen Wochenende zwei Polizisten und fünf Teenager bei einem Frontalzusammenstoss zweier Fahrzeuge ums Leben. Die Jugendlichen fuhren entgegen der Fahrtrichtung auf einer zweispurigen Schnellstrasse. Dem Unfall ging offenbar eine nächtliche Verfolgungsjagd mit der Polizei voraus. Die getöteten Polizisten befanden sich in einem anderen Streifenwagen, der an der Verfolgung nicht beteiligt war, wie britische Medien berichten.Eine Woche zuvor hatte sich in Irland ein ähnlicher tödlicher Unfall ereignet. Fünf Jugendliche rasten nachts in einem gestohlenen BMW auf der Autobahn M9 in der Grafschaft Kildare auf der falschen Fahrbahnseite. Das Auto prallte auf einen Wagen mit einer Familie, die zum Flughafen Dublin unterwegs war. Die vier Familienmitglieder erlitten schwere Verletzungen. Die fünf Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren überlebten nicht.Auch diesem Unfall ging laut der Polizei eine Verfolgungsjagd voraus. Die Beamten hatten die Verfolgung wegen der gefährlichen Fahrweise der Jugendlichen jedoch bereits abgebrochen, als es zum Zusammenstoss mit dem Auto der Familie kam. Bei einem weiteren ähnlichen Unfall waren jüngst neun Personen in Dublin verletzt worden.«Sie spielen russisches Roulette»Britische und irische Medien bringen die Fälle mit «joyriding» in Verbindung. Der Begriff bezeichnet riskante Autofahrten, bei denen junge Menschen Autos stehlen oder unbefugt benutzen. Sie rasen mit hoher Geschwindigkeit über die Strassen, filmen sich dabei und animieren die Polizei bewusst zu Verfolgungsjagden. Häufig fahren sie absichtlich auf der Gegenfahrbahn. Doch was treibt die Jugendlichen zu solch gefährlichen Fahrten?Der Nervenkitzel spielt eine Rolle. Offenbar zählt auch die Aussicht auf Likes in sozialen Netzwerken. Je riskanter die Aufnahmen, desto grösser scheint die Aufmerksamkeit. Auf den Accounts einiger Todesopfer fanden sich laut Medienberichten offenbar Videos von illegalen und gefährlichen Autofahrten. Darunter waren auch Aufnahmen von Verfolgungen durch die Polizei.Irlands Polizeichef Justin Kelly bezeichnete den Unfall in Kildare als «entsetzlichen Vorfall». Er zeige, «wie unverantwortlich und gefährlich das Fahren auf der falschen Seite der Autobahn ist». Besonders empörend findet Kelly, «dass es in manchen Fällen nur um Likes in sozialen Netzwerken geht».James Morrisroe, der stellvertretende Generalsekretär der irischen Polizeigewerkschaft GRA, zeigte sich fassungslos. Er wisse nicht, was in den Köpfen von Teenagern vorgehe, die auf einer Autobahn in die falsche Richtung fahren würden. «Damit spielen sie russisches Roulette mit ihrem eigenen Leben und russisches Roulette mit dem Leben anderer Menschen.»Die irische Polizei registriert zugleich deutlich mehr Geisterfahrten. Bisher zählte sie 2026 insgesamt 62 Fälle. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 47. Das entspricht einem Anstieg von rund 32 Prozent. «Diese Zahlen zeigen, dass diese Täter ausser Kontrolle geraten sind. Das ist kein Trend mehr, sondern eine klare und gegenwärtige Bedrohung für jeden Verkehrsteilnehmer im Land», sagte Morrisroe.Polizei ermittelte bereits gegen die JugendlichenIn Irland untersuchen Ermittler nun, ob wirklich der «joyriding»-Trend der Grund für die tödliche Fahrt ist. Laut Angaben irischer Medien gehörten mindestens drei der Todesopfer zu den aktivsten und problematischsten «Joyridern» des Landes. Gegen alle hatte die Polizei bereits vor dem tödlichen Unfall wegen schwerer Verkehrsdelikte und wegen mehrfachen Autodiebstahls ermittelt.Gegen einen der Jugendlichen hatten die Ermittler bereits eine richterliche Anordnung erwirkt. Damit konnten sie Daten zu seinen zahlreichen Tiktok-Konten sichern. Dort veröffentlichte er Videos seiner riskanten Autofahrten. Laut Angaben der Ermittler filmte er sich während gefährlicher Fahrmanöver. Dazu gehörten auch Geisterfahrten auf Autobahnen entgegen der Fahrtrichtung. Mehrfach entgingen andere Verkehrsteilnehmer dabei nur knapp einem Frontalzusammenstoss.Im Fall von Middlesbrough zeichnet die Polizei ein anderes Bild. Die Cleveland Police fand keine Hinweise darauf, dass die Beteiligten Videos für Tiktok aufgenommen hatten. Das Unfallfahrzeug stand laut der Polizei mit einem zweiten Wagen in Verbindung, der wegen gefährlichen Fahrens aufgefallen war. Beide Fahrzeuge trugen gefälschte Nummernschilder. Die Ermittler nahmen neun Männer und drei Frauen im Alter zwischen 19 und 61 Jahren fest.Politik nimmt Tiktok in die PflichtDie Debatte hat trotzdem die britische Regierung erreicht. «Jeder, der gefährliches Fahren verherrlicht, tut etwas wirklich Verwerfliches», sagte Premierminister Andy Burnham am Montag während eines Besuchs in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Luke Pollard, der Staatsminister im Verteidigungsministerium, teilte mit, die Regierung habe Social-Media-Unternehmen zum Löschen entsprechender Videos auf Plattformen wie Tiktok aufgefordert.Auch in Irland wächst der politische Druck. Der zuständige Medienausschuss lud Tiktok-Vertreter vor. Das Unternehmen sollte erklären, warum solche Videos teilweise lange online bleiben. Tiktok lehnte die Einladung jedoch ab. Das Unternehmen teilte mit, die Plattform verbiete Inhalte, die körperlichen Schaden verursachen könnten, darunter auch gefährliches Fahren. Laut eigenen Angaben entfernt Tiktok 99 Prozent solcher Videos, bevor Nutzer sie melden.Die irische Regierung plant nun härtere Strafen für Geisterfahrer. Zudem will sie Gesetzesvorlagen zum Schutz von Polizeibeamten ausarbeiten, «die Verfolgungsjagden mit Fahrzeugen durchführen». Justizminister Jim O’Callaghan warnte die Geisterfahrer eindringlich vor den Folgen: «Sie landen im Gefängnis. Oder im Grab.»NZZ Live-Veranstaltung: Wunschlos umsorgt, bodenlos informiert – unsere sozialen MedienDas Smartphone und die sozialen Medien haben unsere Kommunikation total verändert. War früher alles formell und langsam, geht es heute locker und schnell. Eine Utopie der Befreiung – doch nur scheinbar.3. September 2026, 18.30 Uhr, NZZ-Foyer, Zürich, und onlineTickets und weitere Informationen finden Sie hierPassend zum Artikel
«Joyriding»: Wenn riskantes Fahren zum tödlichen Social-Media-Spektakel wird
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