Israel bombardiert Syrien und zielt auf die TürkeiJerusalem folgt mit dem Angriff in Idlib einer neuen Doktrin und scheut dabei nicht die Konfrontation mit einem Nato-Staat. In Israel selbst regen sich Zweifel, ob die Rechnung aufgeht.25.08.2026, 13.18 Uhr5 LeseminutenIsrael hat die Start- und Landebahn des syrischen Flugplatzes in Abu al-Duhur zerstört.Pleiades Neo Airbus DS 2026 / HandoutDan Schueftan pflegt einen staubtrockenen Humor. Was vergangene Woche in Syrien geschehen sei, sei vor allem eine Nachricht an die Türkei gewesen, sagt der israelische Sicherheitsexperte, der mehreren Regierungschefs als Berater diente. Im Nahen Osten aber sende man eine solche nicht mit Diplomaten. «Wenn man einen Gesandten braucht, ist ein F-16 oder ein F-35 die bessere Wahl.» So erreiche die Botschaft die andere Seite schneller.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Worauf Schueftan anspielt, ist das Bombardement des Flugplatzes Abu al-Duhur. Israelische Kampfjets hatten den Militärstützpunkt in der syrischen Provinz Idlib am Dienstag der vergangenen Woche attackiert. Getroffen wurden die Start- und Landebahn und offenbar auch Lagergebäude. Die Empörung folgte auf dem Fusse: Damaskus sprach von einem «Akt der Aggression», Washington von einer «unnötigen Eskalation».Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu wiederum erklärte am Abend seine Motive. Sein Land und Syrien hätten in Sicherheitsfragen einen Status quo vereinbart, hiess es in einer Meldung seines Büros. Die Einladung aus Damaskus an Ankara aber, türkische Soldaten dort zu stationieren, werteten die Israeli als bevorstehenden Bruch der informellen Verabredung.Streit ums MittelmeerDamit ist Syrien endgültig zum Schauplatz des israelisch-türkischen Machtkampfs geworden. Angedeutet hatte er sich bereits vor zehn Jahren. Damals rückte die türkische Armee in Nordsyrien ein. Offiziell schützt der Einsatz seither die Grenze vor islamistischen Terroristen und kurdischen Milizen. In Israel hingegen sah man darin immer auch türkischen Expansionsdrang.Zumal sich die beiden Staaten auch andernorts immer wieder in die Quere kommen. Jüngst bot Präsident Recep Tayyip Erdogan etwa an, dass die Türkei im Süden von Libanon Teil einer neuen Sicherheitsordnung werden könnte. Ende dieses Jahres stellt dort die Uno-Truppe Unifil ihre Arbeit ein, die seit 1978 die Grenze zu Israel überwacht. Türkische Soldaten stünden dann an der Nordgrenze Israels.Auch in Gaza hatte Ankara eifrig seine Beteiligung an einer Friedenstruppe angeboten. Israel lehnte brüsk ab. Dabei hielt Donald Trump gerade türkische Soldaten für am ehesten geeignet, die Hamas zu entwaffnen.Am unmittelbarsten aber stehen sich die beiden im östlichen Mittelmeer gegenüber. Dort verfolgt Ankara seit Jahren die Doktrin des «blauen Vaterlands» und beansprucht Seegebiete, die Griechenland und Zypern für sich reklamieren.Vom Gasforum, einem von Israel, Zypern, Griechenland und Ägypten gegründeten Energiebündnis, blieb die Türkei deshalb ausgeschlossen. Wer davon träume, Imperien wiederherzustellen, dem sage er, dass dies nicht geschehen werde, so Netanyahu im vergangenen Dezember.Erdogans Rhetorik wird immer schrillerErdogan keilte seinerseits in den vergangenen Jahren immer wieder zurück. Schon kurz nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 nannte er Israel einen «Terrorstaat». Zwei Jahre später wünschte er, Gott möge «Zerstörung und Elend» über das Land bringen. Anfang Juni legte er dann nach: Israel sei «eine Bedrohung für die gesamte Menschheit».Schueftan erkennt hinter den Taten und Worten des türkischen Staatschefs zwei Motive. Zum einen sei es ein strategisches. Israel erscheine der türkischen Führung zunehmend wie ein Hindernis für Ankaras Anspruch, den eigenen Einfluss im Nahen Osten auszubauen.Dieses neoosmanische Denken ist tief in Erdogans Regierung verankert. Anfang Juni sagte Innenminister Mustafa Ciftci bei einer Veranstaltung der regierenden AKP, die Türkei werde eines Tages Jerusalem «befreien». «So wie einst werden diese Gebiete wieder die unseren sein», sagte Ciftci. Und weiter: «So Gott will, werden sie wieder unter unserer Herrschaft stehen.»Daneben habe Erdogans Feindseligkeit auch ideologisch-islamistische Gründe, glaubt Schueftan. Bis 2010 habe der Präsident sich im Grunde als vernünftiger europäischer Regierungschef gegeben.Dann kam der Vorfall um die «Mavi Marmara», jenes Aktivistenschiff, das die Gaza-Blockade durchbrechen wollte. Bei seiner Erstürmung durch israelische Soldaten wurden zehn türkische Aktivisten getötet. «Dann trat Erdogans tief antisemitisches Element immer stärker hervor», meint Schueftan zu den immer drastischeren Verurteilungen des jüdischen Staates durch den türkischen Präsidenten.Letztlich habe Israel aus dem Hamas-Massaker von 2023 eine wichtige Lektion gelernt. Das Land warte nun nicht mehr darauf, bis seine Gegner angriffen, sondern zerstöre bereits ihren militärischen Aufbau. Das gelte für Gaza, Libanon und nun eben auch für Syrien.Zweifel am Vorgehen der RegierungDoch in Israel gibt es auch Stimmen, die vor den Schwächen der neuen Doktrin warnen, nicht zuletzt mit Blick auf Syrien. Als das Regime von Bashar al-Asad Ende 2024 zusammenbrach, rückten israelische Truppen in die Pufferzone auf den Golanhöhen ein, jenen Streifen, den Uno-Beobachter ab 1974 überwachten. Seither halten sie ihn und einige Gebiete dahinter besetzt.Sicherheit bringe das kaum, schrieb Danny Citrinowicz vom Institute for National Security Studies (INSS) jüngst. Je länger es dauere, desto teurer werde es. Denn ohne politischen Ausweg werde besetztes Land irgendwann zur Bürde. Verstimmt seien darüber nicht nur Damaskus und Ankara, sondern auch Washington und Riad.Sein Vorschlag: Israel solle zum Abkommen mit Syrien von 1974 zurückkehren. Im Gegenzug müsse Damaskus Einschränkungen akzeptieren, für die eigene Aufrüstung wie für die Zusammenarbeit mit der Türkei. Und es müsse verhindern, dass Iran wieder Waffen durch Syrien an den Hizbullah liefere. Kanäle dafür gebe es längst, syrische Spitzenbeamte sprächen direkt mit israelischen Sicherheitsleuten.Auch auf einen zweiten Widerspruch deutet Citrinowicz hin. Israel gehöre zu den wenigen Staaten, die den neuen Machthaber Ahmed al-Sharaa schwächen wollten. Dessen Vergangenheit als Islamist gebe Anlass zur Vorsicht, beurteilen aber müsse man ihn nach dem, was er tue. Bislang suche seine Regierung keine Konfrontation. Würde sie gestürzt, könnte Iran nach Syrien zurückkehren, und das sei das Gegenteil dessen, was Jerusalem erreichen wolle.Droht ein neuer Krieg?Schueftan bleibt indes skeptisch, was ein zurückhaltendes, kompromissbereites Auftreten gegenüber der Nachbarschaft angeht. Verbessern lasse sich die Lage durchaus, sagt er, das habe das Friedensabkommen mit Ägypten gezeigt. Und ja, auch mit Syrien und Libanon seien solche Abkommen künftig möglich. Eine endgültige Lösung aber werde es nicht geben. «Im Nahen Osten gilt: Wenn jemand keine Angst vor dir hat, musst du Angst vor ihm haben.»Das treffe nicht zuletzt auf den türkischen Präsidenten zu. «Erdogan ist ein Barbar, und mit einem Barbaren kann man nur auf diese Weise umgehen.»Auf eine militärische Auseinandersetzung zwischen den beiden Staaten stellt sich Schueftan indes nicht ein. «Ich glaube nicht, dass Erdogan oder irgendjemand sonst in der Türkei so dramatisch verantwortungslos ist, die Dinge in Richtung Krieg zu treiben.»Passend zum Artikel