Deutschlands Regierung trifft sich zur Kabinettsklausur – und die Wirtschaft fordert «Mut zum Schrödern»Die politische Sommerpause ist vorbei, nun soll der «Herbst der Reformen» kommen. Doch schon jetzt sind die Probleme so gross, dass die Ambitionen scheitern könnten.Eric Matt, Berlin25.08.2026, 12.49 Uhr4 LeseminutenBundeskanzler Friedrich Merz hielt vor der Kabinettsklausur eine kurze Rede.Andreas Gora / ImagoDie wohl beste Nachricht erreichte Friedrich Merz noch vor Beginn der zweitägigen Kabinettsklausur. Am Dienstagmorgen meldete das Statistische Bundesamt, dass die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal stärker gewachsen sei als erwartet. Es war genau das Signal, das auch der Kanzler mit der Klausur im Schloss Neuhardenberg in Brandenburg aussenden möchte: Deutschlands Wirtschaft erholt sich, die Bundesregierung stärkt Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit, sichert Wohlstand und Arbeitsplätze.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese Themen werden auch im Fokus des Treffens der Koalitionäre aus CDU, CSU und SPD stehen. Um der Dringlichkeit der Lage gerecht zu werden – Deutschland hat seit sieben Jahren kein nennenswertes Wirtschaftswachstum –, nehmen neben den Ministerinnen und Ministern auch hochrangige Wirtschaftsvertreter an der Klausur teil, die mit Gastvorträgen und Diskussionen eigene Impulse setzen sollen.Vertreter der Wirtschaft fordern «Herbst des Handelns»Merz gab noch vor der Klausur in einer kurzen Rede die Richtung vor: Er wolle «von Praktikern erfahren, wie sie auf die aktuelle Lage schauen», denn die Bevölkerung erwarte zu Recht, «dass die Bundesregierung handelt», sagte der Kanzler und schob nach: «Wir handeln.» All das, was die Koalition im Laufe des Jahres noch vorhabe, werde bei der Kabinettsklausur vorbereitet, sagte Merz.Mit dem Ende der parlamentarischen Sommerpause soll nun also der vielbeschworene «Herbst der Reformen» beginnen. Zwar verkündete Kanzler Merz diesen bereits vor einem Jahr – doch es folgten eher Reförmchen. Damit es diesmal klappt – etwa mit einer Reform der Rente, des Gesundheitssystems oder der Steuern –, hatten verschiedene Akteure aus der Wirtschaft zuvor Druck aufgebaut. Sie waren sich einig, dass es nicht so weitergehen dürfe wie bisher.Das Schloss Neuhardenberg dient immer wieder als Tagungszentrum für wichtige Treffen.Michael Kappeler / DPASo sagte etwa Marie-Christine Ostermann, Präsidentin der Familienunternehmer, die Bundesregierung müsse eine «schlüssige Wachstumsstrategie vorlegen, damit die Unternehmen an die Zukunft des Standortes Deutschland glauben und wieder investieren». Sie meinte, Merz müsse vom Aussen- zum Wirtschaftskanzler werden. Auch Tanja Gönner vom Bundesverband der Deutschen Industrie sagte, die Kabinettsklausur müsse der Auftakt für einen «Herbst des Handelns» sein.Und Wolfgang Grosse Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie, sagte, Deutschland brauche «den Mut zum Schrödern». Die Bundesregierung müsse zeigen, dass sie den Ernst der Lage verstanden habe. Grosse Entrup forderte daher eine «Agenda 2030» in Anlehnung an die Agenda 2010 unter dem damaligen sozialdemokratischen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Das Schloss Neuhardenberg liefert hierfür zumindest symbolische Unterstützung: Im Jahr 2003 tagte hier auch die Regierung Schröder.Die Sommerpause war selten eine PauseEs wird jedoch nicht nur um wirtschaftliche Themen gehen. Wie aus Regierungskreisen zu hören ist, soll das Treffen auch Gelegenheit bieten, in einer neuen Regierungskonstellation intensiv und an einem Ort zusammenzuarbeiten und so neues Vertrauen aufzubauen. Denn die politische Sommerpause wurde ihrem Namen kaum gerecht. Nachdem der damalige Unionsfraktionschef Jens Spahn wegen seiner Entscheidung zur Leihmutterschaft von seinem Posten zurückgetreten war, hatte Kanzler Merz sein Kabinett rigoros umgebaut. Dies führte zu grosser Kritik und zu parteiinternen Streitigkeiten, wie sie die Union selten gesehen hatte. Die ohnehin angekratzte Autorität des Kanzlers erodierte weiter.Wenige Tage später gab es die nächste Belastungsprobe: Die CDU-Ministerpräsidenten Michael Kretschmer aus Sachsen, Sven Schulze aus Sachsen-Anhalt und Mario Voigt aus Thüringen stellten sich gegen ihre eigene Partei und sprachen sich in einem gemeinsamen Papier dafür aus, die Rente mit 63 doch nicht abzuschaffen. Genau das jedoch hatte Merz mit der sozialdemokratischen Arbeitsministerin Bärbel Bas wenige Wochen zuvor beschlossen und mitgeteilt, die Regierung wolle alle von einer Rentenkommission erarbeiteten Vorschläge umsetzen. Die Debatte über die Rente mit 63, die inzwischen vor allem Sozialdemokraten antreiben, schwelt seitdem weiter und dürfte auch auf Schloss Neuhardenberg besprochen werden.Weitere Themen, die während der politischen Sommerpause dringenden Handlungsbedarf erforderten, waren Sicherheit und Klimaschutz. Denn am Leipziger Flughafen wurde eine mit militärischem Sprengstoff beladene Drohne gefunden, die Diskussionen über Deutschlands Wehrhaftigkeit und den Schutz von kritischer Infrastruktur beförderte. Zudem sorgte die Dürreperiode für historisch niedrige Pegelstände wichtiger Flüsse, die für die gesamte Volkswirtschaft hohe Risiken bergen. Auch diesen Problemen möchte sich die Regierung bei der Kabinettsklausur widmen. Merz sagte vor der Klausur, er wolle aus der Hitzewelle «Schlussfolgerungen mit konkreten Entscheidungen» ableiten.Am Dienstag und Mittwoch tagen die Koalitionäre aus CDU, CSU und SPD.Pool / Getty Images EuropeEin Thema, das nicht auf der offiziellen Tagesordnung steht, die Ministerinnen und Minister aber dennoch intensiv beraten dürften, sind die in wenigen Wochen anstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Vor allem die Wahl des Landesparlaments von Sachsen-Anhalt am 6. September treibt Deutschland seit Monaten um. Denn dort könnte die AfD mit absoluter Mehrheit gewinnen und erstmals den Ministerpräsidenten stellen.Bei der abschliessenden Pressekonferenz am Mittwochmittag dürfte Kanzler Merz daher alles daransetzen, politische Entschlossenheit zu signalisieren.Passend zum Artikel
«Mut zum Schrödern»: Deutschlands Kabinettsklausur steht im Zeichen der Wirtschaft
Die politische Sommerpause ist vorbei, nun soll der «Herbst der Reformen» kommen. Doch schon jetzt sind die Probleme so gross, dass die Ambitionen scheitern könnten.











