Zutritt nur für Schwarze: Der Theatermacher Matthias Lilienthal setzt auf den Shitstorm. Nicht zum ersten MalNoch bevor er eine Theaterproduktion zeigte, hat der designierte Intendant der Berliner Volksbühne mit seinem «Volksbad» für einen Skandal gesorgt. Damit buhlt er um Aufmerksamkeit.Bernd Noack25.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenMatthias Lilienthal setzt sich gerne als Rächer in Szene.Clemens Bilan / EPAWer sich den Theatermacher Matthias Lilienthal in die Stadt holt, muss über kurz oder lang mit Unannehmlichkeiten rechnen. Eher früher als später. So geschehen vor zehn Jahren in München. Und gerade eben in Berlin. Denn noch bevor der 66-Jährige sein Amt als Intendant der Volksbühne angetreten hat, sorgt er hier mit seinem «Volksbad» für Ärger.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Neue Stellen tritt Lilienthal stets mit Paukenschlägen an, die zwar zunächst dröhnen, aber keinen bleibenden Nutzen hinterlassen. Eine Aktion 2015 an den Münchner Kammerspielen nannte er «Shabbyshabby Apartments». Sie war gedacht als Protest gegen horrende Mieten und fehlenden Wohnraum. So wurden einfache Hütten und Unterkünfte aus Schrottmaterialien hergestellt, die dann an markanten Stellen in der Stadt standen. Meist da, wo sie störten. Man konnte sich in die schäbigen Unterkünfte einmieten, für 35 Euro die Nacht.Es hagelte Kritik. Dieser pompös aufgezogene Einstand war auch nicht mehr als ein Abenteuerspielplatz für Pseudointellektuelle. Sie zogen in die von schlecht bezahlten Künstlern erbauten Hütten und merkten nicht, dass sie sich wie Prekariatstouristen benahmen: sich einmal fühlen wie ein Obdachloser im rauen München! Nachhaltig war diese Aktion nur in einer Hinsicht: Sie brachte den Namen Matthias Lilienthal gross heraus.Der erwartete ShitstormJetzt hat Lilienthal vor der Berliner Volksbühne, wo er im Herbst die Leitung antreten wird, also ein grosses Schwimmbecken aufstellen lassen. Gedacht wiederum nicht etwa fürs reine Vergnügen, sondern als Anklage gegen Missstände: «Die Hälfte der Hallen- und Freibäder ist zu, die Schulen sind mit Asbest verseucht, die Bahnen und Busse fahren unregelmässig», sagte Lilienthal. «Und da haben wir gedacht, wir helfen dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner und ergänzen das Angebot der Berliner Bäderbetriebe um ein zusätzliches Volksbad.»Aber dabei liess es der Möchtegernbademeister mit dem Luxuslohn nicht bewenden. Als bekanntwurde, dass das «Volksbad» an einem Tag für ein paar Stunden exklusiv für Schwarze reserviert werden sollte, sorgte die gezielte Provokation prompt für den nächsten Shitstorm. Man stelle sich den Unsinn vor: dunkelhäutige Badegäste beäugt von weissen Gaffern! Dem Intendanten wurden aber nicht nur Diskriminierung und die Instrumentalisierung von Minderheiten vorgeworfen, sondern auch die Verschwendung von Subventionen. Das Bad kostet 300 000 Euro. Aus der Theaterszene wurde angemerkt, dass ein Theater aus der freien Szene mit so viel Geld eine ganze Saison bestreiten könnte.Lilienthals Startschuss ist nach hinten losgegangen, in den deutschen Medien wird er allenthalben kritisiert. Im Nachrichtensender Welt TV etwa plädierte der Journalist Hans-Ulrich Jörges vehement für eine Entlassung Lilienthals noch vor einer ersten Theaterproduktion – weil er «die Grenzen des Akzeptablen im öffentlich finanzierten Kulturbetrieb überschritten» habe. Der Kritisierte kontert gewohnt schnoddrig: «Die Volksbühne versteht unter theatralischen Events auch, wenn sich zwei Leute nass spritzen.» Wirklich? Die Aussage schmälert die Vorfreude auf den kommenden Spielplan, denn es klingt eher nach Kindergeburtstag als nach wirklicher Bühnenkunst.Was also hat das noch mit Theater zu tun? Es sollte die Kernaufgabe Matthias Lilienthals sein, die Volksbühne, in der schon Erwin Piscator für Furore sorgte und später Frank Castorf jahrelang mit Kontroversen irritierte, ab Herbst wieder mit Theater zu beleben. Aber auf so profane Aufgaben möchte sich der gebürtige Berliner nicht zurückbinden lassen. Seinen Wirkungsbereich sieht er weit über die Bühnenrampe hinausragen. Gemütliche Unterhaltung ist ihm ebenso ein Dorn im Auge wie bürgerliche Hochkultur. Regietheater, das sich klassisch auf die Vermittlung von Text und Literatur konzentriert, bezeichnete er in der Vergangenheit gerne mal als «Kunstkacke».Der UnvollendeteDabei begann Matthias Lilienthal seine Theaterkarriere einst solide als Regieassistent am Wiener Burgtheater. Er war Dramaturg in Basel unter Frank Baumbauer und wurde von Castorf an die Berliner Volksbühne geholt. Bis 1998 wirkte er hier bereits als Chefdramaturg und stellvertretender Intendant. Er organisierte später auch das Festival Theater der Welt in Mannheim, reiste für Monate nach Beirut, um mit jungen Künstlern zu arbeiten. Unter ihm wurde das Theater Hebbel am Ufer (HAU) 2012 zum «Theater des Jahres».Dann kam 2015 seine Intendanz in München, wo er in den Kammerspielen experimentelle Theatergruppen wie She She Pop oder Rimini-Protokoll und junge, innovative Regisseure wie Christopher Rüping förderte. Nach anfänglichen Berührungsängsten lobte die Kritik zwar Lilienthals Engagement und Wagemut. In München aber wurde das Aufrührerische des Intendanten, der «Stadttheater mit einem internationalen Produktionshaus kreuzte» («Theater heute»), bereits skeptisch beäugt.2020 verliess er München als der «Unvollendete», wie die «Süddeutsche Zeitung» schrieb, als der Intendant seinen Vertrag nicht mehr verlängern wollte. Er sei einer, «der lieber geht, bevor er ankommt». Seine Kritiker begrüssten den Entschluss. Tatsächlich hatte die CSU-Fraktion im Stadtrat selber gegen eine Vertragsverlängerung votiert. Allerdings war der Intendant ihr zuvorgekommen.Matthias Lilienthal gibt sich meist als kumpelhafter Nonkonformist, der sein Outfit wie eine Uniform trägt: wirres Haar, eine etwas massige Figur, eine Jeans, die ihm in den Kniekehlen hängt. Dabei sitzt ihm das Du stets locker auf der Zunge – im Austausch mit seinen Kritikern zumal, denen er rasch unterstellt, seine Konzepte nicht zu verstehen. Im Gespräch spürt man zumeist wenig von den kleinen Bomben, die in seinem Oberstübchen ticken.Lilienthal aber ist ein Altlinker, beseligt von radikalen politischen Zielen – einer, der das Land von Rechtsradikalismus bedroht sieht und dieser Entwicklung mit Kunst gegensteuern will. Das Theater, sagt er, «ist eine der gesellschaftlichen Ausdrucksformen, in der Politik verhandelt und bis zu einem gewissen Grad auch gemacht wird. Wie wir miteinander auskommen, muss nicht nur verhandelt, sondern auch ausprobiert werden – in der Realität, die das Theater erzeugt.»Eine Art PersonenkultDass er überhaupt noch einmal zurückkehren würde an seine alte Wirkungsstätte Volksbühne – unterstützt von der Event-Fachfrau Florentina Holzinger im Führungsteam –, damit hatte Lilienthal nicht gerechnet: «Nicht im Traum», meinte er einmal in einem Interview. Aber die Volksbühne scheint in sein Konzept zu passen, weil man sich hier nicht «mit ein paar Klassikern durchmogeln» könne. In seiner ersten Spielzeit wird nun unter anderem Rimini-Protokoll ein Projekt über das Wendejahr 1989 zeigen, auch Christopher Rüping wird erstmals hier inszenieren.Aber der Mann, der sich oft leise-charmant im Hintergrund bewegt, muss sich immer wieder selbst in Szene setzten. Vielleicht wird er gelegentlich eine Skisprungschanze, einen Golfplatz oder eine Hüpfburg vor der Volksbühne realisieren, weil er den Hype um seine Person braucht. Und er liebt die Rolle des Rächers, der sich scheinbar für die Entrechteten einsetzt, diese aber stets für den eigenen Ruhm vereinnahmt. Thomas Bernhard sah einen Theatermacher stets in der Rolle eines «Fallenstellers» – die Möglichkeit aber, dass Matthias Lilienthal in seine eigene Falle hineinfällt, ist immer gegeben. Und die Freude über die grösstmögliche Aufmerksamkeit, die er mit seiner Plansche in Berlin erzielt hat, könnte von kurzer Dauer sein.Passend zum Artikel
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