KommentarPro ArtikelWolfgang SachsenröderWie kann ein Inselstaat mit lediglich 736 Quadratkilometern zu einem global erfolgreich operierenden Player werden, der mit seinem Bruttoinlandprodukt fast alle südostasiatischen Nachbarn in den Schatten stellt? Von Singapurs steilem Aufstieg wäre zu lernen.25.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenPool mit Aussicht: Blick das boomende Singapur vom Dach des Hotels Marina Bay Sands, 2012.Munshi Ahmed / Bloomberg / GettyWie die Schweiz in Europa ist Singapur in Asien ein ganz spezieller und nur aus der Historie zu verstehender Fall: ein Glücksfall.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als Singapur 1965 aus der malaysischen Föderation ausgeschlossen wurde, war sein Überleben als Stadtstaat ohne Ressourcen und mit hoher Arbeitslosigkeit alles andere als gesichert. Allerdings haben seine geografische Lage an der Strasse von Malakka, einem der weltweit wichtigsten Seewege, und seine Tradition als Freihafen die Entwicklung zum heutigen Handels- und Finanzzentrum erleichtert.Den politischen Kurs bestimmte der legendäre erste Premierminister, Lee Kuan Yew, mit einem Kabinett aus Chinesen, Malaien und Indern, den grossen ethnischen Gruppen der Insel. Wegen oder trotz der chinesischen Dreiviertelmehrheit setzte das Team auf ethnische Ausgewogenheit. Malaiisch wurde zur Nationalsprache, Englisch, Mandarin und Tamil zu gleichberechtigten Amtssprachen. Amtliche Verlautbarungen und Dokumente sind viersprachig.Eine DaueraufgabeEnglisch hat sich als Umgangssprache weitgehend durchgesetzt, mit dem Aufstieg Chinas wird Mandarin inzwischen immer wichtiger. Vorurteile unter den Gruppen bleiben oder entstehen immer wieder neu, deshalb bleibt «Racial and Religious Harmony» als staatliches Prinzip und politisches Projekt eine Daueraufgabe. In der Praxis bedeutet das eine ethnische Quotierung im öffentlichen Wohnungsbau ohne Ghettos, gleiche Bildung für alle vom Kindergarten bis zur Universität und strafrechtliche Konsequenzen bei Hetze.Während die Bandung-Konferenz von 1955 noch über Blockfreiheit und Distanz zu den ehemaligen Kolonialherren diskutierte, setzte Singapur von Anfang an auf den Westen. Beraten wurde die Regierung Lee Kuan Yew von dem niederländischen Ökonomen Albert Winsemius. Zu den von ihm angeregten Richtungsentscheidungen gehörten vor allem eine exportorientierte Industrialisierung mithilfe ausländischer Investitionen und eine ergebnisorientierte Bildungspolitik, um das notwendige Arbeitskräftepotenzial zu schaffen. Eine kompetente Verwaltung ohne Korruption und eine allgemeine Rechtssicherheit sollten die wirtschaftliche Entwicklung als Standortvorteile unterstützen.Das Nachbarland Malaysia, das ganz ähnliche Startvoraussetzungen hatte, liegt heute weit zurück.Lee, der in Cambridge Jura studiert hatte, setzte diese Konzepte politisch um. Im Vergleich mit den Nachbarländern Malaysia und Indonesien, die nach mehr als 300 Jahren Kolonialherrschaft ihre Souveränität als multiethnische und multireligiöse Nationalstaaten erst konsolidieren mussten, entwickelte sich das Konzept zum Wettbewerbsvorteil. Heute unterhalten zahlreiche Weltkonzerne in Singapur ihre Regionalbüros, wirtschaftsfreundlicher kann ein Standort kaum sein. Lesenswert bleibt Lee Kuan Yews im Jahr 2000 veröffentlichtes Buch «From Third World to First». Genau das hat Singapur in der Tat in einer Generation geschafft. Die innenpolitische Konsolidierung in den Aufbaujahren nach 1965 war zunächst problematisch. Die People’s Action Party (PAP), 1954 gegründet, gewann die ersten Wahlen 1959 und schaltete zunächst die sozialistischen Elemente aus, die durch ihren Kampf gegen die japanische Besetzung und gegen die britische Kolonialherrschaft populär waren. Bis heute hat die PAP in allen Wahlen die absolute Mehrheit behalten, unter einer Vielzahl kleiner Oppositionsparteien spielt heute nur die Workers’ Party mit 12 von 108 Sitzen eine Rolle im Parlament.Vertrauen gewann die PAP durch die effiziente und korruptionsfreie Verwaltung und die Schaffung von Wohnraum für alle durch eine staatliche, aber marktwirtschaftlich arbeitende Baugesellschaft. Heute liegt die Eigentumsquote bei 90 Prozent, Design und Ausstattung der Wohnungen werden ständig verbessert. Hinzu kamen die Bildung für alle und die Vollbeschäftigung durch eine immer auf Mehrwert und Innovation vorausschauend planende Wirtschaftspolitik. Streiks gibt es nicht, die Regierung vermittelt bis jetzt erfolgreich zwischen den Arbeitgebern und der staatsnahen Dachgewerkschaft National Trades Union Congress.Effizienter PragmatismusUnter Lee Kuan Yew, der 1990 nach 31 Jahren im Amt zurücktrat, wurde Singapur im Westen oft als autoritär gerügt. Er konnte in der Tat hart für seine Überzeugungen eintreten, aber das eigentliche Erfolgsrezept der Partei bleibt ihre pragmatische Politik in Verbindung mit der effizienten Verwaltung. Dadurch wurden auch die Spitzengehälter ihrer Politiker weniger kontrovers. Mit einem Jahresgehalt von fast 1,5 Millionen Euro ist der Premierminister der höchstbezahlte gewählte Regierungschef weltweit.Aber selbst in Singapur reicht die Bezahlung allein nicht immer als Korruptionsprävention aus. Im vorigen Jahr verlor ein Minister Amt und Freiheit, weil er Geschenke, Privatflüge in Firmenjets und VIP-Unterkünfte angenommen hatte. Auf der überschaubaren Fläche des Stadtstaats und mit wöchentlichen Bürgersprechstunden für alle Parlamentarier ist die politische Klasse nah am Puls der Wähler.Ein gelegentlich gehörter Vorwurf lautet, dass die PAP sich schon für die beste Lösung entschieden hat, bevor das Problem in der Öffentlichkeit erkannt wird. Da ist von «Nanny State» und Überregulierung die Rede, aber wer die Vernachlässigung ganzer Problembereiche in anderen Ländern kennt, kann das nur als Stärke interpretieren.Entscheidend für die Zufriedenheit der rund 6 Millionen Bürger ist neben Sicherheit, Arbeitsplatz und Wohnung auch der Zustand der öffentlichen Finanzen. Von der niedrigen Einkommensteuer von maximal 24 Prozent, der Unternehmenssteuer von 17 Prozent und der Mehrwertsteuer von 9 Prozent können Europäer nur träumen. Die laufenden Haushaltsausgaben werden zum Teil aus Ersparnissen finanziert, die in zwei marktwirtschaftlich operierenden Staatsfonds angelegt sind. Zusammen verwalten sie etwa 1,3 Billionen Euro, hinzu kommen die Währungsreserven der Monetary Authority of Singapore.Daher können notwendige Investitionen, etwa der Ausbau des U-Bahn-Netzes, immer in bester Qualität finanziert werden. Für soziale Hilfen bleibt genug übrig, etwa die subventionierte Gesundheitsfürsorge, vor allem für ältere Singapurer, Zuschüsse und Darlehen beim Kauf der ersten Wohnung für Jüngere oder kostenlose Impfungen. Den relativ wenigen Armen wird geholfen, aber ein Prekariat gibt es nicht.All das gilt ausschliesslich für die eigenen Staatsbürger. Singapur beschäftigt rund 2 Millionen Gastarbeiter aller Art, vom Bauarbeiter bis zum KI-Spezialisten. Alle werden weit besser bezahlt als zu Hause, aber nur wenige bekommen eine Chance auf ein Bleiberecht oder eine Einbürgerung. Die Insellage und eine gut organisierte Polizei machen illegale Migration praktisch unmöglich.Sicherheit und OrdnungKann man die Nachbarländer in Südostasien mit Singapur vergleichen? Selbst mit 6 Millionen Einwohnern sollten Städte eigentlich leichter zu regieren sein als Flächenländer mit 35 Millionen wie Malaysia, 71 Millionen wie Thailand oder 285 Millionen wie Indonesien. Die Verwahrlosung ganzer Stadtbezirke in europäischen Metropolen lässt da allerdings Zweifel aufkommen. Auch die rapide Modernisierung ländlicher Gebiete in China spricht eher dafür, dass Gestaltungswille, Durchsetzungskraft und die notwendigen Finanzmittel den Unterschied machen.Malaysia, das nach der Unabhängigkeit und der Trennung von Singapur ganz ähnliche Startvoraussetzungen hatte, liegt heute weit zurück. Statt die grossen, von der britischen Kolonialverwaltung importierten ethnischen Minderheiten zu integrieren, hält Malaysia an speziellen Vorteilen für die malaiische Mehrheit fest und lässt ethnische Schulen für Chinesen und Inder weiterbestehen.Das Parteiensystem ist ethnisch dreigeteilt, und die malaiischen Parteien konkurrieren untereinander und versuchen gemeinsam, eine islamistische Partei, die in einem der dreizehn Bundesstaaten seit 1990 an der Macht ist, auf der nationalen Ebene nicht zu stark werden zu lassen. Deshalb wechseln sich instabile Koalitionen ab, das beträchtliche wirtschaftliche Potenzial des Landes wird bei weitem nicht ausgeschöpft. Korruption ist verbreitet, ihr Ausmass zeigte der Skandal um einen Staatsfonds, von dem mehr als 4 Milliarden Euro in private und Parteikanäle umgeleitet wurden. Der mitverantwortliche damalige Premierminister sitzt seit 2022 im Gefängnis.In der Gesamtentwicklung ist Singapur den Nachbarländern weit voraus. Rechnet man mit dem Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf, liegt der Stadtstaat mit 99 000 US-Dollar vorn. Malaysia folgt weit dahinter mit 13 400, Thailand mit 8100 und Indonesien mit 5100. Zum Vergleich: In der Schweiz sind es 115 600 Dollar und in Deutschland knapp 60 000. Der Unterschied zu Europa ist nicht nur finanzieller Art. Sicherheit, Sauberkeit und Ordnung, die in den USA und Europa inzwischen schwerer zu finden sind, wurden für Singapur zum Markenzeichen.Derweil zeichnet sich mit dem Zerfall der von den USA garantierten globalen Weltordnung für den Stadtstaat eine neuartige sicherheitspolitische Bedrohung ab. Wie die Strasse von Hormuz liesse sich die vielbefahrene Meerenge von Malakka mit militärischen Mitteln leicht blockieren. Die maritime Engstelle stellt für die Weltwirtschaft eine Achillesferse dar, und ein Krieg zwischen den USA und China über Taiwan könnte Singapur mit in den Abgrund ziehen. Zwar arbeitet Singapur mit Washington eng bei Verteidigungsfragen zusammen, und das singapurische Militär ist mit amerikanischen Waffen ausgestattet, doch ein Schutzschirm ist das nicht. So wie die Schweiz ist Singapur schlecht aufgestellt für eine Welt, in der sich gegen Recht und Ordnung zunehmend Präpotenz und Gewalt durchsetzen.Wolfgang Sachsenröder lebt als Politikberater in Singapur und forscht und publiziert über Parteien in Südostasien.Passend zum Artikel
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