Nach dem Manus-Debakel: Singapur büsst seine Rolle als sicherer Hafen für Startups aus China einDer neutrale Stadtstaat war bisher die perfekte Fluchtburg für junge chinesische Tech-Firmen, die ihre Herkunft verschleiern wollten. Doch nach dem spektakulären Verkauf des KI-Pioniers Manus an Meta schlägt Peking mit drastischen Gesetzen zurück – und Singapur wird vorsichtig.06.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenKanufahrer vor der Marina Bay, dahinter das prestigeträchtige Finanzviertel von Singapur. Einige chinesische Firmen ziehen allerdings weniger glamouröse und unauffälligere Adressen vor.Ore Huiying / Bloomberg / GettyIn Singapur lassen sich viele Tech-Firmen aus China im prestigeträchtigen Finanzviertel nicht weit von der malerischen Marina Bay nieder. Darunter sind chinesische Technologieriesen wie Alibaba, Tencent und Bytedance, die von dort Teile ihres internationalen Geschäfts steuern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nicht so das Startup Manus. Für ihre Büros wählte die chinesische KI-Firma eine auffällig unauffällige Adresse. Sie bezog im Juli vergangenen Jahres Räume in Chinatown, fernab vom Glanz und Glitzer des südostasiatischen Inselstaates.109 North Bridge Road lautet die offizielle Adresse von Manus in Singapur. Dahinter verbirgt sich zunächst eine Shoppingmall. Links neben dem Eingang hat sich ein McDonald's-Restaurant eingemietet, dahinter liegen Schuhgeschäfte, Jeansläden und ein Coffee-Shop. Offenbar sollte niemand, vor allem nicht die chinesische Regierung, von der Präsenz der Firma in Singapur erfahren.Dass Manus seinen Hauptsitz vor knapp einem Jahr von China nach Singapur verlegte, hatte einen einfachen Grund: Das Startup wollte seine chinesische Herkunft abstreifen und sich so einen leichteren Zugang zu amerikanischem Venture-Capital sichern. Denn die US-Behörden prüfen penibel jedes amerikanische Investment in chinesische Firmen. Bereits im April vergangenen Jahres hatte Benchmark, ein Fonds aus dem Silicon Valley, 75 Millionen Dollar bei Manus investiert – unbemerkt von den US-Behörden.Singapurs Regierung ist wachsamManus’ Umzug nach Singapur hat sich gelohnt – die Bewertung des nicht kotierten Startups, dessen Titel aber an Sekundärmärkten wie Hive gehandelt werden, schoss von 500 Millionen Dollar auf 2 Milliarden Dollar in die Höhe. Im Dezember 2025 verkauften der Gründer Xiao Hong und sein Partner die Firma mit chinesischen Wurzeln schliesslich an den Facebook-Mutterkonzern Meta. Chinas Regierung war alarmiert und versucht seit April eine Rückabwicklung des Verkaufs zu erzwingen.«Singapore-washing» lautet die Bezeichnung für die Praxis, bei der chinesische Firmen, die ihre Herkunft verschleiern wollen, ihren Hauptsitz in den neutralen Inselstaat verlegen. Die Singapurer Regierung beobachtet solche Verlagerungen allerdings seit einiger Zeit mit grosser Wachsamkeit. Denn sie möchte Ärger mit zwei ihrer wichtigsten Handelspartner – China und den USA – vermeiden.«Wenn die Chinesen mit guten Firmen kommen, Arbeitsplätze schaffen, gute Saläre zahlen und Technologie und Märkte mitbringen, sage ich ‹Kommt doch›», sagte der frühere Premierminister Lee Hsien Loong 2024, «wir möchten aber wissen, woher sie kommen und welche Vorgeschichte sie haben.»Singapur pflegt seit vielen Jahrzehnten enge Beziehungen zu den USA. Bereits während der 1960er Jahre verlegten amerikanische Chiphersteller auf der Suche nach billigen Arbeitskräften Produktionsstrassen in den Inselstaat. Im Zuge des KI-Booms wurde Singapur zu einem bedeutenden Drehkreuz für die Lieferketten der Amerikaner. Auch in der Verteidigungspolitik arbeiten die beiden Länder seit Jahrzehnten eng zusammen.Diener zweier HerrenDoch in dem Masse, in dem China zu einer wirtschaftlichen Supermacht heranwuchs, vertieften Singapur und das Riesenreich im Norden ihre Beziehungen. Singapur köderte Firmen aus China mit der Reputation der Neutralität, mit ungehindertem Zugang zu internationalem Kapital und einem relativ lockeren regulatorischen Rahmen.«Doch jetzt, da Washington und Peking die Auswirkungen von KI auf die nationale Sicherheit erkennen und den Zugang zu Technologie als Waffe einsetzen, merkt Singapur, dass es nicht der Diener zweier Herren sein kann», schreibt Alexander Still, Analyst für Geopolitik am National Strategy Project in Grossbritannien.Im Singapurer Parlament formiert sich bereits Widerstand gegen Praktiken, wie sie das Startup Manus an den Tag legte. «Man kommt nicht umhin zu glauben, dass Singapurs Geschäftsklima in opportunistischer Weise ausgenutzt wurde, um bestimmte Ziele zu erreichen», sagte Andre Low, Abgeordneter der Opposition, nachdem Meta die Firma übernommen hatte.Kritik von der politischen OppositionLow wollte zudem wissen, ob die Regierung Überlegungen anstelle, um Firmen davon abzuhalten, Singapur als sicheren Hafen zu nutzen, wenn sie der Stadt keinerlei Nutzen bringen.Die Diskussion um die Rolle Singapurs im geopolitischen Ringen der USA und Chinas ist voll entbrannt. Startups aus China dürften es sich fortan zweimal überlegen, ob sie ihren Hauptsitz in den südostasiatischen Inselstaat verlegen. «Es werden noch Startups kommen», sagt Wang Dan, China-Direktorin der Eurasia Group in Singapur, gegenüber der NZZ, «allerdings nur in einem sehr frühen Stadium der Entwicklung.»Manus hatte zum Zeitpunkt seines Umzugs bereits ein hochkomplexes und leistungsfähiges KI-Tool entwickelt und damit das Interesse des amerikanischen Meta-Konzerns auf sich gezogen.Darüber hinaus beobachtet Wang, dass chinesische Im- und Exportfirmen Singapur nach wie vor als sicheren Hafen nutzen. «Sie wollen sich für den Fall absichern, dass der Westen China eines Tages mit umfassenden Sanktionen belegt», sagt die Expertin.Reiseverbote für ToptalenteChina selbst setzt inzwischen alles daran, Umzügen wie demjenigen des Startups Manus einen Riegel vorzuschieben. Ende Mai erliess die Regierung Richtlinien, die Führungskräften privater Firmen der KI-Industrie Reisen ins Ausland verbieten. Damit will Peking offenbar den Abfluss von kritischem Know-how verhindern.Bereits in der Vergangenheit hatte die chinesische Regierung prominenten Forschern, etwa Wissenschaftern aus der Nuklearforschung oder Spitzenmanagern in staatlichen Konzernen, Auslandsreisen verboten. Die betroffenen Personen müssen den Behörden in der Regel ihre Pässe übergeben. Dass die Regierung die Reisebeschränkungen jetzt auf private Unternehmen ausdehnt, ist neu.Das neue Reglement birgt allerdings Risiken. Für KI-Firmen des Privatsektors könnte es künftig schwieriger werden, Talente zu rekrutieren und zu halten.Firmen müssen jeden Transfer beantragenAnfang Juni ergänzte die Regierung die neuen Regeln um ein Gesetz, das es in sich hat und weitreichende Folgen für den chinesischen Tech-Sektor haben dürfte. Die Order des Staatsrates mit der Nummer 837 ist ein Paragrafenwerk mit 34 Artikeln, das bei einem möglichen Transfer von Daten, Technologie, Talenten, Know-how und Kapital ins Ausland umfassende Kontrollen vorsieht.Damit müssen Firmen jeden grenzüberschreitenden Transfer von Personal, Daten oder Know-how bei den Behörden beantragen. Das Gesetz ist am 1. Juli in Kraft getreten. «Es war schon länger in der Vorbereitung, der Verkauf von Manus an Meta hat die Verabschiedung aber beschleunigt», sagt die Eurasia-Group-Expertin Wang Dan.Ausreiseverbot für die Manus-GründerDas rabiate Vorgehen der chinesischen Regierung zeigt einmal mehr, dass Peking Technologie, vor allem KI, längst nicht mehr nur als geschäftlichen Wert, sondern vielmehr als Waffe im geopolitischen Kräftemessen betrachtet.An der Nummer 109 North Bridge Road in Singapur, der Adresse von Manus, fehlt von dem Startup indes jede Spur. Die Firma gebe es dort nicht, erklärt der Concierge. Offenbar hat Manus seine Zelte inzwischen abgebrochen.Der Gründer Xiao Hong und sein Partner sind seit einigen Monaten zurück in China – und werden dort vermutlich noch eine Weile bleiben: Die Regierung hat gegen die beiden Männer ein Ausreiseverbot verhängt.Passend zum Artikel