PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftArtikeltyp:MeinungItalienurlaubDie Deutschen sind gut an der Arbeit, die Italiener besser danachVon Konstantin ArnoldStand: 21:56 UhrLesedauer: 6 MinutenColosseum, Vespas: Ein Italiengefühl, das Deutsche gern kaufenQuelle: Remo Casilli/REUTERSIm Norden zählt das Ziel, im Süden oft eher der Weg dorthin. Urlaubsgedanken über Feierabende, gut vergeudete Zeit und die Frage, warum italienische Gelassenheit so schwer zu exportieren ist.Man sieht braungebrannte Opis mit offenen Helmen auf alten, keuchenden Vespa-Silberdingern, die sich mit Zigarillo im Mundwinkel die Berge hochkämpfen und für Entspannung sorgen. Halb Bauer, halb Prophet, deren Primavera seit den 70ern vor der gleichen Schenke an einer Straße steht. Junge Typen, die locker und elegant an einem vorbeifahren, wenn man im Stau steht und flucht. Er im offenen Hemd, sie mit nassen Haaren vom Strand. Im Innenraum eines Autos könnte man wahnsinnig werden. Im Süden ist das Leben mehr Kurve als Gerade. An allen Ecken lauern Unterhaltungen, die dich ins Nichts führen und heiter machen, bis man denkt, das Leben bestünde nur aus Mittagspausen und Wein. Aus dicken Olivenölmuttis, die aus großen romantisch verwilderten Einfahrten winken, deren Tore über endlose Alleen zur Erfüllung südländischer Träume führen.Vespa ist 80 geworden. Eine Vespa ist mehr als ein Motorroller. Man sagt Vespa wie man Ferrari sagt und nicht Auto. Eiscreme, Gucci, Pasta, Caffè. Dinge, die zu jenem Italiengefühl gehören, das sich die Deutschen gern kaufen.Doch lässt sich das Gefühl von Baden-Baden bis nach Greifswald imitieren? Die hohen Temperaturen dieses Sommers ließen offene Hemden jedenfalls bis in die Abendstunden zu. Das macht Hoffnung.Lesen Sie auchDas Deutsche und das Italienische unterscheiden sich nicht nur in ihren Klischees, sondern vor allem im Alltag. Das Geheimnis liegt in den Tagen, die sind wie alle anderen Tage. Die Deutschen sind gut an der Arbeit, die Südländer besser danach. Und umgekehrt. In Südeuropa arbeitet man im Blaumann, schraubt oder steht in der Scheiße und setzt sich nach Feierabend im Anzug auf einen schönen Platz. Ist ganz da. Sitzt im Schatten, trinkt eine Flasche Wein und wartet auf jemanden, mit dem man sie teilen kann. Ende der Aktion. Vielleicht weht noch eine Zeitung über den Platz. In Deutschland fährt man morgens geschniegelt auf dem Fahrrad zur Arbeit, isst mittags kalt aus dem Plastikcontainer und hat immer etwas vor. Man sitzt nicht einfach herum. Man nimmt sich selten die Zeit, sie zu vergeuden.Lesen Sie auchWährend die Vespa in Italien Teil der Kulisse ist, wird sie im deutschen Straßenverkehr zum trotzigen Statement gegen die Effizienz. Alles kann, nichts muss. Gutes Essen, Muße und Mode werden dabei vielleicht genauso verklärt wie in diesem Text. Wenn dir in Italien jemand Lichthupe gibt, dann warnt er dich vor dem Blitzer. In Deutschland freut man sich, dass der Trottel vor einem erwischt wird. Italien kennt kein Wort für Schadenfreude und keine Gewerbegebiete. Zumindest fühlt es sich so an.Alles aber immer noch besser, als Leute, die einen auf Italiener machen und in engen Hosen und schmalen Schuhen vor einem Spritz in Bayern sitzen, von ihren Toskana-Ferien erzählen und sie „Urlaub“ nennen. Man gilt schnell als Exot, vor allem in der Provinz, so wie Berlin, wo wirklich jeder willkommen ist, aber niemand, der nicht so aussieht wie jeder.Es regieren die, die nie ganz auswandern können und jene Deutschen um sich brauchen, von denen sie sich abgrenzen. Sie fahren auf ihren Vespas durch Mitte, aber eine Vespa fährt man nicht, man trägt sie, vor allem, wenn man sein ganzes Leben in einem Zustand verbringt, wie man ihn sonst nur kennt, wenn man in Italien ist und ein bisschen zu viel getrunken hat.Besser als neidisch zu sein, ist es im Süden zu sein und mit verschränkten Beinen vor einem Caffé auf Plastikstühlen zu sitzen, wie man sie aus dem Schrebergarten oder von der Klagemauer kennt. Vor einem Haus, auf dem Land, irgendeines Landes, in dem die Frauen fromm sind und die Männer wenig Auswahl haben. Italiener legen ihr ganzes Sein in ihr geringstes Tun. Deswegen isst man hier gut, deswegen tragen sie schöne Schuhe. Sie machen die Dinge eben gern schön, obwohl ein Ding das nicht braucht. Aus dem gleichen Grund, aus dem sich Menschen schön anziehen, selbst wenn niemand da ist, der das sehen kann.Das Ziel spielt keine RolleDas geht überall, auch hier. Solange ein Caffé in der Nähe ist, eine Bar oder Weinberge. Der Ort spielt keine Rolle. Auch das Ziel nicht. Ob auf dem Weg ins Großraumbüro voll Elektrolyte und Kollegen in der Kaffeeküche oder zum Urologen, weil Vespafahren den Urologen, die Kollegen und das Großraumbüro erträglicher macht. Jedenfalls schaut man eine Stunde vor Feierabend auf die Uhr und denkt sich, dass man dann noch eine Extrarunde dreht und die Fahrt länger macht, während alle anderen im Stau stehen und heim wollen oder nicht und erkennen, dass jedes Ziel die Schwelle zum nächsten ist, wie Jean Paul das schon schreibt.Der Apéro eignet sich dazu besonders, dieser Moment vor all den anderen Momenten, die Erlebnisverlängerung, das Passieren, das vor dem eigentlichen Passieren beginnt. Es sind schwerelose Stunden, zur Feier des Lebens. Die schönsten unter ihnen entstehen, wenn man sich von einem bestimmten Gefühl befreit hat und frisch vom Strand kommt und auf seine Freundin wartet oder eine Frau, die es werden kann. Amore Frizzante, Liebe, die am Meer gemacht wird. Wenn man seit seinem 16. Lebensjahr auf einer Vespa sitzt, macht das was mit einem. Die ersten Dates finden auf Mauern vor tausend Jahre alten Kirchen über der Stadt statt. Nicht mehr ganz Tag, aber auch noch nicht Nacht. Die Luft ist sanft, nicht zu warm, auch nicht zu kalt, aber zu warm, um sich dafür viel anzuziehen. Die Italienerinnen tragen kurze Röcke und haben hohe Stiefel an. Napoleonisch. Das nackte Knie zwischen Stiefel und Kleid zeigt mehr als es verdeckt.Nach dem ersten Date rollt man die Berge herunter, die hinter Santa Margherita, Neapel, Palermo oder dem Kaiserstuhl kommen. Da unten liegen die Buchten schwarz und Lichter stapeln sich wie Sterne, die Hügel zum Himmel rauf. Natürlich hält sie sich dann an fest, fester als sie das bei 50 Klamotten müsste.Lesen Sie auchFünfzig ist die perfekte Reisegeschwindigkeit fürs Leben und um eine Landschaft zu erleben. Dazu die Möglichkeit anzuhalten, ohne sich Gedanken zu machen, weil man keinen Parkschein gelöst hat. Einfach fährt für ein bisschen Wind. Ein Zusammenspiel aus Mechanik, Mensch und Meer. Das mühelose Navigieren durch enge Küstenstraßen und idyllische Dörfer. Ein kurzes, blechernes Husten, dann dieses vertraute, rhythmische Knattern. Ein Geruch von Öl, Benzin und Pinien, die am Abend kühler werden, mischt sich mit Zigarettenrauch, was für alle Menschen, die nach der Offenbarung nicht unbedingt in den Himmel kommen müssen, immer noch ein Geruch von Freiheit ist. Schon nach wenigen Metern hängt man seine Gedanken ab. Steht in Verbindung mit der Außenwelt, fährt schnell langsam, wird Teil der Umgebung, ist sichtbar, das Gegenteil großer, abgedunkelter Range Rover und verlässt sich auf die schmalen Straßen einer oft gemalten Landschaft, von denen die alten Italiener vor den Schenken sagen, sie würden die Schwächen der Männer wegwaschen und bis in die Wirklichkeit unserer Träume führen. Ihre Erinnerung fliegt dann mit den jungen Mädchen, am Abend, auf den Dingern davon.