Für die Deutschen ist Italien bekanntlich ein Sehnsuchtsort. Dort macht man Urlaub, dort isst man hervorragend, schwelgt in Kunst und Kultur, lebt in beneidenswerter Leichtigkeit. Auf den Feldern Wirtschaft und Politik rangiert Italien weniger hoch im Ansehen. Schließlich hat der Staat, gemessen an der Wirtschaftskraft, bald die höchsten Schulden der EU und wird von einer politischen Klasse angeführt, die sich weitgehend mit sich selbst beschäftigt, anstatt das Land zu reformieren. Wusste es nicht schon Goethe? In seinen Venezianischen Epigrammen heißt es: „Leben und Weben ist hier, aber nicht Ordnung und Zucht; Jeder sorgt nur für sich, ist eitel, misstrauet dem andern. Und die Meister des Staats sorgen nur wieder für sich.“
Einige aktuelle Beispiele aus der Welt der Unternehmen stellen dieses Italien-Bild schwer infrage. Sie stehen dafür, dass die gut organisierten Teile des Landes mit einem neuen Selbstbewusstsein die Offensive im Ausland suchen. Und zwar besonders in Deutschland. Der jüngste Fall ist der private Bahnbetreiber Italo: Er hat in der Heimat beharrlich gegen das Staatsmonopol von Trenitalia angekämpft, erarbeitete sich auf den italienischen Hochgeschwindigkeitsstrecken einen Marktanteil von rund einem Drittel und drängt nun in den deutschen Fernverkehr, um der Deutschen Bahn Konkurrenz zu machen, die seit einem Dreivierteljahr pikanterweise von einer Italienerin geführt wird. Auf Evelyn Palla, geboren in Bozen, richten sich die Hoffnungen vieler Bahnkunden, dass die Züge hierzulande eines Tages wieder pünktlicher ans Ziel kommen.Palla hat lange für die Österreichische Bahn gearbeitet. Aus Italien aber weiß sie, dass der Wettbewerb die Anbieter dort nicht geschwächt, sondern für die Expansion gestählt hat. Das gilt selbst für den staatlichen Anbieter Trenitalia, der auch nach Deutschland strebt. Im Gegensatz zu Flixtrain will Italo der DB kein Billigangebot entgegensetzen, sondern neue Siemens-Züge und drei Klassen – wenn die Bundesnetzagentur dafür die Genehmigung erteilt.Eine noch offensichtlichere Verkörperung italienischer Angriffslust als Italo ist die Bank Unicredit. Die Commerzbank befindet sich inzwischen in ihren Fängen. Unicredit-Chef Andrea Orcel vermittelt mitunter den Eindruck, vor Kraft kaum noch laufen zu können. Er hat aber auch echten Erfolg vorzuweisen. An der Börse, wo Unicredit gut doppelt so viel wert ist wie die Deutsche Bank, hat Orcel seine besten Verbündeten. Erst schlich sich Unicredit Stück für Stück an, dann unterbreitete sie allen Aktionären ein bescheidenes Übernahmeangebot, das einige Banken aber aus strategischen Gründen akzeptierten, um Unicredit als Geschäftspartner zu gefallen. Nun ist Orcel, zu dessen Unternehmen seit Jahren die Hypovereinsbank mit Sitz in München gehört, ein Machtfaktor im deutschen Bankensystem. Evelyn Palla steht seit Oktober an der Spitze der Deutschen Bahn.dpaDer italienische Fernsehkonzern Media for Europe (MFE) schließlich hat im vergangenen Jahr den zweitgrößten deutschen Privatsender Pro Sieben Sat.1 vollständig übernommen. MFE wurde einst von Silvio Berlusconi gegründet, dem späteren Ministerpräsidenten des Landes; sein Sohn Pier Silvio peitscht die Internationalisierung mit dem Ziel voran, den führenden Fernsehanbieter Europas zu schmieden. In Italien dominiert er das Privatfernsehen und übertrumpft teilweise die öffentlich-rechtlichen Sender, in Spanien und Portugal ist er ein Schwergewicht, und in Deutschland wagt er nun einen Schritt, den sich kein anderer Fernsehunternehmer vor ihm zugetraut hat. Davor hatte sich Berlusconi junior lange Zeit in Geduld geübt. Er war zwar größter Aktionär von Pro Sieben Sat.1, doch er verharrte in der Minderheit, bevor er sich das ganze Unternehmen griff. Der lange Atem eines Familienunternehmens, das MFE trotz Börsennotierung geblieben ist, zahlte sich hier aus. Nun muss Berlusconi den Beweis antreten, dass grenzüberschreitendes Fernsehen in Europa überhaupt eine gute Idee ist, ob per Streaming oder in linearer Form. Oder ob sich die Synergieeffekte doch eher in Grenzen halten.„Die Topmanager sind besser ausgebildet“So unterschiedlich diese Unternehmen und ihre Branchen sind, so lassen sich doch gemeinsame Hintergründe entdecken. In allen drei italienischen Unternehmen sind die Führungsfiguren Spezialisten ihrer Branche. Der Unicredit-Chef Orcel hat in seinem Berufsleben als Investmentbanker international mehr Erfahrung gewonnen als auf dem italienischen Markt und gilt als mit allen Wassern gewaschen. Der Italo-Präsident Luca di Montezemolo blickt auf eine reichhaltige Managererfahrung als ehemaliger Chef von namhaften Unternehmen wie Cinzano, Fiat, Alitalia, Ferrari und nicht zuletzt dem italienischen Arbeitgeberverband Confindustria. Der Italo-Vorstandsvorsitzende Gianbattista La Rocca wiederum ist ein Eisenbahnspezialist durch und durch.Das gilt auf dem Fernsehmarkt auch für Pier Silvio Berlusconi. Er steht wie kaum ein anderer für die neue Generation italienischer Manager. Anders als sein Vater umgeht er politische Interessenkonflikte und konzentriert sich allein auf das Geschäft. „In den großen Unternehmen Italiens sind die Topmanager heute besser ausgebildet und haben weniger politischen Hintergrund. Internationale Erfahrung ergänzt oft ihr Profil“, stellt Carlo Altomonte, Ökonomie-Professor an der Universität Bocconi in Mailand, fest.Luca di Montezemolo ist einer der Gründer des Bahnkonzerns Italo.ImagoSeine Uni gehört zu den angesehensten Management-Schmieden der Welt. Im Ranking der Beratungsgesellschaft QS befindet sie sich derzeit neben Insead aus Frankreich unter den besten zehn Schulen der Welt. Leistungsorientierte und selektive Kaderschmieden, zu denen etwa auch die Hochschule Luiss in Rom und die Polytechnischen Universitäten in Mailand und Turin gehören, tragen zum Ausbildungsniveau ebenfalls bei.Wer jetzt ganz allgemein vom italienischen Wiedererstarken zu schwärmen beginnt, geht jedoch einen Schritt zu weit. Einige leuchtende Beispiele machen noch keinen Sommer. Auf breiter Ebene ist eine italienische Wirtschaftsrenaissance bisher ausgeblieben. Das Land leidet ähnlich wie Deutschland unter Industrieabbau. Die Autoindustrie steht noch viel schlechter da als die deutsche, die Stahlindustrie steckt in der Krise, die Produktion von Haushaltsgeräten droht ganz zu verschwinden. Forschung und Entwicklung sind unterentwickelt, viele Klein- und Mittelständler sind zu klein, und die Bevölkerung schrumpft stark. Ein Megasubventionsprogramm für Bauinvestitionen hat am Ende nur einige wenige Immobilienbesitzer auf Kosten aller reicher gemacht und ein riesiges Schuldenloch hinterlassen; das Corona-Wiederaufbauprogramm der EU, das Italien fast 200 Milliarden Euro gebracht hat, läuft im Sommer aus.Nennenswerte positive Effekte dieser Finanzspritze auf die Produktivität lassen sich bisher nicht nachweisen, die allgemeinen Wachstumsaussichten sind bescheiden. Und die Löhne sind weiterhin so niedrig, dass Horden junger Menschen außerhalb Italiens ihr Glück suchen. Dass die Nationalmannschaft sich nicht für die Fußballweltmeisterschaft qualifiziert hat, passt in dieses trübe Bild.Italiens Unternehmen sind auf Einkaufstour im AuslandUnd doch: Italienische Unternehmen drängen zurzeit nicht nur auf den deutschen Markt. Erinnert sich noch jemand an AOL? Das italienische Start-up Bending Spoons hat sich die ehemalige Internetikone aus den Vereinigten Staaten im vergangenen Herbst für 1,3 Milliarden Euro einverleibt. Das 2013 in Mailand gegründete Unternehmen befindet sich auf einem regelrechten Raubzug, hat Firmen wie WeTransfer, Vimeo und Eventbrite unter sein Dach geholt und saniert sie mit teils drastischer Kostensenkung.Italienische Unternehmen haben im vergangenen Jahr ihre ausländischen Zukäufe im Wert um drei Viertel gesteigert, berichtet die Investmentbank Arkios aus Mailand, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Gegenüber 2021 beträgt der Zuwachs 40 Prozent. Vor AOL und Pro Sieben Sat.1 war 2025 die mit Abstand größte Fusionsankündigung die von Subsea 7, einem britischen Spezialisten für die Infrastruktur am Meeresgrund, mit dem italienischen Öl- und Gasunternehmen Saipem im Wert von gut 6 Milliarden Euro. Das Öl- und Gasgeschäft, angeführt vom teilstaatlichen Energiekonzern Eni, ist eindeutig eine Stärke Italiens. Daneben zählen zu Italiens unternehmerischen Leuchttürmen Namen wie der Süßwarenkonzern Ferrero, der Brillenhersteller Essilor-Luxottica sowie das Modehaus Prada.Unicredit-Chef Andrea Orcel greift nach der Commerzbank.BloombergBei ihrer Expansion erfahren die italienischen Unternehmen Rückendeckung durch die Banken ihres Landes. Im vergangenen Jahrzehnt steckten sie noch voller fauler Kredite und waren mit zweifelhaften Staatsanleihen vollgepumpt. Italiens Staatsfinanzen sind weiterhin nicht in einem guten Zustand, doch immerhin haben Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und ihr Finanzminister die Neuverschuldung seit der Pandemie erheblich zurückgefahren. Zudem gelten die verschiedenen Rettungsmechanismen in der EU und im Euroraum inzwischen als so gut ausgebaut, dass nur noch wenige um die Zahlungsfähigkeit Italiens bangen. Der italienische Marktführer Intesa Sanpaolo schickt sich durch ein Übernahmeangebot für Monte dei Paschi di Siena nun sogar an, zur zweitgrößten Bank des Euroraumes nach Santander aus Spanien aufzusteigen.Deutschland und Italien sind die beiden Nationen in Europa, die sich bis heute am meisten verarbeitendes Gewerbe mit einer ausgeprägten Exportkultur erhalten haben. Auch diese Parallele in der Wirtschaftsstruktur steht hinter dem italienischen Drang nach Deutschland, dem größten EU-Markt.Was Deutschland und Italien gemeinsam haben„Seit Jahren sehen wir eine steigende Aktivität bei Fusionen und Übernahmen zwischen Deutschland und Italien“, berichtet Jörg Buck, der Leiter der deutsch-italienischen Handelskammer in Mailand. Denn die Unternehmen wollten sich durch internationale Größe resistenter machen; bei mittelständischen Familienunternehmen führten auch oft fehlende Nachfolger zu Übernahmen. Das gelte für beide Länder, wie überhaupt auch deutsche Unternehmen in Italien einkaufen. Die Übernahme des Alitalia-Nachfolgers ITA durch die Lufthansa ist ein Beispiel.Andererseits wirken die Mängel einiger deutscher Unternehmen wie eine offene Einladung für die Konkurrenz aus dem Süden. Italo würde nicht den Markteintritt in Deutschland suchen, wenn die Deutsche Bahn die Zugreisenden allseits glücklich machte. Auch die Commerzbank steht im Schatten vieler europäischer Wettbewerber. Und Pro Sieben Sat.1 hat angesichts der Krise des linearen Fernsehens in den vergangenen Jahren immer wieder seine Strategie und seine Chefs geändert und sich damit verwundbar gemacht.„Viele deutsche Unternehmen sind unsicher geworden, weil sie nach dem Merkel-Modell noch kein anderes Modell gefunden haben“, sagt der italienische Ökonom Francesco Giavazzi, der Mario Draghi nahesteht, dem aus Rom stammenden früheren Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Mit „Merkel-Modell“ meint Giavazzi die Abhängigkeit von billiger Energie Russlands sowie vom Absatzmarkt China.Was bringen die Italiener mit auf ihrem Marsch ins Ausland? Neben landestypischen Merkmalen wie Stil und Design sieht Antonio Majocchi, BWL-Professor an der Universität Luiss in Rom, auch eine gewisse Krisenresistenz: „Sie können besser improvisieren, weil sie schon genügend Krisen zu bestehen hatten.“ Zudem könnten sie gut andere Unternehmen integrieren. Warum etwa habe die Fusion von Fiat und Chrysler geklappt, während die von Mercedes und Chrysler einige Jahre zuvor gescheitert sei? „Die Italiener müssen sich nicht unbedingt über die anderen erheben“, sagt Majocchi; lokalen Managern gäben sie oft ziemlich viel Freiraum.Es mag um die italienische Wirtschaft insgesamt also nicht zum Besten stehen. Einige Unternehmensführer aber blicken mutig über die Grenzen und machen Italien dort zurzeit alle Ehre.







