Gleich nach meiner Wahl zum Präsidenten des Europäischen Rates habe ich mich entschieden, jeden Mitgliedstaat einmal im Jahr zu besuchen, um mich mit jedem europäischen Staats- oder Regierungschef zu bilateralen Gesprächen zu treffen. Diese Gespräche sind für mich in erster Linie eine Gelegenheit zuzuhören, um die Anliegen, Prioritäten und Erwartungen der Mitglieder des Europäischen Rates und der von ihnen vertretenen Bürgerinnen und Bürger genau zu kennen. Sie ermöglichen es mir auch, meine Sicht auf die künftigen Herausforderungen und Chancen für unsere Union darzulegen. Diese Besuche finden zu Beginn des politischen Jahres statt, bieten einen umfassenden Überblick über die Lage unserer Union und tragen dazu bei, dass die Arbeit des Europäischen Rates fest in den Realitäten, Prioritäten und Bestrebungen ganz Europas verankert bleibt.Eines der herausragenden Merkmale des europäischen Integrationsprojekts besteht darin, dass seine konkretesten Vorteile oft unbemerkt bleiben, gerade weil sie zum festen Bestandteil unseres Alltags geworden sind. Wir überqueren ungehindert Grenzen. Wir haben – von Lissabon bis Helsinki und von Dublin bis Athen – eine gemeinsame Währung. Wir profitieren von gemeinsamen Standards, die unsere Umwelt, unsere Gesundheit und unsere Lebensqualität schützen. Wir unterstützen einander bei der Bewältigung von Naturkatastrophen – wie wir es während der verheerenden Waldbrände in diesem Sommer getan haben –, bei Gesundheitskrisen und anderen gemeinsamen Herausforderungen. Und wenn wir durch Europa reisen, bleiben wir mit Familie und Freunden in Verbindung, ohne uns Gedanken über Roaminggebühren zu machen. Dinge, die für uns alltäglich geworden sind, sind in Wirklichkeit das Ergebnis jahrzehntelanger gemeinsamer europäischer Anstrengungen.Sie bilden eine solide Grundlage für den weiteren Aufbau Europas. In der heutigen geopolitischen Realität ist ein stärkeres, widerstandsfähigeres und autonomeres Europa wichtiger denn je.Europas Verteidigung gemeinsam stärkenDeshalb bauen wir das Europa der Verteidigung auf: um unsere Fähigkeit zur Abwehr von Bedrohungen zu stärken, unsere Bürgerinnen und Bürger zu schützen und letztlich den Frieden auf unserem Kontinent wiederherzustellen. Einen Frieden, der durch die anhaltende Aggression Russlands gegen die Ukraine erschüttert wurde. Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, die Verteidigungsbereitschaft Europas bis 2030 durch die Stärkung der europäischen Verteidigungsindustrie, die Verringerung strategischer Abhängigkeiten und die gemeinsame Entwicklung vorrangiger militärischer Fähigkeiten deutlich zu erhöhen. Entscheidend ist dabei, dass die notwendige Aufrüstung Europas gemeinsam vorangetrieben wird, dass wir Doppelaufwand und Verschwendung vermeiden und vor allem sicherstellen, dass diese historischen Anstrengungen die kollektive Sicherheit und Verteidigung Europas insgesamt stärken.Der Ausbau der strategischen Autonomie Europas erfordert auch eine wettbewerbsfähigere Wirtschaft. Darum erleichtert die Europäische Union die Geschäftstätigkeit, in dem sie Bürokratie abbaut, private Investitionen zur Unterstützung von Unternehmen bei Expansion und Innovation mobilisiert, den Binnenmarkt vollendet, die Lieferketten stärkt und die Handelsbeziehungen diversifiziert, während sie gleichzeitig den Zugang zu kritischen Rohstoffen sowie zu erschwinglichen, sauberen und heimischen Energiequellen sicherstellt. In all diesen Bereichen werden in der vom Europäischen Rat vereinbarten Agenda „Ein Europa, ein Markt“ konkrete Ziele festgelegt, die bis Ende 2027 erreicht werden sollen. Über die geopolitische Notwendigkeit hinaus geht es letztlich darum, das Leben für die Bürgerinnen und Bürger erschwinglicher zu machen, die Voraussetzungen für mehr hochwertige Arbeitsplätze zu schaffen und die Widerstandsfähigkeit der sozialen Marktwirtschaft in Europa zu stärken.Verteidigung und Wettbewerbsfähigkeit werden zusammen mit der EU-Erweiterung und unserer anhaltenden Unterstützung für die Ukraine ganz oben auf der Tagesordnung stehen, wenn ich auf der diesjährigen Hauptstadttour mit den europäischen Staats- und Regierungschefs zusammentreffe.Den EU-Haushalt sich wandelnden Bedingungen anpassenUnter den wichtigsten Entscheidungen, die es in diesem Jahr zu treffen gilt, kommt aber eine ganz besondere Bedeutung zu: Es muss bis zum Jahresende eine Einigung über den nächsten mehrjährigen Finanzrahmen der EU, unseren langfristigen Haushalt für 2028 bis 2034, erzielt werden.Warum muss diese Einigung vor Ende 2026 erzielt werden? Weil wir anschließend etwa ein Jahr benötigen werden, um – in Brüssel und in den Mitgliedstaaten – den erforderlichen rechtlichen und administrativen Rahmen zu schaffen, damit die ununterbrochene Ausführung des nächsten EU-Haushalts gewährleistet ist. Das ist einfach solide Planung. Andernfalls laufen wir Gefahr, dass die Finanzierung für Landwirte, Unternehmen, Studierende, Forschende und Innovatoren unterbrochen wird.Seit Jahrzehnten wird aus dem EU-Haushalt durch Investitionen in die Landwirtschaft, in unsere Regionen, in die Forschung sowie in den grünen und den digitalen Wandel ein nachhaltiges und inklusives Wachstum auf unserem gesamten Kontinent gefördert. Dies wird auch weiterhin der Fall sein. Gleichzeitig muss der Haushalt auch den sich wandelnden Prioritäten Europas, einschließlich Verteidigung, Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit, Rechnung tragen.So wie bei den nationalen Haushalten müssen auch die Prioritäten des EU-Haushalts im Rahmen begrenzter Ressourcen umgesetzt werden. Der Großteil wird aus den nationalen Beiträgen der Mitgliedstaaten finanziert. Wir müssen diese Beiträge innerhalb vernünftiger Grenzen halten. Daher wird ein ausgewogenes und ehrgeiziges Paket neuer gemeinsamer Ressourcen einen wesentlichen Bestandteil der Gesamteinigung darstellen.Der konstruktive Geist, der in den bisherigen Gesprächen zwischen den Staats- und Regierungschefs über den mehrjährigen Haushalt herrschte, hat mich ermutigt. Ich bin zuversichtlich, dass wir letztlich das richtige Gleichgewicht für unsere Union, unsere Bürgerinnen und Bürger und unsere Zukunft finden werden. Denn darin besteht unsere gemeinsame Verantwortung.