Frankfurt. Herr Weber, Sie haben kürzlich auf einem Forum in Singapur vor einer neuen „KI-Aristokratie“ gewarnt, die zu Machtmonopolen und wachsender Ungleichheit führen könnte. Das klingt nach gesellschaftlichem Sprengstoff. Drohen neue Klassenkämpfe?Klassenkämpfe würde ich nicht sagen. Aber wir sehen ein großes Konzentrationsproblem – und das ist gesellschaftlich wie ökonomisch problematisch. Im US-Aktienindex S&P 500 machen die großen Technologiekonzerne, die sogenannten „Magnificent Seven“, bereits 35 Prozent der Marktkapitalisierung aus. 2024 und 2025 kamen rund 70 Prozent der gesamten Kursgewinne des S&P 500 von diesen sieben Unternehmen: Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon, Nvidia, Meta und Tesla.Das klingt eher nach einem Anlagethema als nach einem gesellschaftlichen Problem. Das eine schließt das andere nicht aus. Denn: Viele Gewinner der KI-Entwicklung sind noch gar nicht börsennotiert, zum Beispiel Firmen wie OpenAI oder Anthropic. Ein großer Teil der Wertschöpfung bleibt also sehr lange im Privatbesitz. Nach den Börsengängen dieser Unternehmen wird sehr viel Geld an die Gründer und die frühen Eigentümer fließen. Das kann die Vermögenskonzentration erheblich verstärken und zu einer KI-Aristokratie führen.Entstehen durch die geplanten Börsengänge von OpenAI und anderen KI-Firmen auch zusätzliche Gefahren für Anleger?Das Konzentrationsproblem an den öffentlichen Märkten wird sich verschärfen. Ich würde mich nicht wundern, wenn in fünf bis zehn Jahren die zehn größten Technologieunternehmen 50 Prozent des Marktes dominieren. Das wäre eine enorme Verdichtung.Wie sollten Anleger darauf reagieren?Die wichtigste Pflicht ist Diversifikation. Wer in einen ETF auf den S&P 500 investiert, geht faktisch eine massive Wette auf sieben große Tech-Konzerne ein. Dann gibt es noch den Rest – die „nicht ganz so magnificent“ 493 anderen Unternehmen im Index. Sie stehen im Schatten der sieben Giganten, aber stabilisieren mit ihren soliden Gewinnen und Einnahmen in Korrekturphasen den Markt.Welche Konsequenzen haben Sie selbst als Investor aus dieser „Pflicht zur Diversifikation“ gezogen? Ich setzte auf das Motto MEGA: „Make Europe great again“. Damit will ich auch meinen amerikanischen Freunden aus der MAGA-Fraktion ein bisschen Paroli bieten. Ich habe nach dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump Anfang 2025 alle meine US-Aktien verkauft – darunter auch die großen Technologietitel. Ich will Trump nicht im Portfolio haben. Ich halte noch einige global diversifizierte ETFs, aber keine Einzelwerte aus den USA mehr. Das ist kein Antiamerikanismus, sondern eine nüchterne Abwägung aus Renditepotenzial, Bewertungsniveau und geopolitischer Risikolage. Vita Axel Weber Axel Weber war von 2004 bis 2011 Präsident der Deutschen Bundesbank. In dieser Funktion half er, die Folgen der 2007 ausgebrochenen Finanzkrise zu bewältigen. Im Februar 2011 erklärte Weber seinen Rücktritt, den er später in einem Interview damit begründete, dass er mit der damaligen Geldpolitik im Euro-Raum nicht einverstanden gewesen sei.von 2012 bis 2022 war Weber Verwaltungsratspräsident der Schweizer Großbank UBS und war in dieser Rolle maßgeblich für die strategische Neuausrichtung des Schweizer Instituts verantwortlich. In seiner Amtszeit überwand die UBS endgültig die Folgen der Finanzkrise und etablierte sich als eine der europäischen Topbanken.Heute ist Weber als Investor und Berater tätig sowie als Präsident des Center for Financial Studies (CFS) in Frankfurt. Darüber hinaus sitzt er in einer Reihe von Unternehmensgremien, zum Beispiel im Beirat der Börse Stuttgart, und ist Vorsitzender des Aufsichtsrats des europäischen Einlagenbrokers Raisin.Wie sehen Ihre Alternativen aus?Ich habe breit in zwei europäische Themen investiert: „Make European Finance great again“ – das sind vor allem Finanztitel, Börsen und Versicherungen. Außerdem: „Make European Industry great again“. Dabei geht es um vier große Trends: erstens Verteidigung; zweitens Infrastruktur – darunter fallen Zement, Aluminium, Metalle und Bauunternehmen; drittens europäische Energieunternehmen, weil ich glaube, dass die Amerikaner auf dem falschen Weg sind mit ihrer Abkehr von der Nachhaltigkeit; und viertens europäische Technologie.Wie läuft diese Strategie bislang?Beide Portfolios dokumentiere ich einmal im Monat auf meiner Internetseite. In den vergangenen zwei Jahren sind sie fast doppelt so stark gestiegen wie der S&P 500. Das zeigt, dass sich Investitionen in Europa lohnen können.Dabei sagen viele Experten, Europa liege bei Technologie hoffnungslos zurück.Ich bin da optimistischer. Bei der KI-Entwicklung gehört Europa sicher nicht zur technologischen Avantgarde – diese Position haben die USA erobert, verfolgt von China. Aber unsere Chance liegt in der Industrialisierung dieser Technologie.Was meinen Sie damit?Europa ist, ähnlich wie Japan, groß geworden durch Prozessautomatisierung, Maschinenbau und Fertigungstechnik. Genau in dieser Phase – der Übersetzung von KI in Robotics und industrielle Automatisierung – werden es die europäischen und japanischen Unternehmen sein, die an die Spitze streben.Neben großen Unternehmen investieren Sie auch in europäische Start-ups. Warum? Europa hat zu wenig Venture-Capital. Deshalb versuche ich, meinen Beitrag dazu zu leisten, dass sehr junge Unternehmen Zugang zu Risikokapital bekommen. Zudem kann man in dieser frühen Phase noch nennenswerte Beteiligungen erwerben. Wenn man die richtigen Investments tätigt, sind attraktive Renditen möglich. Aber natürlich ist das Risiko hoch: Neun von zehn Start-ups werden niemals Gewinne schreiben. Daher gilt auch hier: Diversifikation ist Pflicht.Auf Start-ups aus welchen Sektoren setzen Sie dabei? Angesichts meines Hintergrunds geht es stark um Finanzen. Wenn ich als Business-Angel einsteige, ist Netzwerk mindestens so wichtig wie Geld. Im Mittelpunkt stehen Themen wie automatisierter Zahlungsverkehr, Tokenisierung, also digitale Vermögensanlagen, sowie die Digitalisierung von Börsen- und Handelsstrukturen. Ich bin überzeugt, dass die Zukunft der Börsen digital ist – und dass Europa dafür integrierte Strukturen braucht.Interview Ed Yardeni: „Jeder, der noch einen anderen Job hat, sollte einfach den Nasdaq 100 kaufen“ Genau daran hakt es seit Jahrzehnten. Europa ist stark fragmentiert – nicht nur im Finanzsektor – und hinkt auch beim Wachstum hinterher. Wie steht die EU aus Ihrer Sicht im Vergleich mit den anderen globalen Machtblöcken da?Gemeinsam mit anderen Experten habe ich den französischen Präsidenten Emmanuel Macron vor dem G7-Gipfel in Evian im Juni beraten. Kurz zusammengefasst lautete unsere Diagnose: Die USA bauen relativ zur Wirtschaftsleistung zu schnell zu viele Schulden auf. China hat zu wenig Binnennachfrage und ist zu abhängig von Exporten. Europa hat zu wenig in seine eigene Produktivität investiert. Dieser Trend ist nicht neu. Was fehlt, sind Maßnahmen, um ihn umzukehren. Stattdessen beschleunigt sich diese Entwicklung.Gilt das auch für Deutschland?Auf jeden Fall. Deutschland handelt, als wäre es nicht in einer Krise. Dabei liegen wir bei der jährlichen Wirtschaftsleistung auf dem Niveau von 2018, bei den Investitionen sogar auf dem Niveau von 2015. Nur der Staatskonsum erreicht jedes Jahr einen neuen Rekord.