Es sollte sein großer Auftritt werden, aber Raphaël Glucksmann wirkte in den Abendnachrichten merkwürdig steif. „Ja, ich kandidiere für die Präsidentschaftswahlen“, sagte der 46 Jahre alte EU-Abgeordnete am Sonntagabend. Wie ein Automat ratterte der Sozialdemokrat seinen Text herunter. „Werden wir unser Land Marine Le Pen und der extremen Rechten preisgeben?“, fragte er. Es sollte dramatisch klingen, aber mit seiner monotonen Stimme hörte es sich an, als rezitiere er einen auswendig gelernten Satz.Mit seiner Kandidaturerklärung schreibt sich Glucksmann in die neun Monate vor den Wahlen bereits lange Liste der Präsidentenanwärter auf der Linken ein. Der Sohn des Philosophen André Glucksmann kam über den Journalismus in die Politik. In einem Dokumentarfilm über seine Familie sticht sein Großvater Rubin Glucksmann hervor, der im Auftrag von Josef Stalin für die Sowjetunion spionierte.Glucksmann kandidiert bei sozialistischen VorwahlenAuch der Enkel interessierte sich sehr für den einstigen Sowjetraum. Er wirkte als Berater des georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili und heiratete eine georgische Politikerin, die 2007 als Justizministerin zurücktreten musste. Später drehte Glucksmann einen Dokumentarfilm über die orange Revolution in der Ukraine. 2019 gelang ihm der Einzug ins EU-Parlament.Seine Splitterpartei Place Publique ist indessen zu klein und unwichtig, als dass Glucksmann darauf verzichten könnte, bei den Vorwahlen der Sozialisten (PS) zu kandidieren. Im Fernsehen bestätigte er, dass er sich den Vorwahlen stellen will, die Mitte Oktober entschieden werden sollen.Folgen hat Glucksmanns Präsidententraum bislang nur für seine Partnerin, die Fernsehmoderatorin Lea Salamé. Die aus Libanon stammende Journalistin kündigte an, künftig nicht mehr die Abendnachrichten zu präsentieren. Damit will sie dem Verdacht zuvorkommen, die Nachrichtenauswahl könnte ihren Lebensgefährten begünstigen.An den sozialistischen Vorwahlen sollen nur zahlende Parteimitglieder teilnehmen. Damit will man verhindern, dass Anhänger der Linkspartei La France Insoumise (LFI) die Abstimmung unterwandern. Glucksmann muss sich gegen die frühere Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal und zwei wenig bekannte Abgeordnete, Philippe Brun und Jérôme Guedj, behaupten. Wie auch Glucksmann ist Guedj Opfer antisemitischer Anfeindungen von Anhängern der Linkspartei geworden.Sozialisten ringen um Umgang mit der LinksparteiGlucksmann verspricht, keinerlei Bündnisse mit der Linkspartei zu schließen. Der sozialistische Parteichef Olivier Faure sowie Fraktionschef Boris Vallaud, die ebenfalls in den Vorwahlen kandidieren könnten, haben in der Vergangenheit mit der Linkspartei paktiert und ringen um eine klare Linie.Der frühere sozialistische Präsident François Hollande hegt ebenfalls Präsidentschaftsambitionen, hat aber bereits entschieden, sich nicht an den Vorwahlen zu beteiligen. Auch der Bürgermeister des Pariser Vororts Saint-Ouen, Karim Bouamrame, hat seine Präsidentschaftskandidatur verkündet. Er hält sich für „Frankreichs Obama“ und will sich der Kür durch die Parteimitglieder entziehen.Die Vielzahl der sozialistischen Anwärter stärkt die Vormachtstellung des Gründers der Linkspartei LFI, Jean-Luc Mélenchon. „Der Sieg ist möglich“, sagte der 75 Jahre alte Präsidentschaftskandidat bei der Sommeruniversität seiner Partei am Wochenende. Jüngste Umfrageergebnisse sagen den Einzug des Linkspopulisten in die entscheidende Stichwahlrunde Anfang Mai 2027 voraus. Das Umfrageinstitut Harris Interactive hat ermittelt, dass Mélenchon 17 Prozent der Stimmen erhalten würde, wenn er gegen Glucksmann (zehn Prozent), Gabriel Attal (acht Prozent) und Edouard Philippe (14 Prozent) antreten würde. In einer Stichwahl würde aber die Favoritin Marine Le Pen gewinnen.„Wir alle haben ein mulmiges Gefühl im Bauch, wenn wir sehen, wohin sich unsere Nation entwickelt und was aus ihr in den kommenden Monaten werden könnte“, sagte Glucksmann im Fernsehen. Mélenchon aber greift Le Pen direkt an und verspricht den Franzosen, im Falle seines Wahlsiegs würde die Europäische Zentralbank (EZB) einen Teil von Frankreichs Schulden tilgen. „18 Prozent werden von der Banque de France gehalten. Wir müssen sie nur nehmen und ins Feuer werfen“, sagte Mélenchon.Auch wenn das Verfahren gegen alle EU-Verträge verstoßen würde, kommt der Vorschlag unter Linkswählern gut an. „Das Geld, um besser zu leben, existiert“, heißt es in Mélenchons Programm. Der Linkspopulist reagierte vor mehr als 10.000 Anhängern am Sonntag auch als erster Politiker mit konkreten Vorschlägen auf den Hitzesommer. Er stellt mehr Mittel für die Feuerwehr und den Brandschutz in Aussicht und will Frankreich für den Klimawandel „umrüsten“. Nur eine „ökologische Planwirtschaft“ könne das Überleben der Gesellschaft dauerhaft sichern.
Raphael Glucksmann erklärt seine Präsidentschaftskandidatur
Raphaël Glucksmann hat seine Präsidentschaftskandidatur erklärt. Er ist beliebt unter den Franzosen. Wird das die Linkspartei erschüttern?











