Frankreichs letzter Linksliberaler: Raphaël Glucksmann steigt in den Ring um die PräsidentschaftRaphaël Glucksmann will 2027 französischer Präsident werden. Der Sozialdemokrat setzt auf eine gemässigte, proeuropäische Linke ohne Jean-Luc Mélenchon. Doch der radikale Volkstribun liegt in den Umfragen vor ihm.24.08.2026, 15.57 Uhr3 LeseminutenDer sozialdemokratische Präsidentschaftskandidat Raphaël Glucksmann bei einem Presseauftritt in Paris Ende 2025.Benoit Tessier / ReutersVor wenigen Tagen stand Raphaël Glucksmann noch vor Korsika im Mittelmeer und hielt seine Partnerin, die bekannte Fernsehjournalistin Léa Salamé, im Arm. Die beiden küssten sich, ein Paparazzo drückte ab, das Klatschmagazin «Paris Match» veröffentlichte die Bilder.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ob inszeniert oder nicht: Solche Einblicke ins Privatleben gehören in Frankreich seit langem zum Repertoire von Präsidenten und solchen, die es werden wollen. Etwas mehr Nahbarkeit dürfte dem 46-jährigen Philosophensohn auch nicht schaden, gilt er doch vielen Franzosen als besonders kopflastiger Vertreter der Pariser Intellektuellenelite.Viel Konkurrenz von linksAm Sonntagabend machte Glucksmann seine Kandidatur für die Präsidentschaft in den 20-Uhr-Nachrichten von TF1 öffentlich, während fast zeitgleich Salamé ihren Platz als Moderatorin beim Sender France 2 räumte, um jeden Verdacht eines Interessenkonflikts zu vermeiden.Für die Zuschauer war das freilich keine grosse Überraschung. Bereits im Mai hatte Glucksmann angekündigt, drei Monate durchs Land zu reisen und «seine politische Familie für die Präsidentschaftswahl zu sammeln». Im Jahr zuvor hatte der EU-Abgeordnete zudem eine Streitschrift mit seinen Reformideen für Frankreich veröffentlicht.Glucksmann setzt dabei zunächst auf das gemässigte linke Lager. Seine eigene Partei Place publique und der deutlich grössere Parti Socialiste wollen im Oktober in einer gemeinsamen Vorwahl bestimmen, wer für dieses Lager ins Präsidentschaftsrennen gehen soll. Zugleich wirbt er um jene Grünen und anderen Linken, die sich von Jean-Luc Mélenchon und dessen Partei La France insoumise (LFI) abgrenzen.Bei der Sozialistischen Partei ist das Feld unübersichtlich: Als mögliche Kandidaten gelten unter anderem der Abgeordnete Jérôme Guedj, der Parteivorsitzende Olivier Faure sowie Frankreichs Ex-Präsident François Hollande. Bei den Grünen stellte sich am Montag der frühere Präsidentschaftskandidat Yannick Jadot hinter Glucksmann. Marine Tondelier, die Parteichefin, will dagegen an ihrer eigenen Kandidatur festhalten und sich auch ein Bündnis mit LFI offenhalten.Neben Marine Le Pen vom rechtsnationalen Rassemblement national (RN) hat Glucksmann den linken Volkstribun Mélenchon zum Hauptgegner erklärt. Aus ihrer Abneigung füreinander machen die beiden Männer kein Hehl: Mélenchon verspottet seinen Rivalen schon einmal als «Glucksmann-Macron» und rückt ihn damit ins Lager der Macronisten. Glucksmann wiederum bezeichnete den polternden LFI-Gründer als «Le Pen der Linken».Das war nicht immer so: Nach Macrons Auflösung des Parlaments im Sommer 2024 trug Glucksmann den Nouveau Front populaire mit, eine Allianz von Sozialisten, Grünen, Kommunisten und LFI, die den RN von der Macht fernhalten sollte. Seine Zustimmung knüpfte er allerdings an Bedingungen, darunter ein klares Bekenntnis zur Ukraine und die Verurteilung der Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023. Letzteres tat Mélenchon nur halbherzig.Berater von SaakaschwiliGlucksmanns Vater André gehörte zu den führenden Intellektuellen der 68er-Generation. Einst Maoist, brach er mit dem Kommunismus und wurde später zum scharfen Kritiker des Totalitarismus. Sein Sohn wuchs in diesem politischen Milieu auf, er studierte am Pariser IEP und beriet später den georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili. Politisch versteht sich Glucksmann heute als proeuropäischer Linksliberaler: gesellschaftspolitisch progressiv, wirtschaftlich sozialdemokratisch und mit einer harten Haltung gegenüber Russland.Seinen Durchbruch schaffte Glucksmann bei der Europawahl 2024. Die gemeinsame Liste von PS und Place publique erreichte damals knapp 14 Prozent und machte ihn zum stärksten Kandidaten der Linken. An diesen Erfolg will er anknüpfen. Doch in den jüngsten Umfragen kommt er nur auf rund 10 Prozent, Mélenchon auf 16 bis 17 Prozent. Und weit über beiden thront derzeit Le Pen mit mehr als 35 Prozent.Passend zum Artikel