Klaus-Michael Kühne: ein Patriarch alter Schule mit harter Hand und unternehmerischem InstinktKlaus-Michael Kühne hat Kühne + Nagel zum Weltkonzern und sich selbst zum Milliardär gemacht. Obwohl seit Jahrzehnten in der Schweiz wohnhaft, blieb er seiner Geburtsstadt Hamburg eng verbunden. Nun ist er im Alter von 89 Jahren gestorben.René Höltschi, Berlin24.08.2026, 11.10 Uhr5 LeseminutenEr zählte zu den prägenden deutschen Unternehmern: der seit Jahrzehnten in der Schweiz lebende Mehrheitsaktionär des Logistikkonzerns Kühne + Nagel.Adrian Baer / NZZEr war in jeder Hinsicht eine kantige Persönlichkeit. Klaus-Michael Kühne, der deutsche Unternehmer mit Schweizer Wohnsitz, hatte nicht nur ein markantes Gesicht. Er hatte auch kein Problem damit, anzuecken. Ambitioniert, arbeitsbesessen, fordernd – so wird Kühne beschrieben. Mit diesen Eigenschaften hat er das väterliche Logistikunternehmen Kühne + Nagel zu einem Weltkonzern ausgebaut, einem der global führenden See- und Luftfrachtunternehmen. Er selbst wurde schwerreich, die «Forbes»-Liste der Milliardäre zählte ihn regelmässig zu den reichsten Deutschen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Anfang eine BanklehreGeboren wurde Kühne 1937 in Hamburg als einziges Kind des Speditionskaufmanns Alfred Kühne. Schon sein Grossvater, August Kühne, hatte 1890 zusammen mit Friedrich Nagel in Bremen ein Speditionsunternehmen gegründet, aus dem der heutige Konzern hervorgegangen ist.Nach einer Banklehre im Bankhaus Münchmeyer & Co. und Tätigkeiten bei weiteren Unternehmen trat Klaus-Michael Kühne 1958 in das Familienunternehmen ein. 1963 wurde er persönlich haftender Gesellschafter, drei Jahre später Vorsitzender der Geschäftsleitung. Später amtierte er als Präsident des Verwaltungsrats. Selbst in höherem Alter, ab 2011, blieb er dem Konzern als Ehrenpräsident des Verwaltungsrats eng verbunden.Zwar ist die Kühne + Nagel International schon seit 1994 an der Schweizer Börse SIX Swiss Exchange kotiert, doch die Kontrolle hat Klaus-Michael Kühne behalten: Seine private Holdinggesellschaft, die Kühne Holding AG, ist Mehrheitsaktionärin der Gruppe. Diese Holding hält zudem weitere signifikante Beteiligungen, darunter an der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd, der Lufthansa, dem Chemikalien-Distributor Brenntag und am deutschen Mobilitäts-Startup Flix, zu dem auch Flixbus gehört.Kühne + Nagel ist zum weltumspannenden Konzern geworden. Das Bild aus dem Jahr 1988 zeigt den damaligen Konzernchef Klaus-Michael Kühne am Standort Hongkong.Sunny Lee / ImagoZukunft längst geregeltKühne war ein Patriarch alter Schule. Damit wirkte er zunehmend wie aus der Zeit gefallen. «Ich mag eben keine halben Sachen, und ich sage meine Meinung», so beschrieb er sich selbst einst gegenüber der «Welt». Er war diszipliniert und forderte Disziplin. Als Unternehmen noch viel Post versandten, mussten Kühne-Mitarbeiter einst Post ins Ausland auf Dienstreisen mitnehmen. So kam sie schneller ans Ziel. «Ich wollte meine Mitarbeiter richtig erziehen, dann bin ich eben auch mal unbequem», erklärte der Unternehmer dazu im selben Interview.Typisch für den verheirateten, aber kinderlosen Erben der Unternehmerdynastie ist, dass er für die Zeit nach seinem Ableben schon seit Jahren vorgesorgt hat. 1976 gründete die Familie in der Schweiz die Kühne-Stiftung, die Lehre und Forschung im Bereich Logistik sowie medizinische Forschung, Kultur und Klimaforschung fördert. Zu Kühnes Lebzeiten ist sie mit Dividenden aus der Holding alimentiert worden.«Und wenn ich mal wegfalle, gehen die Anteile der Holding an die Stiftung», so hat es Kühne 2021 in einem Interview mit der NZZ gelassen auf den Punkt gebracht. Dann werde die Stiftung langfristig das Firmenvermögen kontrollieren. Dadurch bleibe das Vermögen zusammen, und es sei keine feindliche Übernahme möglich.Die Schweiz und die Steuern1975 hat Kühne + Nagel den Firmensitz von Deutschland in die Schweiz verlegt, wo bereits Kühnes Vater wohnte und wo schon eine Holding für die internationalen Aktivitäten bestand. Bis heute wird der Konzern aus Schindellegi im steuergünstigen Kanton Schwyz gelenkt. Auch Klaus-Michael Kühne selbst nahm Wohnsitz in der Schweiz. Diese Schritte wurden ihm von vielen Deutschen noch Jahrzehnte später übelgenommen – vor allem, wenn er sich wieder einmal mit scharfer Zunge zur deutschen Politik äusserte. Er galt dann als Steuerflüchtiger, der besser die Klappe halte, wenn er schon keine Steuern zahlen wolle.Kühne selbst lobte zwar stets die liberale Wirtschaftsordnung und die geringere Steuerbelastung der Schweiz, stellte aber den Vorwurf der Steuerflucht in Abrede. Im erwähnten NZZ-Interview erklärte er, sein Vater habe die Schweiz geliebt und sei schon als Kind Anfang des 20. Jahrhunderts dort in den Ferien gewesen. Anfang der 1960er Jahre sei die Familie im Winter regelmässig nach Lenzerheide gefahren, wo sein Vater dann auch ein Haus gebaut habe.Zudem habe er in Basel die erwähnte Holding für die Auslandsaktivitäten gegründet. Ganz in die Schweiz gezogen sei sein Vater aufgrund politischer Vorbehalte bezüglich der damaligen Entwicklung in Deutschland. Gemeint war die Ära von Bundeskanzler Willy Brandt.Seiner Geburtsstadt Hamburg blieb Kühne gleichwohl zeit seines Lebens eng verbunden. Er engagierte sich beim Sportverein HSV, als Investor unter anderem bei Hapag-Lloyd und als Mäzen. So kündete die Kühne-Stiftung im Februar 2025 an, den Bau eines neuen Hamburger Opernhauses zu finanzieren.Hauptsitz im Grünen: Klaus-Michael Kühne steht 2014 vor dem Gebäude von Kühne + Nagel in Schindellegi im Kanton Schwyz.Adrian Baer / NZZVaters VergangenheitEin zweiter Vorwurf, mit dem sich Kühne immer wieder auseinanderzusetzen hatte, obwohl er sich auf seinen Vater bezog, zielt auf die Zeit des Nationalsozialismus. Kühnes Vater und dessen Bruder traten früh der NSDAP bei, trennten sich 1933 von einem jüdischen Mitgesellschafter, der später im Holocaust ermordet wurde, und transportierten im Auftrag des Regimes beschlagnahmte Möbel deportierter und geflohener Juden.Erst zum 125-Jahre-Firmenjubiläum im Jahr 2015 nahm Kühne + Nagel in einer Erklärung auf der Firmenwebsite Stellung zu den Verstrickungen im Nationalsozialismus und bedauerte diese. «Aus dem für Kühne + Nagel zugänglichen historischen Material geht hervor, dass das Unternehmen von 1939 bis 1944 über die deutschen Grenzen hinaus in den besetzten Gebieten tätig war und vor allem Versorgungslieferungen für die Armee durchführte», heisst es darin. Im Auftrag der Reichsregierung sei man auch «mit den Transporten beschlagnahmter Güter von politisch und rassisch Verfolgten befasst» gewesen.Klaus-Michael Kühne war bei Kriegsende erst sieben Jahre alt. In einem Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» erklärte er 2024, er habe erst 2015 von diesen Möbeltransporten erfahren. Sein Vater habe mit ihm nie darüber gesprochen. Dieser habe die Familie klug und umsichtig durch den Zweiten Weltkrieg gesteuert, wofür er ihm grossen Respekt schulde. Die Firmenarchive seien im Krieg zerstört worden.Aufstieg mit RückschlägenUnter Kühnes Ägide ist das väterliche Unternehmen stark gewachsen, wozu auch Zukäufe beigetragen haben. Begünstigt wurde die Entwicklung durch die Globalisierung, die den Transport riesiger Gütermengen rund um die Welt erforderte. 2025 erzielte die Gruppe mit über 80 000 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von über 24 Milliarden Franken.Doch so erfolgreich Kühne war, so viel unternehmerischen Instinkt er hatte, so wenig war selbst er gegen Rückschläge und Fehlentscheide gefeit. Der Versuch, ein Reedereiunternehmen aufzubauen, brachte ihn während der Erdölkrisen in finanzielle Schwierigkeiten. In der Folge musste er 1981 die Hälfte der Anteile seines Konzerns an den britischen Mischkonzern Lonrho verkaufen. Erst elf Jahre später konnte er sie grösstenteils zurückkaufen.Ein zweites Beispiel ist eine Investition in die Luxusimmobilien-Sparte Signa Prime von René Benko. Mit dem Kollaps des Benko-Imperiums habe er insgesamt eine halbe Milliarde Euro verloren, räumte Kühne 2024 im erwähnten «FAZ»-Interview ein. Benko habe ihn «um den Finger gewickelt», gestand er freimütig. Selbst für jemanden, dessen Vermögen die «Forbes»-Liste auf über 44 Milliarden Dollar schätzt, ist das ein spürbarer, wenn auch kein bedrohlicher Verlust.Klaus-Michael Kühne ist in der Nacht auf Montag, den 24. August, im Alter von 89 Jahren in Schindellegi gestorben, wie das Unternehmen mitteilte.Klaus-Michael Kühne war auch Investor im Immobiliensektor. Im Februar 2014 gibt er den Startschuss für den Abriss des Hotels Intercontinental in seiner Geburtsstadt Hamburg.ImagoPassend zum Artikel
Nachruf auf Klaus-Michael Kühne, einen Unternehmer und Patriarchen alter Schule
Klaus-Michael Kühne hat Kühne + Nagel zum Weltkonzern und sich selbst zum Milliardär gemacht. Obwohl seit Jahrzehnten in der Schweiz wohnhaft, blieb er seiner Geburtsstadt Hamburg eng verbunden. Nun ist er im Alter von 89 Jahren gestorben.










