Köln. Der Verlust der Arbeitskraft gehört zu den größten wirtschaftlichen Risiken für Arbeitnehmer. „Es droht ein Millionenschaden, wenn das Einkommen wegen Berufsunfähigkeit wegfällt“, sagt Peter Grieble, Versicherungsexperte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.Wer im Alter von 35 Jahren bei einem monatlichen Bruttoeinkommen von 5000 Euro nicht mehr arbeiten kann, verliert bis zur Rente mit 67 Jahren Einkommen in Höhe von knapp zwei Millionen Euro.Eine private Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) setzt hier an. Sie zahlt eine vereinbarte monatliche Rente, wenn Versicherte ihren zuletzt ausgeübten Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt ausüben können.Die Tarife leisten in der Regel ab einer Berufsunfähigkeit von 50 Prozent. „Die Berufsunfähigkeitsversicherung gilt als Königsweg unter den Versicherungen zur Arbeitskraftabsicherung“, sagt Michael Franke, Geschäftsführer der Ratingagentur Franke und Bornberg.Die staatliche Erwerbsminderungsrente ist kein Ersatz für eine private BU. Für sie zählt nicht, ob Versicherte ihren bisherigen Beruf ausüben können, sondern, wie viele Stunden sie überhaupt noch erwerbstätig sein können. Wer weniger als drei Stunden täglich arbeiten kann, hat unter weiteren Voraussetzungen Anspruch auf eine volle Erwerbsminderungsrente, die 2024 im Schnitt bei 1200 Euro pro Monat lag. „Die staatliche Absicherung reicht in vielen Fällen bei Weitem nicht aus, um den bisherigen Lebensstandard zu sichern“, sagt Franke.Empfehlungen der Expertenkommission Gesundheitliche Risiken möglichst frühzeitig erkennen: „Prävention vor Reha vor Rente“ Wie die Policen im Vergleich abschneiden, hat die Ratingagentur Franke und Bornberg für das Handelsblatt untersucht. In einem Musterfall geht sie von einem 30-jährigen Akademiker aus, der eine monatliche BU-Rente von 1500 Euro vereinbaren möchte. Die Qualität des Tarifs fließt zu 50 Prozent in die Gesamtbewertung ein, die finanzielle Stabilität des Versicherers zu 20 Prozent und der Preis zu 30 Prozent.Neun Tarife erhalten die Gesamtnote „exzellent“, zehn weitere werden mit „sehr gut“ bewertet. Bei den mit „exzellent“ ausgezeichneten Angeboten reicht der monatliche Nettobeitrag von 34,47 Euro bei Ergo bis 46,39 Euro bei der Allianz.Doch eine gute Bewertung allein garantiert noch keinen passenden Versicherungsschutz. Welche BU geeignet ist, hängt von Einkommen, Beruf, Alter, Gesundheitszustand und Lebensplanung ab. „Viele Versicherte schließen eine zu niedrige Rente ab.Dann haben sie einen Vertrag, aber keine ausreichende Absicherung“, berichtet Verbraucherschützer Grieble aus seinem Beratungsalltag. Er empfiehlt, die Rentenhöhe auf Basis der eigenen Lebenssituation bei 70 bis 80 Prozent des Nettoeinkommens anzusetzen.Wichtig ist zudem, dass sich der Versicherungsschutz im Laufe des Lebens anpassen lässt. Nachversicherungsgarantien erlauben es, die Rente etwa bei Heirat, Nachwuchs oder Immobilienkauf ohne erneute Gesundheitsprüfung anzuheben.„Angesichts immer vielfältigerer Erwerbsbiografien gewinnen Nachversicherungsmöglichkeiten, Berufswechseloptionen und moderne Vertragskonzepte zunehmend an Bedeutung“, sagt Holm Diez, Vorstandsvorsitzender der HDI Lebensversicherung AG. Verbraucher sollten deshalb prüfen, bis zu welcher Höhe sich die vereinbarte Rente später aufstocken lässt.Neben der Rentenhöhe und den Anpassungsmöglichkeiten kommt es auf die richtige Laufzeit an. Die Versicherung sollte bis zum gesetzlichen Rentenalter laufen. Gute Verträge ermöglichen zudem eine Verlängerung, falls das gesetzliche Renteneintrittsalter steigt. Wer den Schutz beispielsweise mit 60 oder 62 Jahren enden lässt, zahlt zwar weniger Beiträge. Besteht die Berufsunfähigkeit danach weiter, droht aber eine mehrjährige Versorgungslücke bis zum Rentenbeginn.Ein Knackpunkt beim Abschluss einer Police ist die Gesundheitsprüfung. Interessenten müssen Fragen zu Vorerkrankungen korrekt beantworten. Fehlerhafte oder unvollständige Angaben gefährden den Versicherungsschutz. Wer Vorerkrankungen hat, sollte deshalb über einen spezialisierten Berater eine anonyme Risikovoranfrage stellen.Diese Berater kennen die Annahmepraxis der Versicherer und können einschätzen, bei welchen Anbietern ein Abschluss noch möglich ist. Auch von einer ersten Ablehnung sollten sich Verbraucher nicht entmutigen lassen. „Einer der größten Fehler ist, dass Verbraucher bei der BU zu schnell aufgeben“, sagt Grieble.Die Gesundheitsprüfung spricht zugleich dafür, sich möglichst früh um den Schutz zu kümmern. Junge Menschen haben meist weniger Vorerkrankungen und kommen deshalb leichter und günstiger zu einer BU. Der Trend geht inzwischen bis zur Schüler-BU. „Viele Anbieter versichern bereits ab dem zehnten Lebensjahr, teils noch früher“, sagt Grieble. Ein früher Vertrag verschafft jungen Menschen einen „Fuß in der Tür“: Später auftretende Erkrankungen führen grundsätzlich nicht zu einer erneuten Gesundheitsprüfung des bestehenden Vertrags.25Prozentder privat gegen Berufsunfähigkeit abgesicherten Erwerbstätigen werden im Laufe ihres Arbeitslebens mindestens einmal berufsunfähig. Quelle: Deutsche AktuarvereinigungBU-Tarife bieten mehr als eine RenteNicht nur beim Einstiegsalter hat sich der Markt verändert. Auch die Tarife entwickeln sich weiter. Manche Anbieter ergänzen den Versicherungsschutz inzwischen um Hilfen während längerer Krankheitsphasen, Präventionsangebote und Unterstützung bei der Rückkehr in den Beruf.„Bei modernen BU-Produkten geht es nicht mehr ausschließlich darum, im Leistungsfall eine monatliche Rente zu erhalten“, sagt René Wördemann, Leiter Produktmanagement der Ergo Vorsorge Lebensversicherung. Kunden erwarteten zunehmend Unterstützung auch bei längerer Arbeitsunfähigkeit oder der beruflichen Wiedereingliederung.Wie sich diese Entwicklung in konkreten Tarifen niederschlägt, zeigen drei der mit „exzellent“ bewerteten Angebote. Die Tarife von HDI, Nürnberger und Ergo ergänzen den BU-Schutz um Leistungen bei längerer Arbeitsunfähigkeit. Diese können bei allen drei Angeboten für bis zu 36 Monate in Höhe der vereinbarten BU-Rente gezahlt werden. Die Voraussetzungen und zusätzlichen Tarifmerkmale unterscheiden sich jedoch.Zu diesen Angeboten gehört der Tarif „SBU EGO Top“ mit dem „Baustein Leistung bei Krankschreibung“ der HDI Lebensversicherung. Er verzichtet auf die abstrakte und konkrete Verweisung. Der Versicherer kann die Leistung weder mit dem Hinweis auf einen anderen theoretisch möglichen Beruf noch auf eine tatsächlich neu ausgeübte Tätigkeit verweigern.Solange eine mindestens 50-prozentige Berufsunfähigkeit im zuletzt ausgeübten Beruf besteht, zahlt HDI die vereinbarte BU-Rente auch dann weiter, wenn der Versicherte inzwischen eine andere Tätigkeit aufgenommen hat.Der Tarif „BU4Future aktiv Komfort mit AU“ der Nürnberger Lebensversicherung ergänzt den Versicherungsschutz um Angebote zur Prävention und Unterstützung bei psychischen Erkrankungen. Zum Programm „Resilience+“ gehört professionelle psychologische Begleitung für Versicherte, die länger als sechs Wochen wegen psychischer Beschwerden arbeitsunfähig sind.Beim Tarif „Ergo BU Best mit AU Plus“ der Ergo Lebensversicherung lässt sich der zusätzliche Schutz bei Arbeitsunfähigkeit nach Angaben des Versicherers auch noch nach Vertragsschluss einschließen. Diese Leistung kann damit Einkommensausfälle abfedern, wenn noch nicht feststeht, ob aus einer längeren Erkrankung eine Berufsunfähigkeit wird. Für Betroffene sei es von großem Wert, bereits vor Feststellung einer Berufsunfähigkeit finanziell abgesichert zu sein, sagt Wördemann.