Es ist Nacht. Lucas Krieg hatte vergessen, das Licht auszumachen. Und wenn jetzt jemand an seinem Haus vorbeiläuft – der würde doch wegen des Lichtes wissen, dass da ein kleiner Junge liegt. Er bekommt Angst. Ein Knacken im Schloss. Schritte im Gang. Der Fünfjährige versucht sich unter der Bettdecke zu verstecken. Doch hier beginnt das Problem, das jede Nacht anders ist: Denn entweder die Decke hat sich verklemmt, ist so schwer wie Blei oder so leicht wie eine Feder. Das Monster kommt durch die Tür. Lucas Krieg wacht auf.Nacht für Nacht kehrt der Traum wieder. Bis der Fünfjährige irgendwann im Traum erkennt: Diese Situation kenne ich. Statt sich zu verstecken, reicht er dem Monster die Hand und bietet ihm seine Freundschaft an. Das Monster nimmt ihn in seine Gruppe auf. Danach, erzählt Lucas Krieg, hörten die Albträume auf.Damals hat er noch keinen Namen für das, was geschehen ist. Heute, mit 41 Jahren, kennt er den Begriff: luzides Träumen. Der Träumende weiß während des Traums, dass er träumt, und kann in einigen Fällen sogar bewusst handeln. Für Krieg wird dieser Zustand zu einem Mittel, um sich mental auf schwierige Situationen vorzubereiten, mehr über sich selbst zu erfahren und Bilder aus seinem Inneren in eine Ausstellung zu verwandeln. Können solche luziden Träume wirklich helfen, auch bei schwierigen Problemen, in der Psychotherapie?Die Erkundung und Optimierung der Träume sind seit dem Mittelalter ein Thema: Laut der Mittelalterforscherin Racha Kirakosian der Universität Freiburg hat es in dieser Zeit eine ganze Reihe von Schriften gegeben, wie man trainieren konnte, innere Bilder zu erlangen. Ein Buch beschreibt etwa, wie Gläubige den gekreuzigten Christus „durch Glaube, Hoffnung und Liebe“ betrachten sollten.„Dass man sich im wachen Zustand auf Bilder dieser Art konzentrieren sollte, hat mit großer Wahrscheinlichkeit Auswirkungen auf die Träume der entsprechend Trainierten gehabt“, erklärt Kirakosian. „Die überlieferten Visionen orientieren sich allerdings stark daran, wie eine göttliche Vision damals aussehen und ablaufen sollte – möglicherweise auch deshalb, weil die Menschen genau diese Bilder zuvor eingeübt hatten.“Wie man luzides Träumen lernen kannHeutzutage versuchen luzide Träumer solche Traumgeschichten bewusst zu beeinflussen. Bei Lucas Krieg passierte das nach dem Traum mit dem Monster eher spontan: Er gewann Kämpfe oder entkam seinen Verfolgern. Doch mit 26 Jahren stieß er in einem Buch auf den Begriff des luziden Träumens. Nach dem Lesen der Lektüre öffnet sich für ihn ein Tor zu „dieser Welt, die ich irgendwie schon kannte“, erzählt Krieg. „Aber nun konnte ich in sie hineintreten, sie erkunden und damit experimentieren.“Zunächst versuchte er häufiger, luzid zu träumen. Dabei übt er sogenannte Realitätschecks. Bei dieser Technik prüft er im Alltag wiederholt, ob er wach ist oder träumt. Mehrmals am Tag betrachtet er für zehn Sekunden seine Hand. Im Wachzustand bleibt sie unverändert. Nun weiß er: Er ist in der Realität. Dieses Üben im Wachzustand findet auch Eingang in seine Träume: Auch hier beginnt er zunächst unkontrolliert seine Hand zu betrachten. Dann aber wachsen plötzlich weitere Finger aus ihr heraus, sie wird durchsichtig, oder Gegenstände hängen an ihr. Nun weiß er: Jetzt träume ich.Erst Jahrhunderte nach der mittelalterlichen Optimierung wandte sich auch die Forschung dem Gebiet der luziden Träume zu. Einer der ersten Nachweise gelang dem Forscher Stephen LaBerge und seinem Team der Stanford University. 1981 schrieben sie im Fachmagazin „Perceptual and Motor Skills“, dass sie fünf gezielt ausgewählten Klarträumern im Wachzustand Anweisungen gaben, im Traum in einer festen Reihenfolge besonders stark nach links oder rechts zu blicken. Tatsächlich zeichneten die Messgeräte entsprechende Bewegungen der Augen auf, während die übrigen Messwerte weiterhin zeigten, dass die Personen schliefen.Durch die Realitätschecks gelang es Krieg, die Häufigkeit seiner luziden Träume zu erhöhen: von einem Traum etwa alle sechs Wochen auf einen Traum jede Nacht. Durch das Erkennen des Traums begann er, den Zustand gezielt für sich zu nutzen. Vor seinem ersten Kampfsportturnier im Jahr 2018 war er nervös. Kurz vor dem Einschlafen dachte er daran, dass er davon träumen werde – und tat es dann tatsächlich. Im Traum spielte er die Situation durch. Das half ihm, sich auch im wachen Zustand zu beruhigen: „Ich wusste: Das hast du ja schon mal gemacht“, erzählt er.Seit LaBerges Experiment ist die Forschung zu luziden Träumen populär geworden. Man fand etwa heraus, dass im normalen Traum Bereiche des sogenannten präfrontalen Cortex weniger aktiv sind. Diese Teile im Gehirn sind unter anderem für kritisches Denken und Selbstreflexion wichtig. Sprich: Im normalen Traum ist der innere Faktencheck gedämpft. Beim luziden Träumen scheinen einige dieser Bereiche hingegen wieder stärker aktiv zu werden. Das könnte dazu beitragen, dass Menschen wie Krieg bei einem Realitätscheck erkennen können: Ich bin gerade in einem Traum.Dieses Erkennen ist gar nicht so selten. Mindestens die Hälfte aller Menschen hat es laut einem Übersichtsartikel schon einmal erlebt. Die klinische Psychologin und Psychotherapeutin Brigitte Holzinger der medizinischen Universität Wien spricht dabei vom „präluziden Träumen“, was eher einer Vorstufe gleicht. Sie benutzt den Begriff enger als manch andere Forschende. Denn wirklich spannend und erlebnisverändernd werde es ihrer Meinung nach erst, wenn noch ein weiterer Faktor hinzukommt: die Entscheidungsfreiheit. Wenn man also gewisse Dinge im Traum auch steuern kann.So wie bei Krieg: In einem Traum wurde er von einem Mann verfolgt: über zwei Meter groß, 110 Kilogramm schwer, gelber Overall. Die beiden begannen, mit Stichwaffen gegeneinander zu kämpfen. Doch dann erkannte Krieg, dass er träumt – und dass er bewusst handeln kann. Er packt den Mann und schüttelt ihn: „Warum streiten wir uns?“Plötzlich bemerkte Krieg, dass die Gestalt ihm selbst ähnelt. Der Mann antwortete sinngemäß: „Diesen Konflikt gäbe es nicht, wenn es nur mich gäbe.“ Zunächst erschien Krieg die Botschaft rätselhaft. Doch mit der Zeit wurde ihm klar, dass der Mann einen Teil von ihm selbst verkörpert hatte. Krieg weiß, dass er in manchen Situationen zu unbarmherzig und vielleicht sogar brutal zu sich selbst ist. Durch den luziden Traum hat er mehr über sich selbst erfahren.Hilft das, etwa in der Psychotherapie? Luzides Träumen kann die Therapie ergänzen. Die Idee: Patienten lernen, im Traum zu erkennen, dass sie träumen, sowie Albträume zu verändern oder sich aufzuwecken. Danach können sie das Erlebte therapeutisch besprechen. Zu den Effekten solch einer Therapie gibt es bisher nur wenige Untersuchungen mit kleinen Stichproben. Eine Studie zeigte etwa, dass Albträume im Verlauf einer solchen traumgestützten Behandlung zurückgingen und sich die Schlafqualität verbesserte. Laut einer Übersichtsarbeit von 2023 sind die Ergebnisse der Therapie bei Albträumen ermutigend. Bei Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung half die Therapie in einer Studie jedoch weder dabei, die Albträume zu verringern noch die Schlafqualität zu verbessern. Allerdings sanken Angst- und Depressionswerte im Laufe der Therapie – was aber auch bei der Kontrollgruppe der Fall war. Immerhin: Schaden tut es nicht.Wie sehr sollten Therapeuten das luzide Träumen also in der Psychotherapie nutzen? Der Professor und psychologische Psychotherapeut Christian Roesler von der Katholischen Hochschule Freiburg hält die Arbeit damit für wenig sinnvoll: „Der Witz am Traum für die Arbeit in der Psychotherapie ist ja gerade, dass uns hier die Psyche eine andere Perspektive zeigt, als wir sie selbst haben.“ Er arbeitet auf anderen Wegen mit den Träumen.Anders sieht es Brigitte Holzinger. Für sie gibt es kein einheitliches „Rezept“, wie alle Menschen gleichermaßen durch luzide Träume zu mehr Wohlbefinden finden: Dem einen könnte es etwa helfen, sich durch den luziden Traum bewusst aufzuwecken. Bei einem anderen könne es vielleicht helfen, den Traum gezielt zu verändern. Gemeinsam mit einem erfahrenen Psychotherapeuten oder einer -therapeutin könne man seinen Weg finden. Für sie seien solche Träume auf jeden Fall ein „Schatz“, mit dem sich gut in der Therapie arbeiten lasse.Positive Erlebnisse im Traum können in der Realität helfenAuch Menschen außerhalb der Therapie könne der luzide Traum helfen, so Holzinger: Vielleicht sei jemand Musiker, hat aber gerade eine Blockade und traue sich nicht zu, flüssiger zu spielen. Dann könne er im luziden Traum erleben, wie er mit seiner Musik wieder Menschen begeistert.In seiner Abschlussarbeit im Designstudium überträgt Lucas Krieg Begegnungen aus der Traumwelt in die Realität. Diese hält er in einem von ihm illustrierten Buch fest. Jahre später nutzt er sie auch für eine Ausstellung: In einem luziden Traum flieht er mit seinem Vater vor Zombies – „was ein bisschen daran liegen könnte, dass ich zu der Zeit etwas viel von einer entsprechenden Serie geschaut habe“, sagt er. An einem Lagerfeuer bittet er seinen Vater um einen Rat für sein Leben. Dieser zeichnet ihm eine Art Gewehr.2021 baut Krieg den Traum nach: aus einer Blechbüchse, Metallteilen und einer Holzplatte. Das postapokalyptische Gewehr stellt er anschließend aus. Damit macht er etwas sichtbar, das sonst nur ihm selbst zugänglich gewesen wäre. „Fast jeder hat in Träumen bereits etwas höchst Emotionales und Persönliches erlebt“, sagt er. Etwas, das in der Gesellschaft nur selten Platz findet. Durch seine Ausstellungen möchte er einen Anlass schaffen, bewusster über den eigenen Umgang mit Ängsten, Konflikten und Bedürfnissen nachzudenken.Aber ist es nicht wichtig, dass das Gehirn im Schlaf in einen anderen Zustand wechselt – und eben vom Bewusstsein so weit es geht entkoppelt wird? Sollte man da nicht vorsichtig sein? Christian Roesler sieht es kritisch, wenn eine Person etwa einen Albtraum habe, sich dessen bewusst werde, aber ihn trotzdem nicht verlassen könne. Holzinger wiederum rät zur Vorsicht, wenn sich durch das Üben der luziden Träume Schlafprobleme ergeben. Insgesamt sei das Risiko aber gering: Selbst trainierte Menschen hätten nur relativ selten luzide Träume.Zuletzt bleibt die Frage: Will man selbst mit den luziden Träumen etwas erschaffen, das, wie die Mittelalterforscherin Kirakosian sagt, „heutzutage wohl viel mit Perfektionierung und Optimierung zusammenhängt“? Oder lässt man es bleiben und verspielt sich eine Möglichkeit, gegen seine Albträume vorzugehen oder in den Genuss unendlicher Möglichkeiten zu kommen?Wie man sich auch entscheiden mag: Vielleicht macht der luzide Traum nicht nur klar, wie wirklich sich Träume anfühlen können. Sondern vielleicht lohnt es sich auch, zu fragen, wie verträumt wir manchmal die Realität erleben.
Luzides Träumen: wie man es lernt und was es bringt
Im Traum sein Leben reflektieren, seine Albträume bewusst verändern und so die mentale Gesundheit verbessern. Klingt wunderbar. Aber wie können luzide Träume wirklich in der Psychotherapie helfen? Ein Klarträumer, Psychotherapeuten und Forscher berichten.







