Die geraubten Kinder Grossbritanniens: Liz Harvie wurde als Säugling ihrer Mutter entrissen – bis heute sucht sie FriedenEin System aus Scham und staatlicher Kälte zwang Zehntausende ledige Mütter im Vereinigten Königreich, ihre Kinder zur Adoption freizugeben. Jahrzehnte später folgt die offizielle Entschuldigung – doch viele Wunden bleiben offen.Claudia Wanner, London24.08.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenZwei Krankenschwestern kümmern sich im Jahr 1967 um Neugeborene in der St.-Teresa-Entbindungsklinik in London.Norman Potter / Hulton Archive / GettyLiz Harvie war nur gerade zehn Tage alt, als sie 1974 in einem Entbindungsheim im britischen Northampton ihrer schluchzenden Mutter entrissen wurde, gewaltsam und ohne Diskussion, um in einer Adoptivfamilie aufzuwachsen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Harvie kämpft bis heute mit dem, was damals geschehen ist. «Beim Baby hinterlässt das eine Urwunde. Doch von der Gesellschaft wird das nicht anerkannt», sagt sie. Das Trauma der frühkindlichen Trennung, die Kindheit und Jugend ohne genetischen Spiegel, die lange Suche nach ihrer wahren Identität und ihren leiblichen Eltern – all das werde sie nicht mehr los.Ihr Schicksal ist kein Einzelfall. Harvie ist eines von Tausenden Opfern von Zwangsadoptionen im Vereinigten Königreich. Laut Schätzungen waren rund 185 000 Mütter und ihre Säuglinge zwischen 1949 und der Mitte der 1970er Jahre allein in England und Wales davon betroffen. Unverheirateten Frauen wurden die Babys genommen, nachdem sie genötigt, eingeschüchtert, irregeführt worden waren. Man vermittelte ihnen, dass sie keine andere Wahl hätten, als die Kinder zur Adoption freizugeben.Das Trauma wirkt nachBis heute beschäftigt Liz Harvie der Gedanke, was es bedeutet, dass ihr Leben als Claire Watts begonnen hat. Auf diesen Namen hatten sie ihre leiblichen Eltern getauft. «Was wurde aus diesem Mädchen?», fragt sie. «Claire wird ewig weiterleben. Ein Totenschein auf ihren Namen wird nie ausgestellt.» Ihre Adoptiveltern nannten sie Elizabeth, heute stellt sie sich mit «Liz» vor.Liz Harvie.PDDie 52-Jährige, die mit ihrem schulterlangen Haar und den strahlend blauen Augen deutlich jünger wirkt, ist seit vielen Jahren glücklich verheiratet, ihren Mann hat sie an der Uni kennengelernt. Sie leben in Surrey im Süden Englands, die zwei erwachsenen Töchter sind im Studium und fast aus dem Haus. Ihre engste Familie habe ihr immer ganz besonders am Herzen gelegen, sagt sie. Es klingt an, wie das Trauma ihrer eigenen Lebensgeschichte an vielen Stellen nachwirkt.In den vergangenen Jahren hat ihre ehrenamtliche Arbeit für das Adult Adoptee Movement, eine Organisation von Zwangsadoptierten, viel Zeit beansprucht. Im Gespräch wird schnell deutlich, wie wichtig es ihr ist, Aufmerksamkeit für das vielfach erlittene Unrecht zu erlangen. Immer wieder redet sie sich in Fahrt, unterbrochen aber auch von nachdenklichen Pausen.Der Vater verlangte eine AbtreibungAls Harvie 16 Jahre alt war, hielten die Adoptiveltern die Zeit für reif, ihr die Unterlagen der Adoption zu überlassen. Darin las sie, dass sie bei der Geburt zierlich war, mit einem Ansatz kastanienbraunen Haares. Und sie erfuhr, dass ihre leiblichen Eltern Yvonne und Andrew hiessen.Von den Umständen der Adoption erfuhr sie allerdings erst Jahre später: Die Eltern von Harvies Mutter Yvonne hatten die Beziehung zu ihrer Jugendliebe Andrew missbilligt. Als Yvonne ihnen die Schwangerschaft gestand, verlangte der wutschnaubende Vater eine Abtreibung. Doch dafür war es zu spät. So wurde die Adoption zur nächsten Lösung. Yvonne hatte bei den Diskussionen keinerlei Mitspracherecht. Vielmehr geriet sie in ein seit Jahren bestehendes, eingespieltes System, das die Säuglinge unverheirateter Frauen an Adoptivfamilien vermittelte.Nicht lange nach ihrem achtzehnten Geburtstag machte sich Harvie auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter. Sie hatte Glück. Die Children’s Society, die einst die Adoption vermittelt hatte, konnte eine Verbindung herstellen. «Zuerst schrieben wir uns Briefe, schickten Fotos. Als ich 28 war, trafen wir uns endlich.» Sie hält einen Moment inne, sichtlich bewegt.Das Thema der Zwangsadoptionen war in der britischen Öffentlichkeit jahrelang tabu.Hulton Archive / Getty«Ich kann kaum Worte dafür finden, wie sich das angefühlt hat, meine leibliche Mutter mit eigenen Augen vor mir zu sehen. Mein ganzes Leben lang hatte ich mich gefragt, wie sie wohl aussieht.» Sie seien sich in so vielen Dingen ähnlich, hält sie mit belegter Stimme fest. Bis heute halten sie engen Kontakt. Einfach sei das Verhältnis nicht immer, räumt Harvie nach kurzem Zögern ein. Schliesslich habe die Mutter sie nur als Säugling gekannt – und nun als erwachsene Frau. So verwundert es nicht, dass die Beziehung für Harvie zeitweise erdrückend wirkte. Gelegentlich habe sie auf Abstand gehen müssen, lässt sie anklingen.«Wie konntest du uns das antun?»Das Thema der Zwangsadoptionen war in der britischen Öffentlichkeit jahrelang tabu. Zwar gab es für die Opfer einzelne Anlaufstellen. Doch erst dank der unermüdlichen Arbeit von Aktivisten kam das Ausmass des geschehenen Unrechts ans Licht.Die 77-jährige Ann Keen gehört zu jenen Vorkämpferinnen, die seit Jahren die Praktiken anprangern. Auch Keen war ein Opfer: Als sie 1966 mit 17 Jahren schwanger wurde, wurde sie von ihrer Familie in ein Mutter-Kind-Heim geschickt. Ihr Sohn wurde ihr dort nach der Geburt sofort weggenommen. Nur dank einer mitfühlenden Pflegerin habe sie den Säugling in den Tagen danach gelegentlich sehen dürfen. Das berichtete die ausgebildete Krankenpflegerin, die von 1997 bis 2010 als Abgeordnete der Labour-Partei im Unterhaus sass, vor vier Jahren dem parlamentarischen Ausschuss für Menschenrechte.Vor dem Gremium erzählte sie, wie ihre Familie damals auf die Schwangerschaft reagiert habe: «Wie konntest du uns das antun? Du hast grosse Schande über uns gebracht. Wir haben jeden Respekt verloren. Du hast jeden Respekt verloren», habe ihre Mutter gesagt. Ein mehrere Jahre älterer Mann, verheiratet, hatte die junge Keen verführt. Um die Schwangerschaft geheim zu halten, wurde sie aus dem Heimatort zunächst zu Verwandten geschickt, später in eine Einrichtung für werdende Mütter, wo sie arbeiten musste.Die Geburt war schwierig. Doch Schmerzmittel wurden ihr verweigert, ein Dammriss ohne Narkose genäht. Das Spitalpersonal habe ihr erklärt, dass diese Schmerzen sie davon abhalten würden, jemals wieder in eine solche Situation zu geraten, erzählte Keen. «Es war ein einziges, grauenvolles Martyrium.»Die Regierung entschuldigt sich«Ledige Mütter wurden zu Sünderinnen gestempelt», sagt Janet Greenlees, Professorin für Medizingeschichte an der Glasgow Caledonian University. In kirchlichen oder staatlichen Einrichtungen sollten die Frauen ausser Sichtweite gebracht werden. Und die Neugeborenen wurden an kinderlose Ehepaare zur Adoption gegeben. «Die verbreitete öffentliche Meinung war, dass diese Familien ein Baby verdienten. Und dass es den Kindern in diesem Umfeld besser gehen würde.» Mitreden durften die jungen Frauen nicht.Vergleichbar dunkle Kapitel der jüngeren Sozialgeschichte sind nicht auf Grossbritannien beschränkt. Auch in Irland wurden unverheiratete Mütter in Arbeitshäusern brutal behandelt, auch dort gab es unzählige Zwangsadoptionen. Das Vorgehen war eng verbunden mit Institutionen der katholischen Kirche. In der Schweiz wurden ledige Mütter in der Nachkriegszeit ebenso in Entbindungsheime geschickt und genötigt, ihre Kinder adoptieren zu lassen. In beiden Staaten sahen sich die Regierungen 2013 zu einer offiziellen Entschuldigung gezwungen.Zu diesem Zeitpunkt fing die Aufarbeitung im Vereinigten Königreich gerade erst an. Es dauerte bis im Juli 2026, bis sich der inzwischen abgelöste britische Premierminister Keir Starmer für das Unrecht entschuldigte, das der Staat den Betroffenen angetan hatte. In einer Erklärung vor dem Unterhaus sprach er von tiefer Reue angesichts eines Schandflecks in der britischen Geschichte. «Die Schande liegt nicht bei Ihnen. Die Schande lag nie bei Ihnen. Die Schande liegt bei uns.»«Surreal» sei dieser Moment gewesen, sagt Liz Harvie. Als Mitgründerin des Adult Adoptee Movement sass sie an jenem Tag auf der Besuchergalerie im Unterhaus. Die Entschuldigung sei wirklich aufrichtig gewesen, sagt sie, die Stimmung im Parlament emotional. «Es ist eine Bestätigung für mich, dass die britische Regierung anerkennt, was mir Schmerzhaftes angetan wurde.»Dunkelhäutige Säuglinge waren unerwünschtBei den Zwangsadoptionen spielten staatliche Einrichtungen eine wichtige Rolle – sie finanzierten das System. Betreut wurden die Mutter-Kind-Einrichtungen für Ledige und die Adoptionsagenturen oft von der anglikanischen, gelegentlich der katholischen Kirche. Auch Sozialarbeiter waren involviert.Entstanden waren die Heime für unverheiratete werdende Mütter bereits in der Zwischenkriegszeit und in den Jahren des Zweiten Weltkriegs. Sie sollten eine humanere Alternative zu den Arbeitshäusern darstellen, in denen viele ledige Mütter angesichts fehlender Sozialleistungen unweigerlich landeten. Zunächst war die Idee, Mutter und Kind dort zusammenzuhalten.«Das hat sich schrittweise geändert. Adoption wurde zur Norm», erklärt Michael Lambert, Dozent für medizinische Geisteswissenschaft an der Lancaster University. Einhergegangen sei das mit einer veränderten Wahrnehmung von Adoption in der Gesellschaft. «Lange war das Bürgertum sehr zurückhaltend. Man hatte ein eugenisches Verständnis von Kindern.» Charakter, Moral und «soziales Versagen» sah man als genetisch bedingt und erblich. Doch diese Bedenken wurden in den Nachkriegsjahren von der Idee abgelöst, dass Säuglinge ein unbeschriebenes Blatt seien, das sich formen lasse.Ausnahmen gab es. Säuglinge mit dunkler Hautfarbe oder solche, die unter einer Behinderung litten, waren kaum zu vermitteln. In den Archiven stosse er immer wieder auf Beschreibungen von Kindern, die laut den Unterlagen als «weiss» ausgegeben werden könnten, auch wenn sie aus einer ethnisch gemischten Beziehung stammten, sagt der Experte für Sozial- und Gesundheitspolitik im modernen Grossbritannien. «Da wird unmissverständlich klar, was als wünschenswert gesehen wurde.»Kirche und Staat waren damals überzeugt, den Kindern durch die Adoption eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Liz Harvey kann diesem Gedanken nichts abgewinnen. «Adoption wird immer als ein ‹Geschenk› dargestellt. Adoptivkindern wird erzählt, sie seien etwas ‹Besonderes›, sie seien ‹ausgewählt› worden. Ich empfinde das als verletzend. Ich wurde meiner leiblichen Mutter schliesslich weggenommen.» Mit ihren Gefühlen und den Fragen zu ihrer Herkunft sei sie immer allein geblieben, Unterstützung gab es nicht. Von ihrer Adoptivfamilie hat sie sich im Erwachsenenalter komplett entfremdet.Ein kleines bisschen FriedenIm Jahr 1968 erreichten die Adoptionen in Grossbritannien einen Höchstwert. Um das System schliesslich Schritt für Schritt zu beenden, kam eine Reihe von Faktoren zusammen. Der Zugang zu Verhütungsmitteln und Abtreibungen spielte genauso eine Rolle wie die zunehmende finanzielle Unterstützung für alleinstehende Mütter. Klassische Rollenbilder schwächten sich ab den 1970er Jahren ab. Aussereheliche Kinder galten in der Gesellschaft nicht mehr als Schande.Dennoch stehe Grossbritannien bei der Aufarbeitung immer noch am Anfang, sagt die Medizinhistorikerin Janet Greenlees. «Wir haben eine Entschuldigung. Doch was kommt jetzt?»Liz Harvie setzt sich mit ihrer Organisation dafür ein, dass Betroffene einen besseren Zugang zu psychologischer Unterstützung erhalten. «Mütter, denen die Kinder genommen wurden, und diese Kinder haben ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Das muss berücksichtigt werden.»Liz Harvie ist überzeugt, dass die Entschuldigung der britischen Regierung aufrichtig war. Mit der Organisation Adult Adoptee Movement setzt sie sich weiter für die Opfer von Zwangsadoptionen ein.PDMichael Lambert sagt, der Zugang zu Dokumenten und Archiven müsse verbessert werden. Material sei auf viele Stellen verteilt, die Suche sei bis heute mühsam und zeitaufwendig – für Betroffene ebenso wie für Wissenschafter.Für Harvie ist ein entscheidender Schritt aber erfolgt. «Entschuldigung» sei ein kleines Wort, für manche leibliche Mütter und Adoptivkinder komme es zu spät. «Ein kleines bisschen Frieden auf unserem Weg der Heilung hat es uns dennoch gebracht.»Passend zum Artikel