Interview«Wer heute von Mutterglück spricht, begibt sich auf verdächtiges Terrain»Die Autorin und dreifache Mutter Marlen Hobrack verteidigt in ihrem neuen Buch die Mutterschaft gegen die Anfeindungen des Feminismus und des Individualismus. Ein Gespräch über Glucken, Glück und mütterliche Gestaltungsmacht.23.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenWeshalb glauben Mütter eigentlich, ein gekaufter Geburtstagskuchen sage auch etwas über sie selber aus? Marlen Hobrack kennt die Antwort.Pavel Bekker / UnsplashFrage: «NZZ am Sonntag»: Frau Hobrack, wann haben Sie das letzte Mal vom Dasein als Mama geschwärmt?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Antwort: Marlen Hobrack: Als Mutter wagt man das tatsächlich kaum mehr spontan und ohne sich zu vergewissern, wer mithört. Denn wer heute von Mutterglück, Freude oder Stolz spricht, begibt sich auf verdächtiges, ja geradezu ideologisch verbrämtes Terrain. Man steht etwa sofort unter Verdacht, kinderlose Frauen abzuwerten. Auch deshalb habe ich das Buch geschrieben.Frage: Wird man zur Tradwife gestempelt? Zur traditionellen Ehefrau, wie sie auf Instagram auch genannt wird?Antwort: Zumindest gibt es diesen Instagram-Trend nicht umsonst: Man muss sich tatsächlich in konservativen Kreisen bewegen, um nicht nur die Last, sondern auch die Lust am Muttersein anzutreffen. Überall sonst wird die Geburt eines Kindes im Leben einer Frau nicht als Anfang, sondern als Endpunkt begriffen: als Ende der persönlichen Freiheit und der ökonomischen Unabhängigkeit.Frage: Das ist nicht falsch.Antwort: Nein. Mir geht es nicht darum, die ökonomischen Realitäten und individuellen Kosten einer Mutterschaft zu verschweigen. Aber der Diskurs ist fast ausschliesslich negativ geworden. Der Feminismus hat Mutterschaft mit einem solchen Furor dekonstruiert, dass nurmehr ein Jammertal übrig geblieben ist.Frage: Wo genau ist der Feminismus aus Ihrer Sicht falsch abgebogen?Antwort: Er hat zu Recht den Mythos bekämpft, wonach nur eine Mutter wirklich Frau sein könne. Aber statt den Kinderwunsch von vielen Frauen ernst zu nehmen und die gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen, unter denen er realisiert werden muss, anzuklagen, hat er das Kind sozusagen mit dem Bad ausgeschüttet und Mutterschaft an sich entwertet. Die Entscheidung vieler Feministinnen, kinderfrei zu bleiben, ist vollkommen legitim. Aber es ist eine individuelle Antwort auf ein gesellschaftliches Problem, keine tragfähige politische Lösung für die Zukunft.Marlen HobrackPDMarlen Hobrack, Jahrgang 1986, studierte Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaften in Dresden und arbeitete zunächst in einer Unternehmensberatung. Seit 2016 ist sie als freie Journalistin und Autorin tätig. Ihr neuestes Buch heisst «Stolz und Zweifel. Eine Verteidigung der Mutterschaft» (Harper Collins, Hamburg 2026). Marlen Hobrack hat drei Kinder und lebt in Leipzig.Frage: Wo liegt denn das grösste gesellschaftliche Problem für Mütter?Antwort: Die eigentliche Tragik ist, dass der Feminismus seine grössten Erfolge zeitgleich mit dem Durchmarsch des Individualismus und Neoliberalismus feierte. Die feministische Forderung, dass Frauen erwerbstätig und finanziell unabhängig sein müssen, passte perfekt in ein Weltbild, welches das Individuum primär als autarken, flexiblen Marktteilnehmer begreift.Frage: Mutterschaft ist das Gegenteil davon.Antwort: Genau. Deshalb fordere ich in meinem Buch eine Rehabilitierung des Wortes «Abhängigkeit». Solange man jung, gesund und kinderfrei ist, kann man sich der Illusion der vollkommenen Autonomie noch hingeben. Doch irgendwann zerschellt sie. Mutterschaft aber stellt uns mitten in die Realität der menschlichen Existenz: Ein Neugeborenes ist absolut abhängig – und auch eine Mutter ist auf Partner und Netzwerke angewiesen. Wenn wir Abhängigkeit stets mit Schwäche oder Versagen gleichsetzen, muss jede Mutter, die Hilfe braucht, in Selbstzweifel geraten. Wir erklären Frauen heute gebetsmühlenartig, sie müssten Vollzeit arbeiten und unabhängig bleiben, um nicht in die Rentenarmut zu tappen. Gleichzeitig werden sie zu den Hauptschuldigen für die tiefe Geburtenrate gemacht. Das ist doch schizophren.Frage: Sie haben sich um diesen Rat foutiert, waren mit neunzehn schwanger und haben als junge Mutter studiert. Würden Sie das weiterempfehlen?Antwort: Als ich ungeplant schwanger wurde, stand das klassische Katastrophenszenario im Raum: Ich hatte noch kein Abitur, kein Geld, keinen festen Partner. Von aussen schlug mir sofort Beschämung entgegen. Wie kannst du nur? Warum versaust du dir das Leben? Die Beschämung war das Schwierigste an dieser frühen Mutterschaft. Sonst hatte ich nie das Gefühl, viel aufgeben zu müssen, gerade weil ich mich in meinem Erwachsenenleben noch nicht eingerichtet hatte. Rückblickend betrachte ich diese ungeplante Schwangerschaft als grösstes Glück. Aber natürlich ist das mein Erleben, und daraus lässt sich kein Fazit für andere Frauen ziehen.Frage: In Literatur und Film wird der Übergang zur Mutterschaft oft mit einem Ich-Verlust beschrieben. Kennen Sie ihn?Antwort: Ich kann ihn aus den späteren Schwangerschaften nachvollziehen. Bei meinem dritten Kind, mit vierzig, fiel mir diese Symbiose des Anfangs, das Stillen, der Schlafentzug, das Angebundensein viel schwerer. Mutter wird man nie im luftleeren Raum, und Mutterschaft ist stets familiär, sozial, kulturell geprägt.Frage: Ihre Mutter ist in der DDR aufgewachsen. Inwiefern hat sie das als Mutter geprägt?Antwort: Sie hat kein Aufhebens gemacht wegen meiner Schwangerschaft. Wenn du das Kind willst, kriegen wir das hin, meinte sie bloss. Selber ist sie ja wie viele DDR-Frauen jung Mutter geworden und hat gearbeitet. Eine Selbstverständlichkeit damals. Und das bekam ich mit auf den Weg. Mein Sohn ging in die Krippe, ich studierte. Auch gut 35 Jahre nach der Wende merke ich diesen Unterschied in der Mentalität. Nicht nur zwischen dem Osten und dem Westen, auch zwischen den Klassen.Frage: Welche Rolle spielt die soziale Herkunft?Antwort: Eine gigantische Rolle – die im akademischen Feminismus fast völlig verdrängt wird. In meiner Familie gibt es fast nur Frauen aus der Arbeiterschicht. Meine Tanten und meine Mutter haben sich nie den Kopf darüber zerbrochen, ob sie wohl «gute Mütter» seien. Sie haben gearbeitet, ihre Kinder grossgezogen und nahmen jede Unterstützung dankend an – ob Fertigbrei oder Flasche.Frage: Bürgerliche Frauen leiden stärker an Mutterbildern?Antwort: Die dauernde Reflexion und das ständige Leiden an den eigenen Ansprüchen ist primär ein Phänomen der akademischen Mittelklasse. Die ideale Mutterfigur wurde innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft entworfen, seit Jean-Jacques Rousseau und Johann Heinrich Pestalozzi ist das bürgerliche Frausein in der Rolle der Mutter aufgegangen. Nur deshalb glauben Frauen bis heute, dass ein gekaufter Geburtstagskuchen auch etwas über sie selber aussagt.Frage: Auch wenn der Vater ihn kauft?Antwort: Der bekommt dafür ganz viel Lob. Vorab, wenn die Frau ihn nicht noch per SMS daran erinnern musste. Spass beiseite: Es herrscht eine haarsträubende Asymmetrie der Erwartungen. Während Mütter nichts richtig machen können, entweder zu früh oder zu spät ein Kind bekommen, zu viel oder zu wenig arbeiten, können Väter fast nichts falsch machen. Es sei denn, sie prügeln Frau und Kind oder verschwinden. Die Messlatte hängt absurd tief, und die Frauen selber sorgen dafür, dass das so bleibt.Frage: Wie denn?Antwort: Indem sie sich mit dem Minimum zufriedengeben. Oder in der öffentlichen Debatte selten sagen: Der Vater meiner Kinder macht die Hälfte. Ich halte das für sexistisch, weil es Männern die Fähigkeit zur echten Fürsorge abspricht.Frage: Sie nehmen eine Diskrepanz zwischen öffentlicher Debatte und gelebter Realität wahr?Antwort: Absolut, und für engagierte Väter muss man dringend eine Lanze brechen. Mein Mann hat bei unseren beiden gemeinsamen Kindern die Mehrzahl der Elterngeldmonate übernommen – er hat gewickelt, gekocht und den Alltag geschultert. Solche Väter existieren in grosser Zahl, aber im feministischen Diskurs kommen sie erstaunlich selten vor. Warum erzählen wir nicht viel öfter von den positiven Beispielen, um die Messlatte für alle Männer nachhaltig nach oben zu verschieben?Frage: Was braucht es sonst noch für ein neues Verständnis von Mutterschaft?Antwort: Die traditionelle Sicht hatte bloss das Wohl des Kindes im Auge, egal, wie sehr die Mutter sich dafür verausgaben musste. Der Feminismus wiederum verharrte im gegenteiligen Extrem und blickte nur auf die Frau. Beide Ansätze greifen zu kurz. Ein neues Verständnis von Mutterschaft muss anerkennen, dass die Geburt eines Kindes eine Transformation ist, die Herz und Hirn nachhaltig verändert. Man gibt Teile der bisherigen Autonomie auf, gewinnt aber eine tiefe unerschütterliche Verbundenheit und eine ungeheure Gestaltungsmacht. Dieser Gewinn muss endlich in die Debatte einfliessen.Frage: Was raten Sie einer jungen Frau, die sich mit der Kinderfrage quält?Antwort: Wenn der Wunsch nach einem Kind nur eine Option auf einer To-do-Liste ist, sollte man es lieber lassen. Wenn aber ein tiefsitzendes Verlangen spürbar ist, lautet mein Rat: Warten Sie nicht auf den «perfekten Moment». Es gibt ihn nicht. Die Vorstellung, dass erst das Konto prall gefüllt, die Karriere auf dem Höhepunkt und der Partner perfekt sein muss, verhindert das Leben. Man muss den Mut zur Improvisation haben.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel